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Thema / Archiv | Beitrag vom 20.01.2011

"Die Sehnsucht, zur Vollkommenheit zu gelangen, hat ja jeder Mensch"

Profi-Tänzerin über den neuen Kinofilm "Black Swan"

Arila Siegert im Gespräch mit Katrin Heise

Arila Siegert (Bettina Stöß)
Arila Siegert (Bettina Stöß)

Arila Siegert hat eine klassische Tanzausbildung und eine in neuem künstlerischem Tanz, ist erfolgreiche Solotänzerin unter anderem in Dresden, jetzt Opernregisseurin zum Beispiel in Mainz. Sie beschreibt, wie nah Darren Aronofskys Film "Black Swan" der Wirklichkeit einer Tänzerin kommt.

Katrin Heise: Es ist wohl eine Traumrolle einer Balletttänzerin, der weiße und der schwarze Schwan, Odile und Odette in Tschaikowskys "Schwanensee". Wir begleiten die Tänzerin Nina in Darren Aronofskys Film "Black Swan" auf diesem Weg, diesen Traum zu verwirklichen.
Arila Siegert ist Tänzerin, Choreografin und Opernregisseurin, sie kennt sowohl das klassische Ballett als auch den sich davon unterscheidenden Ausdruckstanz. Arila Siegert, ich freue mich, dass Sie heute mein Gast sind, schönen guten Tag!

Arila Siegert: Guten Tag!

Heise: Sie hatten gestern die Möglichkeit, eine Voraufführung von "Black Swan", der heute erst anläuft, ansehen zu können. Hat Aronofsky ein bisschen was von Traum und Albtraum einer Ballerina eingefangen?

Siegert: Also er hilft sich natürlich sehr mit der traumhaften Musik von Tschaikowsky, die die ganze Zeit den Film eigentlich bestimmt. Und das ist auch der Kernpunkt, der im Film eigentlich fehlt: die wirkliche Liebesgeschichte und die echte Liebe, die einen über die Schwierigkeiten im Leben und in der Kunst und immer weiter trägt. Die Sehnsucht und die Sehnsucht, zur Vollkommenheit zu gelangen, hat ja jeder Mensch, wir haben alle die Sehnsucht, irgendwo hinzukommen. Und das wird sehr deutlich im Tanz und besonders eben im klassischen Tanz, wo das Streben auf Auflösung der Materie, Auflösung aus der realen Welt eigentlich immer wieder durch diese Wechsel zwischen dieser Traum- oder Todeswelt und den Konflikten in der Realität erzählt wird.

Heise: Das war für mich aber auch der Kernpunkt des Films, dass Nina – die Hauptdarstellerin, also Natalie Portman –, dass die das einfach nicht tatsächlich fühlt, diese Auflösung, sondern eigentlich mehr an der äußeren Perfektion interessiert ist. Glauben Sie, dass es so was gar nicht geben kann, dass man da dann gar nicht so weit kommen kann, wenn man so funktioniert wie Nina?

Siegert: Das ist natürlich eine Begabungsfrage, ob man über diese Perfektion hinaus wirklich gestaltet und das Innere gestaltet. Darum geht es ja in der Kunst. Da wird ja erzählt, in der Musik, unsere seelischen Empfindungen, und im Tanz, dieses, aus dieser Schwere und aus dieser irgendwie Gefangenheit im Leben rauszukommen. Und wenn man tanzt, auch wenn man eben für sich tanzt, dann hat man ja auch das Gefühl von Schweben und Fliegen. Die Kinder drehen sich und springen. Und das ist ja der Grund, warum der Tanz eigentlich so wichtig ist: Weil dieses, das Traumhafte bestimmt ja auch unser Leben. Jeder träumt.

Heise: Um dann im klassischen Ballett allerdings diese Stufe zu erreichen, wo man dann auch andere zum Träumen bringt, indem man eben über die Bühne schwebt, ist ja etwas notwendig, was der Film beispielsweise sehr betont, nämlich diese bedingungslose Hingabe, aber auch die bedingungslose Knechtung des Körpers eigentlich, also was mich an diese Bilder von diesen knackenden Füßen, die blutigen Füße, dieses ja Albtraummäßige eigentlich ... ist das stark überzeichnet, ist das so, wie Sie es auch erlebt haben?

Siegert: Es ist eine sehr harte Ausbildung. Man muss sich selbst überwinden und man hat schon auch Leiden. Aber man lernt durch Verletzungen und durch gute Hinweise und liebevolle Führung, dass man das immer wieder so ausbalanciert, dass man leben bleibt und dass man auch fähig bleibt, sich weiterzuentwickeln. Wenn man den Körper kaputtmacht, dann geht man dabei krachen und kann es nicht überstehen. Also es geht immer um die Balance zwischen diesem Weitergehen und Sich-Herausfordern und dem Gesundbleiben.

Heise: Überirdisches Ideal und Selbstzerstörung – was macht die Faszination der Ballerina aus, unser Thema jetzt hier im "Radiofeuilleton" mit der Tänzerin Arila Siegert. Liebevolle Führung, haben Sie gesagt, Hinweise ... Gleichzeitig muss man ja sehr früh anfangen, um dort in diesem Metier überhaupt etwas erreichen zu können. Was für Menschen müssen einen da begleiten und was für eine Rolle spielen da beispielsweise dann ehrgeizige Eltern?

Siegert: In erster Linie muss man es selber wollen. Nur, wenn man es innerlich zutiefst will, schafft man das auch. Wenn man von außen gedrängt wird, ist es ein sehr schwieriges und auch ein bisschen unnatürliches Gehen in diese Welt. Man schafft es in diese Welt zu gehen, wenn man sich als Kind dafür entscheidet und das auch mit allen Fasern seines Wollens und Lebens will. Es ist wirklich ein innerer Weg, den man da geht.

Heise: Ist nicht aber auch die Beherrschung des Körpers, also in dieser Perfektion, ist das nicht auch ein Lustmoment?

Siegert: Wenn man es dann kann, dann hat's was davon. Aber bevor man es kann, ist es halt wie so ein Bergsteigen: Man steigt auf einen hohen Berg, und wenn man dann oben ist, dann gibt's eine kurze Zeit von Befreiung. Und die Beherrschung der Technik, das dauert sehr lange. Und wenn man die falschen Lehrer hat, dann lernt man's nie. Also es hängt immer auch von Glück ab, dass man die richtigen Lehrer hat, die einem die richtigen Hinweise geben, damit man das für sich erreicht. Jeder ist ja anders, jeder Mensch. Und jemand, der nur auch selbst eigentlich die Begabung zur Pädagogin hat – und das sind genau so wenig Leute, wie die Begabung zur Tänzerin und eben zu einer ... zur Tänzerin sind eigentlich alle begabt, aber zu so einer Perfektion zu kommen.

Heise: Die Perfektion, die sich eben auch aus der Innerlichkeit dann ergibt, eben nicht nur aus der körperlichen Perfektion?

Siegert: Genau, die innere Beschaffenheit, aber auch natürlich die körperliche Eignung dafür.

Heise: Was hat Sie zum Ballett gebracht, waren Sie als Kind auch schon ja überzeugt davon?

Siegert: Ja, ich bin eine da von diesen Menschen, die das immer wollten, die immer getanzt haben. Und weil ich immer getanzt habe, hat dann eine aus der Familie gesagt, na die müssen wir irgendwie mal an der Palucca-Schule anmelden.

Heise: Gret Palucca war aber nun nicht unbedingt für den klassischen Tanz zuständig. Das heißt, das hat sich für Sie, das ist ja dann eher Ausdruckstanz, ich würde sagen, freierer Tanz, oder ist das ... der Körper ist dort freier als im Tanz, oder würden Sie mir da widersprechen?

Siegert: Ja es geht um die natürliche Bewegung, die über ... sozusagen individuell geformt wird. Du selber erzählst über Bewegung Zustände, Geschichten oder irgendwelche Gedanken.

Heise: Ist das im klassischen Tanz so auch möglich, dieses Individuelle? Weil es sich doch sehr geformt ansieht.

Siegert: Wir Menschen sind ja jeder anders und die Individualität setzt sich auch in so einer strengen Formalisierung durch, jeder Solist ist anders. Aber der klassische Tanz bescheidet natürlich die Bewegung, alle in eine Richtung, in die Richtung von Leichtigkeit und die Beherrschung des Körpers bis zum Spitzentanz und bis zum Sprung. Also es geht eigentlich um die Loslösung vom Boden. Und der moderne Tanz hat diesen Boden und die Schwere und die individuelle Denkart also im Gegenteil dazu richtig wieder ins Spiel gebracht, was ja sehr verloren gegangen war im 19. Jahrhundert.

Heise: Ja. Man hat, jetzt noch mal um mal so ein bisschen zum Film zurückzukommen, den Eindruck, dass da auf der einen Seite dieses Mädchenhafte steht und auf der anderen Seite aber diese Erwachsenenwelt und auch diese Männerfantasien, und dazwischen eine junge Frau, die versucht ja, ihre Weiblichkeit auch zu entdecken beziehungsweise sie wird dazu gedrängt, die zu entwickeln und zu entdecken. Trifft man so was eigentlich tatsächlich häufiger? Weil, wenn ein kleines Mädchen anfängt, so etwas zu tun und dann auf diese Art von Bewegung ihren Körper so zu disziplinieren, kann sie da eigentlich eine Weiblichkeit, kann sie da ihren Körper tatsächlich entdecken?

Siegert: Es ist da was dran, dass die Entwicklung irgendwie verschoben wird. Wir Tänzer entwickeln uns eigentlich erst viel später richtig zur Weiblichkeit oder zur Frau – manchmal. Es ist also alles immer wieder verschieden. Aber die Hingabe zum Tanz verdrängt natürlich dieses normale Leben, was man als Teenager hat, die ganzen Erfahrungen, die macht man viel weniger, weil man so dieser Disziplin und der strengen Ausbildung unterworfen ist von Kindheit über die Jugend. Das ist einfach ein starker Fakt in der Entwicklung eines Menschen.

Heise: Arila Siegert hat eine klassische Tanzausbildung und eine in neuem künstlerischem Tanz, ist erfolgreiche Solotänzerin unter anderem in Dresden, jetzt Opernregisseurin zum Beispiel in Mainz. Arila Siegert, vielen Dank, dass Sie uns hier so an diesen Eindrücken, die Sie aus dem Film mitgenommen haben, und an Ihren Erfahrungen als Tänzerin teilhaben lassen haben. Danke schön!

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Der Schrecken des Tanzes
"Black Swan"
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