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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 23.05.2013

Die Rache der Spione

Olen Steinhauer: "Die Spinne", Heyne Verlag, München, 490 Seiten

Der US-Autor Olen Steinhauer lehrt in Leipzig. (Jan Woitas)
Der US-Autor Olen Steinhauer lehrt in Leipzig. (Jan Woitas)

Im dritten Teil seiner Krimitrilogie "Die Spinne" setzt sich Olen Steinhauer mit dem amerikanisch-chinesischen Kampf um die Vorherrschaft in der Welt auseinander. Ein elegant erzählter Roman um einen Rachefeldzug, Loyalität und Verrat, der das Genre neu belebt.

Politthriller sind der Rolls-Royce der Spannungsliteratur, die Domänen brillanter Köpfe und brillanter Schriftsteller: Eric Ambler, Graham Greene, John le Carré, Ross Thomas, Robert Littell, Jenny Siler und Co. In diese noble Gesellschaft gehört inzwischen auch der Amerikaner Olen Steinhauer.

"Die Spinne", nach "Der Tourist" und "Last Exit" der letzte Teil einer Trilogie um den melancholischen Agenten Milo Weaver, greift ein klassisches Sujet auf: Wie diskreditiert man am besten in einem Geheimdienst die interne Konkurrenz, vor allem, wenn man potenziell schon längst für die andere Seite arbeitet? Wie Le Carré in "Der Spion, der aus der Kälte kam", spielt auch Steinhauer das große moralische Spiel aus Loyalität und Verrat, Integrität und Korruption, Staatsraison und Ethik.

"Die Touristen", so heißt Milo Weavers ultrageheimer US-Geheimdienst, wird heftig angegriffen, das Personal dezimiert. Die Gründe dafür liegen in einer der bösartigen Operationen des Dienstes, von denen die anderen beiden Bände berichten und von denen man zum Verständnis der "Spinne" nur wissen muss, dass sie den Tod des Sohnes von Xin Zhu, eines chinesischen Geheimdienst-Granden, zur Folge hatten. Deswegen sehen die Liquidationen nach einem Rachefeldzug aus. Die überlebenden "Touristen", darunter auch Milo Weaver, der sich eigentlich schon im Ruhestand wähnte, starten einen Gegenangriff. Aber die wirklich interessanten Schachzüge finden in der chinesischen Politik statt – dort, wo sich Geheimdienste und andere Kader erbitterte Kämpfe um die Macht im Staate liefern.

Steinhauer taucht ein in die machiavellistische Raffinesse des chinesischen Machtkampfes, in die lichtarmen Dschungel der amerikanischen Geheimdienstrivalitäten, in die undurchsichtigen Winkelzüge der Realpolitik, in der die Macher mit Menschenschicksalen umgehen wie Zocker mit Chips beim Glücksspiel. Milo Weaver, seine Familie, seine Freunde – sie alle geraten nolens volens in Kräftefelder, in denen Individuen nur überleben, wenn sie viel Glück haben oder sehr clever und kompetent sind.

Steinhauer erzählt elegant. Er überlagert intelligent die Zeitebenen und Erzählperspektiven, die – wie die erzählte Handlung auch – erst peu à peu enthüllen und preisgeben, um was es geht. Dabei akzentuiert er die (macht-)politischen Realitäten unserer Zeit, in denen der amerikanisch-chinesische Antagonismus eine immer wichtigere Rolle spielt. Dass dieser Autor die Muster des klassischen Spionageromans neu beleben kann, zeigt, dass sie weiterhin als Beschreibungsmuster für globale Konflikte taugen. Wenn die Leichen gezählt, die menschlichen "Kollateralschäden" betrauert, die realpolitischen Gewinne und Verluste bilanziert sind, dann ist klar, dass es reine Ideologie wäre, eine moralische Superiorität der einen Seite über die andere zu behaupten. Hier steht Steinhauer fest in der Tradition der Skeptiker und produktiven Paranoiker des Genres. Gut für den Spionageroman, gut für uns Leser.

Besprochen von Thomas Wörtche

Olen Steinhauer: Die Spinne
Aus dem Amerikanischen von Friedrich Mader
Heyne Verlag, München 2013
490 Seiten, 16,99 Euro

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