Dienstag, 2. September 2014MESZ13:37 Uhr

Buchkritik

FamiliengeschichteZerwürfnisse wie Giftmüll
Wachsfiguren-Kabinett in St. Petersburg: Geheimdienst-Chef Lawrentij Berija (l.) und Stalin, dazwischen der weißrussische Präsident Alexander Lukaschenko.

Den Niedergang einer Familie vor dem Hintergrund der finsteren Geschichte Georgiens im 20. Jahrhundert schildert Nino Haratischwili in ihrem Mammutroman. Allerdings ergeben die detaillierten Episoden nur ein unübersichtliches Wimmelbild.Mehr

Zweiter WeltkriegKriegsinferno ganz nah
Der Autor und Historiker Antony Beevor, aufgenommen 2010 in Helsinki.

Mit dem Einmarsch der Wehrmacht in Polen begann vor 75 Jahren der Zweite Weltkrieg. Der Historiker Antony Beevor entwirft in seinem 1000-Seiten-Buch nun ein gewaltiges Panorama jener Zeit - das mit seiner Wucht ebenso beeindruckt wie mit seiner Akribie.Mehr

RomanRobinsonade auf Hiddensee
Lutz Seiler, deutscher Schriftsteller, Ingeborg-Bachmann-Preistraeger 2007. Aufgenommen am 08.10.2010 in Frankfurt

Inselabenteuer in der Ostsee, die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft. Das lang erwartete Romandebüt "Kruso" von Lutz Seiler ist eine grandiose sprachliche Exkursion in das ungesicherte Gelände verschiedener Zeitschichten.Mehr

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Literatur

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Der Mailänder Dom

Als patriotisch gesinnter Student aus Mailand zieht Carlo Emilio Gadda 1914 in den Krieg und wird Schriftsteller. Erstmals erscheinen nun seine Kriegserinnerungen in Deutschland.Mehr

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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 25.07.2011

Die politische Rezeption Wagners in der Geschichte

Udo Bermbach: "Richard Wagner in Deutschland. Rezeption - Verfälschungen", Verlag J.B. Metzler, Stuttgart 2011, 508 Seiten

Porträt Richard Wagner, Photogravure nach einer Fotografie von Franz Hanfstaengl München 1865
Porträt Richard Wagner, Photogravure nach einer Fotografie von Franz Hanfstaengl München 1865 (Münchner Stadtmuseum)

In der großen weiten Welt der Wagner-Experten ist Udo Bermbach der Mann fürs Politische. Schon 2003 und 2005 hat er Studien zum politisch-ästhetischen Konzept im Ringen um das "Gesamtkunstwerk" vorgelegt. Jetzt folgt, als Abschluss einer Trilogie annonciert, ein umfangreicher Band mit Arbeiten zur politischen Wagner-Rezeption in Deutschland.

Es geht also um deutschen, germanischen, völkischen Wagner-Wahn – der allerdings bis ins ferne Paraguay reichen kann: Aufschlussreich Bermbachs Dokumentation des Projekts "Nueva Germania", eines missionarischen Siedlungsplans von Nietzsches Schwager Bernhard Förster, der fern der Heimat ein besseres, das hieß vor allem: von der angeblich verkommenen Moderne und dem jüdischen Einfluss unabhängiges Neu-Germanien gründen wollte. Die Sache ging von 1887 bis 1889, dann war die konkrete Utopie am Ende.

Braun ist der Einband des gewichtigen Buchs, und der Leser ahnt, was ihn erwartet: Ziemlich viel braune oder angebräunte Soße. Entsagungsvoll muss man Bermbachs Unterfangen nennen, sich durch 60 Jahrgänge jener "Bayreuther Blätter" zu arbeiten, die – unter der Schriftleitung Hans von Wolzogens und maßgeblichem Einfluss des Rasse-"Theoretikers" Houston Stewart Chamberlain – zwischen 1878 und 1938 zur Plattform und zum Sprachrohr des sogenannten "Bayreuther Gedankens" wurde.

Es waren aber eigentlich mehrere Gedanken: eine trübe Mischung aus Ästhetik und Antisemitismus, Weltveränderung und Politikverachtung und dem bizarren Versuch, aus Jesus einen Arier zu machen. Bermbach klärt auf, in über hundert Seiten über die "Blätter", dann über die Geschichte des "Regenerations"-Konzepts und die "Bayreuther Theologie". Das ist verdienstvoll, wenn auch nicht erquicklich zu lesen. Aber einer musste es wohl machen. Vielleicht hätte der Autor das Ganze etwas schlanker halten können und sich etwas weniger selbst zitieren; aber das sind Komfortüberlegungen eines ungeduldigen Lesers.

Namentlich Bermbachs genaue Bestimmung des Verhältnisses der Bayreuther Ideologie zum NS-Denken ist wichtig und nützlich, als Mittel gegen historische Kurzschlüsse wie den von "Wagners Hitler" (Joachim Köhler). Vielleicht schießt Bermbach allerdings ein wenig übers Ziel hinaus, wenn er den Revolutionär und Anarchisten Wagner immer neu von seinen braunen Apologeten und falschen Jüngern frei zu halten bestrebt ist. So fällt, nebenbei, noch eine Pointe ab, die natürlich eine aller Rezeptionsgeschichten ist: Jede Zeit knetet sich, was war, immer neu, auch diese: unseren Wagner eben. Spätere Bermbachs werden es weisen.

Besprochen von Holger Noltze

Udo Bermbach: Richard Wagner in Deutschland. Rezeption - Verfälschungen
Verlag J.B. Metzler. Stuttgart 2011. 508 Seiten, 39,95.


Heute beginnen die Bayreuther Festspiele 2011. Zum 100. Jubiläum gab Festspielleiterin Katharina Wagner ein Interview im Deutschlandfunk. Der Hintergrund vom Deutschlandfunk zieht ein Resümee der Geschichte des Grünen Hügels.

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"Bayreuth an sich funktioniert sehr gut"
Jubiläum auf dem Grünen Hügel

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