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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 15.05.2013

Die "Pythia vom Bodensee"

Jörg Becker: "Elisabeth Noelle-Neumann", Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn 2013, 369 Seiten

Elisabeth Noelle-Neumann, Gründerin des Instituts für Demoskopie Allensbach. (AP)
Elisabeth Noelle-Neumann, Gründerin des Instituts für Demoskopie Allensbach. (AP)

Mit Akribie zeichnet der Historiker Becker die Verstrickungen der Allensbacher Meinungsforscherin mit dem Nazi-Regime nach. Einige Details sind ihm in seiner Gegendarstellung zu Noelle-Neumanns Autobiografie aber entgangen.

Wer war sie wirklich? Elisabeth Noelle-Neumann, die "Pythia vom Bodensee", die mit ihrem "Institut für Demoskopie Allensbach" öffentliche Meinung nicht nur erfragte, sondern auch zu steuern versuchte. "Zeit ihres Lebens", das von 1916 bis 2010 währte, blieb sie

"national-konservativ, deutschvölkisch, antiparlamentarisch, ständestaatlich, antisemitisch und war einem autoritären Führer-Gefolgschafts-Denken verhaftet",

so das Resümee von Jörg Becker.

Kein Zweifel: Elisabeth Noelle-Neumann war eine typische Vertreterin der deutschen Eliten, die nach 1945 ihr wohlsituiertes Dasein (fast) nahtlos im Wirtschaftswunderland fortsetzen konnten. Unter den Nazis hatte die junge Journalistin, etwa bei der Vorzeige-Wochenzeitung des Regimes "Das Reich", eine ebenso stramme wie stramm-angepasste Karriere hingelegt: mit dem üblichen Grundton gegen Juden und Amerikaner in ihren Artikeln – die Jörg Becker aus den Archiven sorgfältig zusammengetragen hat und zitiert. Genauso ihre Doktorarbeit von 1940 zu "Meinungs- und Massenforschung in U.S.A.", die Becker als

"eine antiamerikanische, antisemitische und völkisch-nationale Dissertation"

zusammenfasst – "mit Unterstützung des Propaganda-Ministeriums geschrieben", wie Noelle-Neumann damals in einem Brief anmerkte: "Heil Hitler. Das Reich Politische Schriftleitung. Dr. Elisabeth Noelle."

Das alles war zum Teil schon bekannt. Das alles legt Jörg Becker überzeugend und locker lesbar dar. Aber: Er geht einen Schritt weiter und beschreibt Adenauers und Kohls Bodensee-Orakel als möglichen "Spitzel für den SD", den Sicherheitsdienst der SS. Mit "engerem Kontakt zu Zirkeln des Goebbels-Ministeriums" (für Volksaufklärung und Propaganda), als Noelle-Neumann später in ihren Lebens-"Erinnerungen" vier Jahre vor ihrem Tod einräumte. Das wäre neu, aber Becker belegt die Behauptung nicht, sondern spekuliert mit der Verwendung eines Begriffs ("Kolonne Nostradamus") aus Goebbels' Tagebuch. Dabei übersieht er, dass dieser Begriff auch im "Völkischen Beobachter" stand, also für jeden nachlesbar war, mithin kein Beleg für die behauptete Nähe zu Goebbels sein kann.

Becker hat eine Anti-Biografie verfasst

Kein Zweifel: Beckers Buch hat reichlich starke Seiten. Die Schilderung, wie sich das Ehepaar Noelle-Neumann nach dem Krieg in Tübingen unter französischer Besatzung durschlägt und erst mal Theater inszeniert, gehören dazu – zumal en passant der Schauspieler Horst Tappert, unser guter alter Derrick, als ehemaliger SS-Grenadier geoutet wird, was Jörg Becker immerhin Schlagzeilen selbst in der "Bild"-Zeitung gebracht hat. Ihre Probleme mit den amerikanischen Besatzern, die ihren Antiamerikanismus und ihren Antisemitismus nicht vergessen mochten; ihr Aufstieg im aufsteigenden Adenauerland: das ist insgesamt recht interessant geschrieben, wobei allerdings die fachliche Auseinandersetzung mit der Seriosität ihrer manchmal reichlich skurrilen Meinungsumfragen doch etwas fach-soziologisch gerät.

Aber wer eine Biografie erwartet, wird enttäuscht. Becker hat wie er selber bekennt, "eine Art Anti-Biografie gegen Noelle-Neumanns 'Erinnerungen'" verfasst. Er versucht gar nicht erst zu verstehen, wie die kluge Tochter aus wohlhabendem Bürgertum, die schon als Studentin Nazi-Propaganda machte, so wurde, wie sie wurde. Ihn interessiert nur brauner Sumpf – je mehr, desto besser. Ihn interessieren die "alten Seilschaften aus der NS-Zeit", mit deren Hilfe Noelle-Neumann "im Nachkriegsdeutschland Karriere gemacht" habe. Da wird dann selbst der alte "Zeit"-Verleger Gerd Bucerius, der in den 50er-Jahren seine Wochenzeitung brachial von braunen Redakteuren säuberte, in ein deutsches "old boys"-"network" von schlimmen Nazis eingereiht – weil er ein Haus am Lago Maggiore hatte, wo lauter alte Nazi-Journalisten lebten. Keinen Gedanken verschwendet Becker daran, dass der Fall Noelle-Neumann viel mit Adenauers Öffnung der Bundesrepublik für die alten NS-Eliten zu tun hat. Die Integration ist Teil der erfolgreichen bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte – und zugleich hatte sie ihren Preis in der Verdrängung so vieler Biographien. Die Noelle-Vita hätte für beides gutes Anschauungsmaterial geliefert. Das hat den Autor leider nicht interessiert.

Jörg Becker versucht nicht, seine Protagonistin Elisabeth Noelle-Neumann analytisch zu verstehen. Das ist der entscheidende Mangel dieses Buches. Er verfolgt sie derart hasserfüllt, dass man fast versucht ist, sie in Schutz zu nehmen – was der Autor gewiss nicht beabsichtigt hat.

Besprochen von Klaus Pokatzky

Jörg Becker: "Elisabeth Noelle-Neumann. Demoskopin zwischen NS-Ideologie und Konservatismus"
Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn 2013
369 Seiten, 34,90 Euro

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