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Interview / Archiv | Beitrag vom 28.02.2011

"Die Studierenden müssen flexibler werden"

Präsident der TU Braunschweig für Sechs-Tage-Woche an Hochschulen

Jürgen Hesselbach im Gespräch mit André Hatting

An den Unis wird es eng: Die TU Braunschweig bietet Vorlesungen daher an sechs Tagen an. (AP)
An den Unis wird es eng: Die TU Braunschweig bietet Vorlesungen daher an sechs Tagen an. (AP)

Die Wehrpflicht wurde ausgesetzt und die doppelten Abiturjahrgänge drängen ins Studium. Der Ansturm auf die Hochschulen ist gewaltig. Als Konsequenz werden Vorlesungen in Niedersachsen im Schichtbetrieb gelesen, auch samstags.

André Hatting: 8 Uhr und gleich 36 ist es, für Studenten immer noch deutlich zu früh, denn die stehen vor 12 gar nicht erst auf. Deshalb hat Klaus Jürgen Haller, Moderator des WDR Mittagsmagazins, seine Zuhörer einmal so begrüßt:

O-Ton Klaus Jürgen Haller: "Guten Tag, meine Damen und Herren, guten Morgen, liebe Studenten."

Hatting: Wer so spät aufsteht, der hat Kapazitäten und die müssen genutzt werden. Den deutschen Universitäten droht im Sommersemester sonst der Super-Gau. Die Aussetzung der Wehrpflicht und doppelte Abiturjahrgänge in einigen Bundesländern bringen die Hörsäle zum Platzen. – Jürgen Hesselbach, Präsident der TU Braunschweig und Vorsitzender der niedersächsischen Hochschul-Rektorenkonferenz, hat auch schon eine Idee. Er will die Sechs-Tage-Woche für Studenten einführen. Guten Morgen, Herr Hesselbach!

Jürgen Hesselbach: Schönen guten Morgen.

Hatting: Wie sieht das genau aus, Sechs-Tage-Woche für Studenten?

Hesselbach: Also zunächst mal, die Sechs-Tage-Woche hat das Lehrpersonal und die Mitarbeiter in Technik und Verwaltung. Denn am zeitlichen Programm für die Studierenden ändert sich ja gar nichts. Wir möchten eigentlich nur gerne diese sechs Tage ausnutzen können, also die Studierenden müssen flexibler werden.

Hatting: Und haben Sie auch dafür das Personal? Müssen Sie da nicht noch zusätzliche Menschen einstellen, damit die auch können?

Hesselbach: Wir müssen zusätzliche Menschen einstellen, das ist richtig. Aber wir machen das auch mit dem Personal, was wir haben. Wir lesen zum Beispiel jetzt schon in der Mathematik die Grundvorlesungen im Zwei-Schicht-Betrieb. Und wenn wir den doppelten Abiturjahrgang haben, dann lesen wir im Drei-Schicht-Betrieb.

Hatting: Also ein Plan, um vor allem auch die Räume besser zu nutzen, damit sich nicht 100 Studenten in den Vorsälen drängen?

Hesselbach: Ganz einfach, schauen Sie, wir haben im Moment in den Mathematik-Grundvorlesungen schon 1.000 Studenten. Unser größter Hörsaal, das ist der Audimax, fasst 800. Also nutzen wir den Audimax im Zwei-Schicht-Betrieb. Und wenn wir 1500 in der Mathematik haben, dann müssen wir das im Drei-Schicht-Betrieb machen. Und das können wir logischerweise nicht mehr zwischen neun Uhr morgens und 16 Uhr nachmittags machen. Das müssen wir eben von morgens um acht bis sagen wir mal abends um 20 Uhr machen.

Hatting: Wenn ich Sie richtig verstehe, ändert sich aber an der Wochensemester-Stundenzeit für Studenten nicht unbedingt was?

Hesselbach: Nein, warum denn? Das hat ja damit gar nichts zu tun. Sondern wir haben einfach mehr Studierende und wenn wir die angemessen betreuen wollen… Wir können ja nicht hergehen und sagen, wir mieten jetzt hier die Stadthalle und dann machen wir da eine Vorlesung mit 15.000 Leuten. Das ist ja keine angemessene Betreuung mehr. Also um die Gruppengrößen nicht zu vergrößern, müssen wir im Grunde genommen hergehen und mit den Räumen, die wir haben, und mit dem Personal und zusätzlichem Personal, was wir haben, eine angemessene Betreuung sicherstellen.

Hatting: Ich habe vorhin das ein bisschen launisch gemacht mit den Studenten, die erst mittags aufstehen. Das stimmt natürlich nicht?

Hesselbach: Das ist Quatsch!

Hatting: Das ist ein Klischee?

Hesselbach: Das ist Quatsch! Schauen Sie, ich selber mache sogar als Präsident noch montagmorgens im Wintersemester um acht Uhr eine Vorlesung, die ist rappelvoll. Also gerade an den Technischen Universitäten – also ich will jetzt keine Klischees bedienen - aber gerade an den Technischen Universitäten studieren die jungen Leute auch schon montagmorgens um acht.

Hatting: …, wenn sie nicht gerade arbeiten müssen, denn zwei Drittel der Studenten jobben nebenbei und viele tun das auch am Wochenende, zum Beispiel in Kneipen. Wie kommen die oder wie sollen die mit der Sechs-Tage-Woche klar kommen?

Hesselbach: Also noch mal: Es ist nicht die Sechs-Tage-Woche, sondern es ist das Programm, was sie jetzt schon haben, innerhalb von sechs Tagen durchzuführen. Das heißt, da entsteht natürlich dann mal an einem Freitagnachmittag oder an einem Donnerstagnachmittag eine Leerzeit. Die kann man natürlich dann auch nutzen, um zu jobben, wobei ich unglücklich darüber bin, dass unsere Studierenden jobben müssen.

Hatting: Wir haben jetzt mehrfach darüber gesprochen, dass für dieses Modell zusätzliches Personal nötig wäre. Woher nehmen Sie das Geld dafür?

Hesselbach: Im Rahmen des Hochschulpakts – das ist ein Programm des Bundes und der Länder – werden uns zusätzliche Mittel zur Verfügung gestellt, je nach sogenannten Clustern. Also für Ingenieurausbildung oder für die Mediziner bekommt man mehr als für die Geisteswissenschaft, und aus diesem Geld kann man zusätzliches Personal einstellen.

Hatting: Denken Sie, dass das die einzige Möglichkeit ist, dem drohenden Ansturm zu begegnen, oder sehen Sie noch andere Möglichkeiten? Oder lassen Sie es mich anders formulieren: Denken Sie, dass das reicht, um diesen Ansturm zu bewältigen?

Hesselbach: Das sagte ich ja eingangs schon. Wir machen auch folgendes, dass wir mit dem Personal, was wir haben – gerade übrigens die Professoren engagieren sich hier ganz toll - wir haben Mathematikprofessoren, die lesen im Drei-Schicht-Betrieb. Das heißt die machen ihre Vorlesung dreimal. Dank dieses Engagements bekommen wir das überhaupt nur hin.

Hatting: Das machen die klaglos?

Hesselbach: Ja, ja. Sie werden es nicht für möglich halten. Ja, das machen die klaglos. Das haben die von sich aus angeboten und ich finde das ganz toll.

Hatting: Die Opferbereitschaft an der TU Braunschweig. Wir sprachen mit Jürgen Hesselbach. Er ist Präsident der Technischen Universität in Braunschweig und Vorsitzender der niedersächsischen Hochschul-Rektorenkonferenz. Herr Hesselbach, ganz herzlichen Dank für das Gespräch.

Hesselbach: Ich danke Ihnen. Tschüß!

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