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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 12.04.2013

Die umstrittene "Harvard-Krebsmaus"

Vor 25 Jahren wurde in den USA erstmals ein Patent für ein genmanipuliertes Säugetier erteilt

Von Martin Winkelheide

Umweltschützer protestieren gegen das Patent auf die Krebsmaus. (picture alliance / dpa)
Umweltschützer protestieren gegen das Patent auf die Krebsmaus. (picture alliance / dpa)

Als der US-amerikanische Forscher Philip Leder beweisen wollte, dass ein verändertes Gen Krebs verursachen kann, manipulierte er das Erbgut von Labormäusen. Furore machte sein Versuch, weil die Harvard-Universität die "Krebsmaus" patentieren ließ.

Sie sieht aus wie eine ganz normale Hausmaus. Aber die so genannte "Harvard-Krebsmaus" zählt – mit dem Klonschaf Dolly - zu den bekanntesten Tieren aus einem wissenschaftlichen Labor.

"Micky Maus streckt sich dem Zeigefinger Gottes entgegen. Der Funke des Lebens beseelt ihn. Das zeigt diese Karikatur hier. Wirklich lustig und auch befremdlich, wenn man genauer darüber nachdenkt. Aber das ist nur einer von vielen Cartoons."

Der US-amerikanische Forscher Philip Leder von der Harvard-Universität in Boston betrachtet eine Karikatur, die auf Michelangelos berühmtes Fresko in der Sixtinischen Kapelle anspielt und zeigt, wie Gott den Adam schuf. Leder sieht sich selbst allerdings nicht als Schöpfer, sondern einfach nur als Wissenschaftler, der eine so komplexe Erkrankung wie Krebs verstehen will.

"”Krebs ist eine genetische Erkrankung. Wenn Krebs entsteht, dann sind immer Schäden im Erbmolekül zu finden. Und zwar in ganz normalen Körperzellen, also nicht in Spermien oder Eizellen.""

Philip Leder machte Anfang der 80er-Jahre die Entdeckung: Menschen, bei denen ein bestimmtes Gen verändert ist, haben ein besonders hohes Risiko, an einer speziellen Form von Lymphdrüsenkrebs zu erkranken. Gemeinsam mit seinem Kollegen Timothy Stewart wollte er 1984 beweisen, dass es einen ursächlichen Zusammenhang gibt zwischen dem veränderten Gen und der Krebsentstehung. Sie übertrugen das Gen in Mäuse-Embryonen. Tatsächlich erkrankten die genetisch manipulierten Tiere leichter an Krebs als gewöhnliche Mäuse.

"”Als gehorsame Angestellte der Harvard-Universität informierten Tim und ich das Büro für Technologielizenzierung über unser Experiment. Die Harvard-Universität meldete daraufhin ein Patent an, das auch genehmigt wurde." "

Und zwar am 12. April 1988 unter der Nummer 4.736.866. Der DuPont-Konzern, der die Forschung mit sechs Millionen Dollar unterstützt hatte, erhielt die Verwertungsrechte.
Die "Harvard-Krebsmaus" war damit der erste patentrechtlich geschützte Säugetierorganismus.

"Was wirklich für öffentliche Aufmerksamkeit sorgte, war nicht die Grundlagenforschung. Man diskutierte nicht darüber, ob oder wie nützlich solche Modell-Tiere sind. Für Furore sorgte einzig die Tatsache, dass sie patentiert wurden."

Zur Diskussion stand eine grundsätzliche Frage: Ist Leben patentierbar?
Als DuPont das Krebsmaus-Patent in Kanada anmelden wollte, wurde es abgelehnt. Die Begründung: Höhere Lebensformen können nicht Gegenstand einer Erfindung sein. Das Europäische Patentamt in München teilte diese Position zunächst, führte dann aber die Unterscheidung zwischen Tierarten und einzelnen genetisch manipulierten Tieren ein. 1992 erteilte es dann das Patent.

Dagegen regte sich Widerstand. Es gab 17 Einsprüche, an denen etwa 300 Organisationen und Institutionen in Europa mitgewirkt hatten: von Natur- und Tierschutzorganisationen über Gewerkschaften bis hin zu kirchlichen Gruppen. Trotz der Proteste wurde das Krebs-Maus-Patent 2004 bestätigt – wenn auch mit Einschränkungen: Galt es zuvor für alle Säugetiere – außer dem Menschen –, wurde es jetzt auf Nagetiere begrenzt. Inzwischen sind weit über 2000 genetisch veränderte Tiere patentiert worden, außerdem einzelne Gene und Genabschnitte.

Der Streit um die Harvard-Maus war vor allem eine Debatte über den angemessenen Umgang mit Tieren. Patentgegner beriefen sich dabei auch auf den US-Philosophen Tom Regan:

"Die Tiere sind nicht unsere ‚Modelle‘, nicht unsere ‚Ressourcen‘, nicht unsere ‚Waren‘. Sie sind - so wie wir – jemand, nicht etwas."

Und deshalb, so Regan, sollte man Tiere auch so behandeln, wie man seine Mitmenschen behandele.

Immer mehr Wissenschaftler suchen nach Alternativen zu Tierversuchen. Und sie wägen strenger das Verhältnis von Erkenntnisgewinn und dem Leiden der Tiere ab. Immerhin dürfen EU-weit inzwischen nur noch Kosmetika verkauft werden, die nicht an Tieren getestet wurden. Für die Prüfung von Medikamenten allerdings gibt es noch keine sichere Alternative zu Tierversuchen.

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