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Kompressor | Beitrag vom 04.01.2016

Die syrische Band Khebez Dawle - Teil 1/5Von Beirut nach Berlin: Tagebuch einer Flucht

Von Tabea Grzeszyk

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Die syrische Band Khebez Dawle in einem Proberaum, Beirut 2013 (Deutschlandradio / Tabea Grzeszyk)
Die syrische Band Khebez Dawle in einem Proberaum, Beirut 2013 (Deutschlandradio / Tabea Grzeszyk)

Rund einen Monat waren die Musiker der syrischen Band Khebez Dawle unterwegs, um von Beirut nach Berlin zu kommen - mit dem Schlauchboot über das Mittelmeer, weiter mit der Fähre, dem Bus, zu Fuß. Unterwegs haben die Syrer Konzerte gegeben, in den Medien werden sie als Band bekannt, die ihre Flucht nach Europa in eine Tournee verwandelt hat.

Folge 1: Beirut. Keine neue Heimat.

Mit dem Taxi fahre ich nach "Furn al-shabbak", einem Stadtviertel rund sieben Kilometer südlich der Innenstadt von Beirut. Es ist November 2013, ich bin mit einem Nahoststipendium im Libanon. Imad, ein befreundeter syrischer Künstler, hat mich zu einem Konzert in seine WG eingeladen, die sie "Kindergarten" nennen - ein Refugium für geflohene Maler, Fotografen, Musiker; niemand weiß genau, wie viele Leute dort gerade wohnen. Später wird sich herausstellen, dass dieses Konzert der erste Auftritt von "Khebez Dawle" ist, eine syrische Band, die zwei Jahre später weltweit Schlagzeilen machen wird.

Khebez Dawle heißt "Staatsbrot", eine Anspielung auf die Lebensmittel-Subventionierung des syrischen Regimes. In ihrer Musik geht es um die Revolution und den Mut von Syrern, die sich nicht auf eine Seite des Bürgerkriegs schlagen wollen. Intensive Musik, die vom Schmerz ebenso berichtet wie von der Hoffnung. Die fünfköpfige Band spielt im Wohnzimmer im Erdgeschoss, wo sich junge Syrer, amerikanische Austauschstudenten und deutsche Entwicklungshelfer drängen. Die meisten sind unter 30, ich gehöre zu den Ältesten im Raum. Es gibt Rotwein aus Plastikbechern, in der Küche knutschen zwei Frauen. Am Anfang wird gelacht, später geweint. Syrische Parties in Beirut, apokalyptische Begleitmusik des Bürgerkriegs nebenan. Hier fing alles an.

Anas Maghrebi: "Beirut ist der Geburtsort der Band 'Khebez Dawle'. Erst waren wir zu Dritt. Dann kam ein Telefonanruf von einem alten Freund und Gitarristen, er war in der Armee. Zu der Zeit hatten wir ihn schon fast vergessen. Ich meine, wenn Du zu diesem Zeitpunkt in Syrien zur Armee gehst, dann verschwindest du einfach, du kommst nicht mehr zurück, sie lassen dich nicht gehen. Vielleicht stirbst du einfach. Wir bekamen also diesen Anruf und er sagte uns einen bestimmten Ort in Beirut, holt mich ab. Wir sind hingegangen und konnten es anfangs kaum glauben. Er war völlig verstaubt, hatte keine Papiere. Er kam direkt über die Berge aus Syrien."

Erzählt Anas Maghrebi, Sänger und Kopf der Band. Anas, Hekmat, Bazz, Bashar. Gesang, Keyboard, Bass, Gitarre. In Syrien hatten sie schon mal eine Band. Bis der Schlagzeuger im Sommer 2012 in Damaskus getötet wurde, weil er bei den Massenprotesten gegen das syrische Regime aktiv war. In Beirut, bei Khebez Dawle, sitzt nun eine junge Amerikanerin hinter dem Schlagzeug. Damals spielt sie bei mehreren syrischen Exilbands mit. In der Küche mache ich ein Foto von ihnen.

Keine Heimat in Beirut gefunden

Die fünf jungen Musiker stehen so dicht beieinander, dass Anas, rechts hinten im Bild, seine Arme komplett um die Schultern der Bandkollegen schlingen kann, als würde er sie nie wieder loslassen. Alle schauen direkt in die Kamera, Bashar's Lider sind halb geschlossen, die Pupillen tief in den Augenhöhlen verborgen. Die Schlagzeugerin in der unteren Mitte des Bildes scheint sich lächelnd aus der Umarmung ihrer Bandkollegen nach oben zu kämpfen, ihre langen, braunen Haare fallen über's Gesicht. Bazz, Hekmat und Anas tragen dunkelblaue Strickmützen und sehen ein bisschen aus wie High School Kids, die das Beste noch vor sich haben.

"Beirut Phase" nennt der Sänger Anas Maghrebi die Zeit zwischen 2013 und 2015, als Khebez Dawle im Libanon bekannt wurde. Über 25 Konzerte haben sie gegeben, auf Festivals gespielt und mit Unterstützung arabischer NGOs ihr erstes Studioalbum aufgenommen. Doch eine neue Heimat – die haben sie in Beirut nicht gefunden.

Anas Maghrebi: "Als Syrer stellt man dir eine Menge Fragen, Augenpaare folgen dir durch die Straßen und fragen dich: woher kommst du? Ja, aus Syrien – aber aus welcher Stadt? Sie wissen genau, welche Stadt für oder gegen das Regime ist. Es ist hier nicht so frei, wie es aussieht."

Das sagt der Sänger Anas Maghrebi schon 2013, auf der Terrasse im "Kindergarten" nach dem ersten Konzert. So gesehen war alles, was danach kam, eigentlich keine Überraschung.

1. September 2015. Anas postet ein Gruppenfoto auf Facebook: 16 syrische Flüchtlinge am Strand der griechischen Insel Lesbos gelandet. In der Bildtotalen wirken die Männer fast verloren, sie posieren im Halbkreis vor einem strahlend blauen Mittelmeer. Unter ihnen die Musiker von Khebez Dawle, die mit dunklen Augenringen in die Kamera lächeln. "In Greece", steht über dem Foto. Danach ein Herzchen. 144 Likes. Mir schießen Tränen in die Augen. Ich schreibe eine Mail an meine Freundin in Athen.

Hören Sie weitere Folgen der fünfteiligen Serie: Tagebuch einer Flucht mit der Band Khebez Dawle.
Bis zum 08. Januar in unserer Sendung Kompressor ab 14.07 Uhr:

Folge 2: Lesbos. Ankunft am Touristenstrand

Folge 3: Zagreb. Flucht als Musiktour

Folge 4: Wien. Ohne Hilfe geht's nicht

Folge 5: Berlin. Wie schaffen wir das?

Fazit

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