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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 05.04.2012

Die Schmutzarbeit der Gentlemen

Mohammed Hanif: "Alice Bhattis Himmelfahrt", A 1 Verlag, München 2012, 271 Seiten

Mohammed Hanif (dpa / picture alliance / Tobias Hase)
Mohammed Hanif (dpa / picture alliance / Tobias Hase)

Mohammed Hanif verschmäht keine burlesken, polemischen und drastischen Erzählmittel. Gleichwohl besticht sein Roman durch das vielschichtige und nuancierte Sozial-Panorama Pakistans, das er im Mikrokosmos eines Krankenhauses auffaltet.

Der pakistanische Autor und Journalist Mohammed Hanif hat sich vor drei Jahren mit seinem rasanten Debüt als politischer Satiriker einen glänzenden Namen gemacht – mit dem Diktatoren-Roman "Eine Kiste explodierender Mangos". In seinem zweiten Roman "Alice Bhattis Himmelfahrt" behält er seinen sarkastischen Ton bei und den grimmigen Blick auf die Grundübel der pakistanischen Gesellschaft: das Kastenwesen, die Konfessionskämpfe, die Korruption, die Gewalt und der ethnische Hass im Verein mit der kulturell tief verwurzelten brutalen Frauenverachtung eines islamischen Machismo, der sich auf eine aggressive Lesart patriarchalischer Koran-Stellen abstützt und durch keinerlei Erziehungsprogramm aus seinen archaischen Angeln gehoben wird.

Schauplatz von Hanifs Zweitling ist Karatschi (auch wenn die Stadt nicht namentlich genannt wird) – Zentrum der alltäglichen Gewalt. Jeden Augenblick können sich die Spannungen zwischen verfeindeten Parteien, Kasten, Religions- und Volksgruppen explosiv entladen, können Muslime und Christen aufeinander losgehen; Privat-Gangs und Auftragskiller sind allgegenwärtig, schwerbewaffnet und schießwütig. Die Polizei hat die Schmutzarbeit an eine illegale Schatten-Truppe von Folterern, Vergewaltigern und Scharfschützen delegiert, die ihre Blutspur durch Karatschi zieht. Hanif nennt sie ironisch das "Gentlemen-Korps".

Hanifs Heldin Alice Bhatti erlebt, wie lebensgefährlich es im heutigen Karatschi ist, eine Frau zu sein, dazu Katholikin und auch noch Angehörige der untersten Kaste der Unberührbaren. Dabei lässt sich Alice, eine junge Hilfskrankenschwester im "Herz Jesu Krankenhaus", keineswegs von vornherein auf die Rolle des hilflosen, passiven Opfers festlegen. Sie ist vielmehr gewitzt, energisch, couragiert, nicht auf den Mund gefallen und stets auf der Hut. Hanif nennt sie "eine Allwetter-Kämpferin und das auf jedem Terrain." Und sie weiß sich zu wehren, manchmal auch bestürzend handgreiflich.

Mohammed Hanif verschmäht keine burlesken, polemischen und drastischen Erzählmittel. Gleichwohl besticht sein Roman durch das vielschichtige und nuancierte Sozial-Panorama Pakistans, das er im Mikrokosmos eines Krankenhauses auffaltet. Gewiss: im Umfeld wütet das Gentlemen-Korps, doch im Krankenhaus erfährt und verströmt Alice auch Freundlichkeit und selbstlose Güte. Das bringt sie zum surrealen Schluss sogar in den falschen Ruf einer wundertätigen Heiligen.

Im Zentrum des Romans steht die unheilvolle und schließlich wüst entgleisende Liebesgeschichte zwischen Alice und Teddy Butt, einem Muslim, Bodybuilder und Angehörigen des Gentlemen-Korps. In Teddy brodelt ein explosives Gemisch aus Religion, sexueller Frustration, Kontrollzwang, Gruppen-Druck und exzessiver Gewalt. Liebe ist für ihn auch nur eine Art Schutzgelderpressung. Und wie er seine Liebesenttäuschung ausdrückt, nämlich mittels Salzsäure ins Gesicht, das bildet die schreckliche Schlusspointe dieses so beklemmenden wie auch unterhaltsamen Romans des zornigen Humanisten Hanif.

Besprochen von Sigrid Löffler

Mohammed Hanif: Alice Bhattis Himmelfahrt. Roman
Aus dem Englischen von Ursula Gräfe
A 1 Verlag, München 2012
271 Seiten, 19,90 Euro

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