Freitag, 22. Mai 2015MESZ18:07 Uhr

Buchkritik

Lebensmitteln auf der SpurDie Bionuss aus der Steppe
Ein Biosiegel haben viele Produkte. (picture alliance / dpa / Michael Vogl)

Der Journalist Peter Laufer ist auf Weltreise gegangen hin zu den Quellen unserer Biolebensmittel. Er beschreibt die Lücken der Zertifizierungsstellen und die völlige Vernachlässigung des Kontrollwesens für die Prädikate und Siegel auf den Produkten.Mehr

"Die Macht des Unwahrscheinlichen"Verblüffende Zufälle
Die offiziellen Lotto-Kugeln, aufgenommen im Sendezentrum des Zweiten Deutschen Fernsehens (dpa / picture alliance / Fredrik von Erichsen)

Wie kann es sein, dass kurz hintereinander dieselben Lottozahlen gezogen werden? David Hand geht in seinem Buch "Die Macht des Unwahrscheinlichen" diesen und anderen Fragen nach. Er konzentriert sich dabei auf die Normalität des extrem Unwahrscheinlichen.Mehr

weitere Beiträge

Literatur

Fritz Rudolf Fries zum GedenkenDer Rausch im Niemandsland
Fritz Rudolf Fries (imago/ gezett)

Im Alter von sechs Jahren zog der in Bilbao geborene Fritz Rudolf Fries in die DDR. Jazz, Literatur, Politik: Von einem magischen Dreieck handelt das Feature über den späteren Schriftsteller, der letztes Jahr gestorben ist und am 19. Mai 80 Jahre alt geworden wäre.Mehr

weitere Beiträge

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 19.07.2012

Die Sprache der Bilder

Uwe Fleckner und Isabella Woldt (Hrsg.): "Aby Warburg - Bilderreihen und Ausstellungen", Akademie Verlag, Berlin 2012, 471 Seiten

Aby Warburg um 1900 (Wikipedia)
Aby Warburg um 1900 (Wikipedia)

Aby Warburg hat als Kunstwissenschaftler Geschichte geschrieben. Er begründete die Ikonographie - die wissenschaftliche Erklärung von Bildern. Der Band "Aby Warburg - Bilderreihen und Ausstellungen" illustriert seine Forschungsarbeit.

Am 4. September 1928 besuchte Aby Warburg, heute eine Ikone der Kunstwissenschaft, Albert Einstein in seinem Sommerhaus in Scharbeutz. In einem vierstündigen Vortrag setzte der Kulturwissenschaftler Warburg dem Nobelpreisträger für Physik die Bedeutung astrologischer Bilder auseinander. Die Bilderreihe, die er für diesen Vortrag zusammenstellte, ist leider nicht erhalten geblieben. Den Herausgebern des Bandes "Bilderreihen und Ausstellungen" ist es allerdings gelungen, über ein Dutzend andere Bilderreihen und Ausstellungskonzepte von Warburg zu rekonstruieren. Sie legen damit im Rahmen der "Gesammelten Schriften" Warburgs die Ergebnisse einer mehrjährigen Forschungsarbeit vor, die neue Einblicke in die faszinierenden Denk- und Bilderwelten des Begründers der Ikonographie erlauben.

Verschiedene Bilderreihen, zu Themen wie "Orientalisierende Astrologie" (1926), "Die Funktion des Briefmarkenbildes im Geistesverkehr der Welt" (1927) oder "Manet und die italienische Antike" (1929), sollen dem betrachtenden Zuhörer Themen vor 'Augen führen' und ihm 'auf einen Blick' Zusammenhänge verdeutlichen. Erstmals bietet der sorgfältig edierte und sehr informative Band das vollständige Bildmaterial dieser Bilderreihen, insgesamt über 400 Abbildungen. Für die einzelnen, wissenschaftlich fundierten Einleitungen stützen sich die Herausgeber auf Materialien aus Warburgs Nachlass, ausführlich werden sie zitiert und kommentiert.

Aby Warburg, seit 1921 in einem Sanatorium in Kreuzlingen in psychiatrischer Behandlung, publizierte nach seiner 1924 erfolgten Entlassung nur wenige, nicht sehr umfangreiche Aufsätze. Dennoch war er in seinen letzten fünf Lebensjahren – er starb 1929 – äußerst produktiv. Insbesondere konzipierte er verschiedene Bilderreihen sowie Ausstellungen, die als Vorstufen für den unvollendet gebliebenen "Mnemosyne-Atlas" angesehen werden können.

Für die Zusammenstellung seiner Bilderreihen griff Warburg auf fotografische Abbildungen aus der Bildenden Kunst, aber auch auf Pressefotos, Briefmarken und Werbeplakate zurück, die er zusammenstellte, um Motivketten und Motivbrüche zeigen zu können. Dabei korrespondierten die Bilderreihen mit Vorträgen. Wort und Bild standen, so Herausgeber Fleckner, in einem "emblematischen Verhältnis zueinander". Warburg wollte nicht nur mit Worten argumentativ überzeugen, sondern die Bildreihen sollten ihre eigene "Sprache" sprechen. Im günstigsten Fall sollte das Zusammenspiel beim Betrachter einen Erkenntnisfunken auslösen. Warburg hat dazu an technischen Mitteln alles aufgeboten, was es zu seiner Zeit gab.

Innerhalb der Bilderreihen kann die fünfte der insgesamt sieben Bildtafeln für den Vortrag "Die Funktion der nachlebenden Antike bei der Ausprägung energetischer Symbolik" (1927) als typisch angesehen werden. Warburg hielt den Vortrag zum 60. Geburtstag seines Bruders Max und zog bei dieser Gelegenheit ein Resümee der eigenen Arbeit. Er zitierte seinen gesamten, bislang erschaffenen Bilderkosmos. Sein besonderes Interesse galt dem Nachhall der Antike in der Moderne. Dies war das zentrale Thema von Aby Warburgs Forschungstätigkeit. Das visuelle Phänomen der 'Pathosformel' - auf das er in dem 1905 erschienenen Aufsatz "Dürer und die Antike" zu sprechen kam – stand dabei im Mittelpunkt.

Der Gratulant bedankte sich beim Jubilar, indem er vor dessen Geburtstagsgästen sein eigenes kulturwissenschaftliches Lebensprojekt erläuterte – denn ermöglicht wurde es durch die großzügige finanzielle Unterstützung des Bruders, des Bankiers Max Warburg.

Besprochen von Michael Opitz


"Aby Warburg - Bilderreihen und Ausstellungen",
Hrsgg. v. Uwe Fleckner und Isabella Woldt,
Akademie Verlag, Berlin 2012,
471 Seiten, 434 schwarz-weiß Abbildungen, 248,- Euro

Links bei dradio.de:

Politische Wirkungsmacht von Bildern <br> Fleckner, Warnke, Ziegler (Hrsg.): "Handbuch der politischen Ikonographie"

Kurz und kritisch: <br> Sigrid Weigel, Martin Treml und Perdita Ladwig (Hrsg.): "Aby Warburg. Werke"

Bildersuche auf gespenstischen Wegen <br> Georges Didi-Huberman: "Das Nachleben der Bilder. Kunstgeschichte und Phantomzeit nach Aby Warburg"