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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 07.08.2009

Die positive Kraft des Zufalls

Mahmoud Darwish: "Der Würfelspieler", A1 Verlag, München 2009, 92 Seiten

Würfelspiel (Stock.XCHNG / Gabriel Doyle)
Würfelspiel (Stock.XCHNG / Gabriel Doyle)

Die Poesie des vor einem Jahr im Alter von 67 Jahren gestorbenen Palästinensers Mahmoud Darwish hat sehr unterschiedliche Phasen durchlaufen, von sehr eingängigen, vielfach vertonten Texten in den 60er-Jahren zu hochkomplexen, mit Mythen und Symbolen aufgeladenen Wortgebilden in den 80er- und 90er-Jahren. Das jetzt in einer deutsch-arabischen Ausgabe erschienene Langgedicht "Der Würfelspieler" vereint das Beste aus beiden Phasen. Es ist Darwishs literarisches Testament.

Wenn man dieses Gedicht liest, sollte man wissen, wer es geschrieben hat – am besten so wie die arabischen Leser. Gleich die ersten Zeilen sind ungeheuerlich, wenn man weiß, von wem sie kommen:

"Wer bin ich, euch zu sagen
Was ich euch sage?
[…]
Ich bin ein Würfelspieler
Zuweilen gewinne, zuweilen verliere ich
Ich bin wie ihr
Oder ein bisschen weniger."

Ausgerechnet der größte palästinensische Dichter steigt in einem der letzten Texte vor seinem Tod vom Podest herab, das ihm seine Anhänger errichtet haben, und spricht als einer von ihnen, "oder ein bisschen weniger". Freilich ist im Hintergrund noch eine andere Stimme am Werk: Es geht, wenngleich in bewusst einfacher Sprache, um die letzten Dinge, und somit steht "Der Würfelspieler" auch in der Tradition von Stéphane Mallarmés berühmtem Gedicht "Un coup de dés" ("Ein Würfelwurf"), welches es zugleich erdet. Man könnte das 40-seitige Gedicht eine poetische Biographie nennen, die Suche des Dichters nach seiner Bestimmung und Identität in einer kontingenten, von Gott verlassenen Welt: "Wie leicht wäre es möglich, nicht zu sein!" Der Zufall entpuppt sich jedoch überraschend als eine positive Kraft, die es möglich macht, die Geschichte anders zu denken. Dadurch werden all diejenigen Ideologen entlarvt, die der Geschichte einen tieferen Sinn zuweisen und ihren Verlauf als Bestätigung für ihr Weltbild und ihre Ansprüche nehmen – das im Heiligen Land und der Heimat Darwishs übliche Verfahren, einseitige Besitzansprüche geltend zu machen:

"Zufällig lebten Chronisten
Und zufällig sagten sie:
Hätten die anderen die anderen besiegt
Bekäme die Geschichte der Menschheit
Andere Überschriften"."

Die persönliche Rückbindung zeitigt bewegende Momente, und auch hier wieder ist es gut, wenn man die Biographie des schwer herzkranken Dichters kennt, der, ständig infarktgefährdet, dem Tod mehrfach von der Schippe gesprungen ist und schließlich doch bei einer Herzoperation starb:

""Ich glaube an meine Begabung
Den Schmerz zu entdecken um zehn Minuten
Vorm Sterben den Arzt zu rufen […]
Und das Nichts zu enttäuschen.
Wer bin ich, das Nichts zu enttäuschen?
Wer bin ich?"

Der Verzicht auf die Zeichensetzung führt in der deutschen Fassung zu mancher Doppeldeutigkeit ("ich sage nicht weit von hier sei…" wo es heißen muss: ich sage nicht, weit von hier sei"). Dennoch erschließt sich der Text auch anhand der deutschen Übersetzung. Ein einfühlsames Vorwort des Übersetzers, der mit Darwish lange befreundet war, rundet den Band ab.

Besprochen von Stefan Weidner

Mahmoud Darwish: Der Würfelspieler
Gedicht
Aus dem Arabischen von Adel Karasholi
A1 Verlag, München 2009
92 Seiten, 12,80 Euro

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