Montag, 15. September 2014MESZ11:26 Uhr

Religionen

TürkeiAus Hass und Angst

Im April 2007 folterten und ermordeten fünf Männer einen christlichen Verleger und zwei seiner Mitarbeiter. Sieben Jahre danach sind die Männer noch nicht rechtskräftig verurteilt. Offenbar handelten sie nicht im Alleingang.Mehr

Religiöser FundamentalismusDer Charme der Dogmen
Terror im Namen des Glaubens: Unterstützer des IS während einer Demonstration in Syrien

Klare Ansagen und unverrückbare Wahrheiten: Religiöser Fundamentalismus wird für immer mehr junge Menschen attraktiv. Die monotheistischen Religionen selbst sind Teil dieses Problems, sagt der Theologe Ulrich Engel.Mehr

Kalter KriegEin Prophet der Einheit
13. September 1964 in Berlin: Martin Luther King, Otto Dibelius und Willy Brandt (v. l.)

Auf Einladung von West-Berlins Regierendem Bürgermeister Willy Brandt kam Martin Luther King in die Stadt. Am Abend des 13. September 1964 wollte er zu einer Predigt in den Ostteil. Doch die US-Behörden hatten ihm seinen Pass abgenommen. Mehr

weitere Beiträge

Religionen / Archiv | Beitrag vom 13.10.2012

Die Reformer und die Römer

50 Jahre Zweites Vatikanisches Konzil

Von Gerd Brendel

Sitzung mit Papst Johannes XXIII. (Tischende) im Rahmen des Zweiten Vatikanischen Konzils am 20.02.1962.
Sitzung mit Papst Johannes XXIII. (Tischende) im Rahmen des Zweiten Vatikanischen Konzils am 20.02.1962. (picture alliance / dpa)

Vor 50 Jahren wurde die weltweite Versammlung katholischer Bischöfe und Theologen eröffnet. Drei Jahre lang tagten an die 3000 Kirchenmänner. Am Ende war die katholische Kirche eine andere: Zum ersten Mal erkannte ein Papst die Freiheit der Religion an. Nach fünf Jahrzehnten ist einiges, was das Konzil hervorgebracht hat, verblasst.

Nachrichten: "Verehrte Brüder, heute freut sich die Kirche, unsere Mutter, denn durch die besondere Gnade der göttlichen Vorsehung ist der lang ersehnte Tag angebrochen."

Mit diesen Worten eröffnete vor einem halben Jahrhundert Papst Johannes XXIII das Zweite Vatikanische Konzil im Petersdom.

Heute erinnert in der Basilika nichts mehr an die Versammlung. Zwischen Michelangelos Pieta und Berninis Baldachin unter der Kuppel zitiert keine Gedenktafel die Denkschriften, die hier verabschiedet wurden und mit denen sich die Kirche der Welt öffnete.

Aber nicht nur im Petersdom fällt die Spurensuche schwer. Fast scheint es, als ob es in Rom mit seiner Jahrtausende alten Geschichte und seinen barocken Gotteshäusern, in denen die Kirche der Gegenreformation sich selber inszenierte, keinen Platz gibt für ein Konzil, das für ein neues, bescheideneres Kirchenbild steht.

"Jeden Abend, wenn ich von der Arbeit kam, ich war 23 Jahre alt, ich konnte alle Bischöfe im Petersplatz gucken, so ich habe ein wenig die Atmosphäre des Konziliums 'respirare'. "

… erinnert sich Erzbischof Piero Marini an die Zeit von damals. Der junge Priester war gegen Ende der Kirchenversammlung nach Rom gekommen, um an der vom Konzil beschlossenen Erneuerung der Liturgie mitzuarbeiten.

Als Experte für Liturgie machte Marini danach im Vatikan Karriere. Unter Johannes Paul II. war er als Zeremonial verantwortlich für die großen Gottesdienste auf dem Petersplatz und während der zahlreichen Reisen des Papstes. Dass er dabei auf Popmusik und andere exotische Elemente zurückgriff, war vielen konservativen Kurienkardinälen ein Dorn im Auge. Papst Benedikt versetzte Marini gleich nach seinem Amtsantritt aus dem Vatikan in ein Büro in Trastevere. Hier ist der Erzbischof für die eucharistischen Weltkongresse zuständig. Eine Degradierung? Davon will Marini nichts wissen. Überhaupt gibt sich der Kirchenmann zurückhaltend. Selbst das Interview würde er am liebsten wieder absagen, aber dann erzählt er doch von damals.

Seine erste Messe hielt der junge Geistliche nach der neuen Liturgie: Der Gemeinde zugewandt vom Altar in der Kirchenmitte – als Zeichen einer neuen Kirche, wo die Beziehung zwischen dem Priester, der zelebriert, und dem Volk nicht mehr getrennt, sondern eine Einheit war

Einigen der Konzilsväter reichte das nicht. Die Suche nach Spuren des Konzils in Rom führt auf der alten Via Appia vor die Tore der Stadt, dahin wo sich die ersten Christen versammelten.

"Die Anfänge der Kirche in Rom sind dort, wo die ersten Christen ihre Toten beigesetzt haben, also auch in der Domitilla -Katakombe ... "

In seinen Führungen erzählt der Theologe Manfred Wendel jedes Mal ein vergessenes Kapitel der Konzilsgeschichte, die hier 2000 Jahre nach den ersten Christen spielte. In dem kirchlichen Gästehaus neben der Katakombe wohnten die lateinamerikanischen Bischöfe, unter ihnen der Brasilianer Dom Helder Camara. Oft kamen sie in der unterirdischen Basilika vor den Grabkammern zum Gottesdienst zusammen, und hier beschlossen sie den sogenannten Katakombenpakt.

"Darunter können Sie sich wahrscheinlich wenig vorstellen. Aber diese 40 Bischöfe zum Teil aus Lateinamerika waren davon überzeugt, dass die Kirche der Zukunft keine triumphale Kirche mehr sein darf, sondern sie muss die Kirche der Armen werden."

"Wir verzichten ein für allemal darauf, als Reiche zu erscheinen wie auch wirklich reich zu sein"

… heißt es im Text und weiter.

Wir werden alles dafür tun, dass die Verantwortlichen unserer Regierung und unserer öffentlichen Dienste solche Gesetze, Strukturen und gesellschaftlichen Institutionen schaffen und wirksam werden lassen, die für Gerechtigkeit, Gleichheit und gesamtmenschliche harmonische Entwicklung jedes Menschen und aller Menschen notwendig sind.

Prophetische Worte. Dass das Dokument in der offiziellen Konzilsgeschichtsschreibung trotzdem kaum erwähnt wird, verwundert Manfred Wendel nicht.

"Es kommt zur falschen Zeit. Wir stehen in der Ost-West Konfrontation. Wir haben gerade die Kuba-Krise hinter uns, den Mauerbau haben wir hinter uns. und jetzt kommt die Kirche und sagt: Morgen sind wir alle arm. Wer soll das denn umsetzen? Die Kirche des Westens? Hah! Die haben überhaupt keinen Bock, aber auf längerfristig betrachtet führt er zum Zusammenbruch der Militärdiktaturen in Lateinamerika."

Und beeinflusste maßgeblich die späteren Befreiungstheologen. Einer von ihnen war der Erzbischof von San Salvador Oscar Romero, der sein Engagement für eine solidarische, arme Kirche mit dem Leben bezahlte. Er wurde am Altar von bezahlten Killern erschossen. Wieder zurück in Trastevere begegnet er mir auf der letzten Station meiner Spurensuche. In der kleinen San Egidio Kapelle um die Ecke vom Büro des Zeitzeugen Piero Marini steht ein kleines Kreuz mit seinem Bild auf einem Seitenaltar.

"Ein Golgatha mit vielen Kreuzen, die aus der ganzen Welt kommen, aus Afrika, aus Lateinamerika, ein Kreuz auf dem Monsignore Romero abgebildet ist. Oscar Romero ist beim Konzil gewesen und Romero ist ein Märtyrer."

Jeden Abend versammeln sich in der kleinen Kirche mitten in Trastevere die römischen Mitglieder der Basisgemeinde von San Egidio. Ihr Generalsekretär, der Politologe Cesare Zucconi nennt seine Laien-Gemeinschaft ein "Kind des Konzils".

"Weil wir aus diesem Frühling der Kirche entstanden sind. Sant Egidio lebt zwischen dem Hören auf das Wort und das beten und dem Sein bei den Gekreuzigten, also die Freundschaft zu den Armen."

60.000 Mitglieder zählt die Gemeinschaft heute. In dem ehemaligen Kloster hinter der Kapelle wurde das Ende des Bürgerkriegs in Mosambique verhandelt. In vielen Slums der Erde unterhält San Egidio Schulen, Ambulanzen, Sozialeinrichtungen, und als der neue italienische Regierungschef Monti nach einem unparteiischen Entwicklungshilfeminister suchte, berief er den Gründer der Gemeinschaft, den Historiker Andrea Riccardi. In Rom selbst ist San Egidio an vielen Orten präsent. Ein paar Straßen von der Kapelle entfernt verteilen Mitglieder jeden Morgen Lebensmittel und Kleidung an Obdachlose.

"Sie können duschen. Sie können einen ganzen Kleiderwechsel machen. Sie dürfen - das ist eine Vereinbarung mit der Stadt - hier ihren Wohnsitz angeben, und das ist sehr wichtig, denn wer keinen Wohnsitz hat, der existiert nicht."

Die spirituelle Heimat der San Egidio Mitglieder in Rom ist die Messe am Samstagabend in der alten Kirche Santa Maria in Trastevere. Die Goldmosaike in der Apsis zeigen Christus im Kreis von Aposteln und Heiligen. In einer Seitenkapelle zeigt ein Fresko die Väter des Konzils von Trient hinter einer triumphierenden Kirche, die den Geist der Häresie unter ihrem Reifrock zu Boden tritt. Aber im Kirchenraum wird im Geist des zweiten Vatikanums gefeiert: Zur Schriftlesung wird die Bibel durch die Kirche auf die Kanzel in der Mitte getragen und zur Eucharistie – auch das unüblich in einer katholischen Messe – tauchen die Gläubigen die Hostie in einen Kelch mit Abendmahlswein.

"Ich glaube, dass die Mehrheit des Volk Gottes verstanden hat, worum es im Konzil geht, vielleicht nicht alle Priester und Diakone und andere Amtsträger"

… hatte Erzbischof Marini zum Abschied gesagt. Hier im Gottesdienst mit der Laiengemeinschaft von San Egidio ist der Konzilsgeist lebendig. Nach dem Segen leert sich die Kirche erst langsam. Man kennt sich. Kleine Gruppen stehen noch lange im Gespräch vor der Basilika. Es ist ein lauer Abend. An den Restauranttischen rund um den Platz sitzen Touristengruppen und besprechen das Besichtigungsprogramm der nächsten Tage. Die Spuren des Zweiten Vatikanischen Konzils gehören sicher nicht dazu, wie auch? In Rom liegen sie verborgen unter der Erde an der Via Appia, sie finden sich in Sozialstationen abseits der Touristenpfade, und in den Erinnerungen ergrauter Kirchenmänner wie Erzbischof Piero Marini.

"Ich denke, beim Konzil hatten wir einen weiteren Horizont. Wir waren enthusiastischer, begeisterter, vielleicht weil wir jünger waren. Die Seele von der Renovierung der Kirche wir haben ein wenig verloren."

Mehr bei dradio.de:

"Wir müssen diesen Unglückspropheten widersprechen"

Ressourcen des Konzils ausschöpfen und umsetzen - Tübinger Theologe über das Zweiten Vatikanische Konzil

Kehrtwende um 180 Grad <br>Mit seiner Erklärung "Nostra Aetate" wagte das Zweite Vatikanum einen radikalen Neuanfang

50 Jahre Zweites Vatikanisches Konzil <br>Eine Sendereihe in "Tag für Tag"