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Religionen / Archiv | Beitrag vom 02.11.2013

Die Schatten der Reformation

Die Evangelische Kirche nähert sich den schwierigen Seiten Martin Luthers

Von Étienne Roeder

Martin Luther würde heute wohl als Volksverhetzer verurteilt. (Cranach)
Martin Luther würde heute wohl als Volksverhetzer verurteilt. (Cranach)

Das Themenjahr "Reformation und Toleranz" ist zu Ende gegangen. Zum Abschluss packte die Evangelische Kirche in Deutschland in einer ziemlich originellen Veranstaltung noch einmal die ganz heißen Eisen an: Die Ablehnung Martin Luthers von Juden, dem Islam und anderen Gruppen, die er donnernd verurteilte.

Kaddor: "Reformation..."
Schneider: "Mut, großartiger Theologe..."
Schneider: "Erschreckender Polemiker..."
Kaddor: "Antisemitische Vorurteile, islamophobe Vorurteile..."
Käßmann: "Sehr tief und tiefgründig..."
Schneider: "Berserker."

Schlagworte zu Martin Luther. Aus dem Munde des EKD Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider, der Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor und der Botschafterin der Evangelischen Kirche für das Reformationsjubiläum 2017, Margot Käßman. Es sind Attribute, mit denen der Reformator aus Eisleben im kulturellen Gedächtnis verhaftet ist, und sie erscheinen so vielschichtig und gegensätzlich wie Luther selbst. Denn obwohl aus dessen Feder die Aufforderung Non vi, sed verbo - "Allein die freie Kraft des biblischen Wortes entfaltet ihre Wirkung, nicht die Gewalt!" stammt, so fand der Verfechter reformatorischer und damit auch emanzipatorischer Gedanken keinen wirklichen Zugang zur Toleranz nach heutigem Verständnis. Ganz im Gegenteil:

"Ja wenn´s um Reformatio und Tolerantia geht, da kommen sie wieder alle. Wollen sehen, ob ich denn tolerant wäre. Ja Eure Toleranz hab ich nicht gehabt."

Im Radialsystem Berlin, einem architektonischen Mischwesen aus Speicher in Klinkerästhetik und modernem Beton- und Glaseinsatz, trafen bei der Abschlussveranstaltung des Themenjahres ´Reformation und Toleranz´ der Evangelischen Kirche hochkarätige Gäste aufeinander, um miteinander eben diese intoleranten Ansichten in der Reformationsbewegung zu diskutieren. Die über 300 Gäste wurden an einem für theologische Diskussionen doch recht ungewöhnlichen Ort mit Brezeln von einem Luther-Darsteller empfangen:

"Gott zum Gruße. Ihr werdet ja sehen, was ihr von meiner Tolerantia haltet, wenn ihr die Schatten der Reformatio, wo immer ihr die seht, diskutieren wollt. Schön, dass du gekommen bist."

So freundlich und selbstkritisch, wie Luther hier karikiert wird, war er und die seinen Ideen folgenden Reformatoren zeitlebens sicher nicht. Ganz zu Beginn der Veranstaltung standen daher Luthers Ausführungen zu Juden und Muslimen, den Bauern und Hexen im Mittelpunkt, antisemitischen Hasstiraden, nach denen Martin Luther heute als Volksverhetzer gelten würde, bemerkte lakonisch und doch messerscharf der Kabarettist Martin Buchholz:

"Dass man ihre Synagoga oder Schule mit Feuer anstecke und, was nicht verbrennen will, mit Erden überhäufe und beschütte, dass kein Mensch ein Stein oder Schlacke davon sehe ewiglich. Und solches soll man tun unserm Herrn und der Christenheit zu Ehren, damit Gott sehe, dass wir Christen seien. "

Die EKD, allen voran Margot Käßman, fühlte sich - wohl auch aus einer traditionell gepflegten 500-jährigen Schuld- und Lerngeschichte heraus - dazu verpflichtet, diese Schattenseiten der Reformation im Rahmen der Lutherdekade offensiv zu thematisieren:

"In der Vorbereitung haben wir immer wieder überlegt, wer kann sprechen für die verschiedenen, in Anführungsstrichen, Opfer der Reformation. Ich finde, dass hier mit Baptisten, Mennoniten, einer Vertreterin der Frauenforschung, des Judentums, des Islam, eine großartige Zusammenstellung ist, da mal kritisch drüber nachzudenken: Welche Schattenseiten hatte die Reformation auch?"

Gegen eine Psychologisierung der antijüdischen Positionen Luthers, die auf sein fortgeschrittenes Alter oder eine zunehmende Enttäuschung gegenüber dem Erfolg seiner reformatorischen Ideen hinweisen, wandte sich entschieden der Religionsphilosoph Dr. Micha Brumlik. Für den langjährigen jüdischen Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft Juden und Christen beim Deutschen Evangelischen Kirchentag war Luther nicht nur Impulsgeber für theologische Erneuerungen in Deutschland und Europa:

"Betrachten wir Martin Luther als einen der bedeutendsten frühneuzeitlichen politischen Theoretiker. In einer Reihe mit Thomas Hobbes, mit Machiavelli und mit Spinoza. Und dann sehen wir einen frühneuzeitlichen deutschen Nationalisten, der zudem noch ein halbierter Antikapitalist gewesen ist. Und da haben sich die Juden, wie auch 400 Jahre später, sehr schnell, sehr gerne als Sündenbock hergegeben. Für mich ist Martin Luther der Begründer des deutschen, eliminatorischen Antisemitismus. Weil er sie, unabhängig davon, was sie geglaubt haben oder was sie nicht geglaubt haben, aus Deutschland austreiben wollte, wir haben es gehört, ihre Synagogen verbrennen."

Luther dachte nicht an die Gleichberechtigung der Frau

Luther lediglich in und durch seine Zeit verstehen zu wollen verharmlose diesen Aspekt seines Denkens und stelle immer noch und stets wieder einen blinden Fleck in der Aufarbeitung der Reformation dar. Auch innerhalb der evangelischen Kirche.

Neben Juden oder Bauern waren auch Muslime, oder Türken, wie Luther sie damals allgemein bezeichnete, dem reformatorischen Denken ein Dorn im Auge. Die Islamwissenschaftlerin und Publizistin Lamya Kaddor stellte unmissverständlich heraus, was das Bestreben nach Kenntnis des Anderen - ein Wesensmerkmal, das Luther immer wieder gerne zugeschrieben wird - für den Fall des Korans hieß:

"Er war der Meinung, dass jeder halbwegs vernünftig denkende Mensch, der den Koran zum ersten Mal liest, von allein auf die Idee kommen müsste, dass es ein gräußliches Werk ist. Das war seine Überzeugung, deshalb hat er sich sehr stark dafür eingesetzt, den Koran noch einmal so abdrucken zu lassen. Diesen Erlösertod und die ganze Symbolik dahinter, die kennt der Muslim so nicht. Und die lehnte er damals eigentlich auch schon ab, und das hat, glaube ich, Luther auch dazu gebracht, dieses Werk damals grundlegend abzulehnen.

Aber das benutzen heute immer noch Menschen mit islamophoben Einstellungen. Die haben genau die gleichen politischen Vorbehalte gegenüber dem Islam, man fühlt sich immer noch bedroht von der vermeintlichen Islamisierung dieser Welt, die in Tausenden von Jahren immer noch nicht eintreten wird."

Luthers Einstellungen auf einen heutigen Toleranzbegriff hin zu untersuchen ist genauso unzureichend, wie seine Positionen gänzlich in die Mottenkiste der historischen Umstände zu schieben. Im Zentrum des Grundmotivs "Rechtfertigung allein aus Glaube", das von Luther aufgenommen wurde, steht das Gebot der Nächstenliebe. Liebe, die für die Freiheit der Andersdenkenden jedoch nicht galt. Dennoch verfügte die reformatorische Praxis innerhalb der christlichen Lehre über ein demokratisierendes Potenzial. Neutestamentlerin Kristina Dronsch verwies auf diesen Aspekt hinsichtlich der Frauenrollen in und nach der Reformation:

"Mit Gleichberechtigung hatte Luther garantiert nichts zu tun gehabt. Was man aber sagen kann, gerade für die Anfangszeit der Reformation. Sie hat etwas gehabt, das hat den Frauen ermöglicht, Wort zu ergreifen. Die Ermächtigung haben Frauen gelesen, sich auch selber eine Position auf der Grundlage des Evangeliums in öffentlichen Diskussionen zu erarbeiten."

Im Zuge der Lutherdekade kann Mann und Frau wohl gespannt sein, welche neuen Forschungsergebnisse bezüglich des emanzipatorischen Charakters der Reformation für Christen präsentiert werden. Denn die Geschichte hat schließlich mehr als deutlich gezeigt, wozu sich Luthers wilde Polemiken gegenüber Andersgläubigen haben missbrauchen lassen.


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