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Die Reportage / Archiv | Beitrag vom 10.10.2010

Die Nachrichtenmacher

Auf Tagesschicht bei der Tagesschau

Von Jörn Klare

Die Nachrichtensendung schlechthin - die Tagesschau (Maximilian Schönherr)
Die Nachrichtensendung schlechthin - die Tagesschau (Maximilian Schönherr)

Wie entstehen eigentlich Nachrichten? Und wer entscheidet, ob eine Nachricht wichtig ist, oder nicht? Jörn Klare ist der Frage nachgegangen und hat für einen Tag die Redaktion der Tagesschau besucht.

"Okay, dann gehe ich mal aufs Wochenende. Wir haben am Freitag 29,5 Prozent "

Montagmorgen 10 Uhr 30, ein Konferenzraum von ARD-Aktuell in Hamburg. Vize-Chefredakteur Thomas Hinrichs begrüßt im braunen Cordanzug die zweite Tagesschicht zu ihrer heute ersten Konferenz. Die Einschaltquoten vom Wochenende.

"Am Samstag fast zehn Millionen, 37,6 Prozent, am Sonntag hatten wir dann tatsächlich 10,87 Millionen, 34,6 Prozent."

Mitten im Raum ein langer ovaler Holztisch. Darum herum ein gutes Dutzend Journalistinnen und Journalisten. Das Durchschnittsalter Anfang bis Mitte vierzig. Einige sitzen lieber auf der langen Fensterbank als auf einem der Stühle.

"Da noch mal ein Blick im Vergleich zu den Zeitungen, da denke ich, dass wir das gut getroffen haben ... "

Nach den Quoten kommen die Inhalte. Kurze Diskussion.

"Dass dann der Tag der offenen Moscheen nur ne Studio-Fließ-Maz war. War mir dann zu wenig. Da hätte ich gedacht, wenn es Inländisch sonst nichts gab, hätte man doch vielleicht da noch ein kleines Stück machen können. "

Oliver Hähnel, Mitte vierzig, lange Haare, kräftiger Körper ist als Chef vom Dienst - kurz CvD - verantwortlich für die 20:00 Uhr Tagesschau, zusammen mit Nicole Könecke. Die - ebenfalls Mitte vierzig, Turnschuhe, Jeans und weißes Hemd - ist gedanklich schon knapp zehn Stunden weiter bei der Sendung am Abend.

"Ich würd' mal gern von hinten anfangen, weil wir fragen, ob wir für die 20 Uhr einen Reporterbericht Pakistan haben könnten?"

Die fürs Ausland zuständige Ressortleiterin nickt. Pakistan, genauer gesagt ein Bericht über Angriffe auf Tanklastzüge der NATO - kein Problem.

"Wunderbar. Dann haben wir auf alle Fälle in allen drei Sendungen Nobel – das ist klar."

Der Nobelpreisträger des Tages ist Nachrichtenpflicht. Vor der Tagesschau um acht kommen die Nachrichten um 16 und 17 Uhr. Auch für die sind Könecke und Hähnel verantwortlich. Eine Anregung vom Chefredakteur.

"Was ist mit den Reaktionen auf die Rede von Wulff?"

"Wenn was kommt, ja."

"Die spannende Diskussion ist doch im konservativen Lager die Auseinandersetzung mit dem Islam. Die hat er angestoßen. Und da muss man sehen, ob da irgendwas bei rumkommt."

Könecke, seit 23 Jahren in der Redaktion, ein wenig skeptisch. Vielleicht ist zu Wulff ja schon alles gesagt.

"Also ich würde es ehrlich gesagt nur niffen, weil ich würde mir gern noch einen Platz aufhalten, falls Stuttgart 21über die Nif-Größe hinausgeht."

NiF ist das Kürzel für Nachricht im Film, etwa 30 sec lang. Der Text wird live auf den Film gesprochen und kann noch bis zur letzten Sekunde verändert werden. Eine NiF ist wichtiger als eine Fließ-MAZ. Das sind Bilder, die hinter einer vorgelesenen Meldung laufen. Die wichtigste Nachricht ist verpackt als fertig produzierter Beitrag, also mit Bildern und Text vom Autor. Etwa 90 sec lang. Der Aufmacher.

"Dann haben wir also quasi ein paar Fragezeichen: Wulff, die Demo und den Buchpreis und haben sicher in der 20 Uhr."

"Asem, Pakistan, wenn es was wird: Brasilien."

"Nobelpreis."

"Nobelpreis."

Mit einem DIN-A4-Blatt voller Stichpunkte geht es eine Treppe tiefer in den Redaktionsraum 2, der Ort an dem die Nachrichten der zweiten Tageshälfte und somit auch die Tagesschau um 20 Uhr "gemacht" werden. Zwei dutzend noch leere Arbeitsplätze auf knapp 300 qm, Flachbildschirme, viel dunkles Grau, die Tische aus Holz, auf dem Boden dunkler Nadelvlies. Eine Art Raumschiff mit großen Fenstern und Blick in gepflegte Strauchlandschaften. Vor einer der Wände, auf gleicher Höhe ein acht Meter langer Tisch, die Kommandobrücke der CvDs. Telefone, Computermonitore, direkt dahinter zehn TV-Bildschirme. Das eigene laufende Programm, das der Konkurrenz, das Bewegtbildangebot der Nachrichtenagenturen und der Europäischen Rundfunkunion. Mittendrin eine digitale Uhr. Noch neun Stunden bis zur Tagesschau.

"Ne gute 20-Uhr-Tagesschau ist ne Tagesschau in der alle wichtigen Nachrichten des Tages drin sind und die dann so aufbereitet sind, dass man sich die gerne anguckt und danach alles weiß, was man zum Thema wissen muss."

Hähnel, seit 10 Jahren dabei, schiebt die Ärmel seines St.Pauli-Kapuzenpullis in die Höhe, kurzer Blick auf den Bildschirm mit den neuesten Meldungen. 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr sichten, sortieren und bewerten hier im Haus insgesamt 240 Mitarbeiter, darunter 90 Redakteure, aktuelle Informationen und Bilder aus der ganzen Welt. Die Tagesschau um 20 Uhr ist die klassische Nachrichtensendung schlechthin im deutschen Fernsehen. Keine ist älter, keine erfolgreicher. Heute Abend läuft Ausgabe Nr.19 913. Der Durchschnitt liegt bei 10 Millionen Zuschauern. Die Chefin vom Dienst plant schon mal.

"So sprich!"

"Also machen wir mal irgend – Nobel, fangen wir mal mit Nobel an. Das ist 25 die Meldung, 1:30 das Stück."

"Du weißt da schon Zeiten?"

"Ja, deshalb – wir müssen rechnen?"

Könecke diktiert Dienstleiter Andreas Bauer, ebenfalls Mitte vierzig, ebenfalls ein entspannter Typ in Jeans und T-Shirt. Er unterstützt die CvDs bei den organisatorischen Abläufen.

"Anschläge auf NATO-Konvois."

"Ich schreib mal Pakistan."

"Ja Pakistan auch 25 als Meldung vorweg."

25 Sekunden für Pakistan. Aber nur vielleicht. Keiner, nicht einmal ein Redakteur der Tagesschau, weiß, was der Tag noch bringt. Trotzdem addiert Brauer die Zeiten. Die 20-Uhr-Tagesschau dauert 15 Minuten. Eine davon geht fürs Wetter drauf. Nicht viel für Deutschland und die ganze Welt. Könecke blickt auf den Zwischenstand.

"Jetzt ist, sehe sich das richtig, ist Brasilien nicht drin."

"Ja, das kommt auch noch dazu. Das war ja auch noch in der Schwebe."

"Dann nehmen wir Wilders raus. Dann ist Wilders schon mal raus aus der 20 stattdessen Brasilien als Fließ-MAZ, oder?"

"Würd' ich sagen, ja."

"Kann man machen."

"Sagst du es Vera gleich, dann hat sie ja gar keine Chance mehr in der 20."

"Das müsste dann hier irgendwo rein."

"Ja."

"Oliver, hallöchen, wir wollten dir nur sagen, dass wir Brasilien in der 20 nur als Fließ-MAZ mitkriegen. Mach gut. Ciao."

"Das wird ja erst interessant, wenn die Stichwahl losgeht. Ist ja nicht so schlimm."

"1:20 habe ich dem Ahlers in der 17 Uhr gegeben."

"Oliver, grüß Dich. Regine telefoniert, nicht? Alles klar Ciao."

12 Uhr 30, noch siebeneinhalb Stunden bis zur Tagesschau. Dienstbeginn der Redakteure. Ein gutes Dutzend, fast so viele Frauen wie Männer. Könecke und Hähnel verteilen die geplanten Themen. Die Atmosphäre konzentriert, locker. Man duzt sich. Hähnel lehnt sich zurück. Der Stress wird noch kommen.

"Heute ist ein relativ ruhiger Tag, weil es nicht die vielen Themen gibt, die sich massiv verändern. Aber es ist auch ein etwas chaotischer Tag, weil Du die klare Gewichtung in den Themen heute nicht so hast. Sonst weißt du, das ist ganz klar heute der Aufmacher. Die Rede von Wulff zum Tag der Deutschen Einheit ist natürlich der Aufmacher, das weißt du schon einen Tag vorher, wenn nicht irgendwo ein Krieg beginnt oder so."

Allerdings: Einen Krieg will keiner. Und Wulffs Rede ist von gestern. Nachrichtentechnisch also schon Geschichte. Wieder ein Blick auf den Bildschirm mit den neuen Agenturmeldungen. Die Nachrichtenagenturen treffen eine Vorauswahl, melden längst nicht alles, was auf der Welt geschieht. Wer entscheidet, was wichtig ist?

"Hier in unserer Schicht, in unserer Gruppe fällen wir ganz viele Entscheidungen. Aber du hast immer so zwei, drei Sitzungen, die als Korrektiv dienen, weil du da den Chef der Planung hast, weil du den Chefredakteur hast, weil du mit denen noch mal genau bestimmt und diskutierst: Haben wir die Wertigkeit richtig eingeschätzt?"

Noch sechs Stunden. Die 14 Uhr Nachrichten von den Kollegen der Frühschicht nebenan. Bosnien-Herzegowina - Hähnel mit einem Ohr dabei. Das Ohr zuckt.

"Sollte das sein, das wir durchgehend immer einen Fehler haben? ... Falsche Formulierung. Es muss bosnisch-kroatisch und nicht muslimisch kroatisch heißen."

"Ja, genau. Offiziell ist es bosnisch-kroatisch."

"Aber wir haben das immer und überall falsch. Auch auf den Karten ... "

"Kann doch nur bosnisch-kroatisch sein."

Hähnel weiß sicher viel, aber ganz sicher nicht alles. Eine Hand schiebt die Haare hinter Ohr, die andere greift zum Telefon.

"Hey. Wir glauben, dass wir einen tiefgreifenden Fehler aufgedeckt haben. Bei Bosnien. Da reden wir immer von der muslimisch-kroatischen Föderation. Es ist aber die bosnisch-kroatische Föderation. Ich würd' an eurer Stelle da noch mal mit einem da unten telefonieren, aber ich bin mir sicher, nachdem ich mir das jetzt angeguckt habe."

Vier Meter weiter am selben Tisch, Kollegin Könecke.

"Weil sie hatte doch nachgelegt. Lindner von der FDP hat nachgelegt, und der Geis von der CSU, da haben wir jetzt doch jetzt ein bisschen mehr Fleisch am Knochen."

Der Knochen ist die gestrige Rede des Bundespräsidenten, das Fleisch sind relevante, vor allem aber neue Reaktionen.

"So, jetzt bin ich bei Ihnen. Wir haben auch über einige Details schon gesprochen."

Acht Meter weiter, ein anderer Tisch. Andreas Müller, Anfang 50, sportlich.

"Also dieses muslimisch-kroatische – das müssen sie mir bitte auch noch mal auseinandersetzen, weil ich es ehrlich gesagt nicht verstehe. Ich würde sagen, bosnisch kroatische Föderation. Weil muslimisch ist ja eine religiöse und das ... ."

Am anderen Ende der Leitung die für den Balkan zuständig Korrespondentin.

"Wenn ich in unsere Richtlinien aber reingucke. Also möglichst umgehen, die Bürger von Bosnien-Herzegowina. So steht es bei uns in den Richtlinien."

"Worauf wir hoffen, aber was wir nicht wissen, ob wir es in irgendeiner Form bekommen, wird es also im Zweifelsfall ne Meldung, vielleicht wird es mehr. 'Reaktionen auf Wulff'."

Chefin vom Dienst Könecke am Telefon, am anderen Ende der Chefredakteur. Das Thema: Wulff.

"Dann fangen wir das Inhaltliche einen Tick weit mit einer Wortmeldung auf, zeigen ihn, wie er für die deutsche Einheit die Preise verleiht, und dann haben wir es auch drin."

"Super Entscheidung."

"Gut, machen wir so. Okay. Danke."

"Berbner ist raus."

Berbner ist der Kollege, der den Bundespräsidenten-Rede-Reaktionen-Beitrag von Berlin aus machen sollte. Der ist gestrichen. Berbner hat frei.

"Super. So machen wir das. Bis dann. Tschüss."

Müller erleichtert. "Muslimisch-kroatisch" klingt nach wie vor komisch, ist aber offiziell richtig. Wieder was gelernt.

"Dein Telefon!"
"Deins?"
"Ne, deins!"

Kleine Zwischenfrage. Die vielen politischen Themen, die Entscheidung, welchem Ereignis, welchem Problem, welcher Partei, welchem Politiker man Zugang zu zehn Millionen Zuschauern verschafft – welche Rolle spielt die eigene Haltung? Hähnel schaut kurz auf.

"Deine Haltung darf in einem Beitrag oder in der Art, wie wir Themen betreuen oder Themen setzen, darf nicht erkennbar sein. Aber es ist schön, wenn es eine Haltung gibt, die dafür sorgt, dass Leute besonders informiert und engagiert sind."

Ärger? Klar, gehört dazu. Druck? Auch - regelmäßig.

"Das kommt sehr selten an, weil ich glaube, dass die Chefredaktion das sehr gut abfedert. Ich glaube, dass das bei denen häufig ankommt, dass da oft auch Beschwerden kommen, dass da die Parteien auch genau gucken, wie sie selber ankommen, oder welche O-Töne werden ausgewählt von welchen Personen."

Hähnel verschiebt mit der Computermaus wieder Beiträge im Sendeplan.

"Also lesen könntet ihr selber. Also Nobelpreis wäre es mit Frank Jan. Was wir heute noch ein bisschen nachklappern können, die Verdienstorden, die verliehen werden ... "

14 Uhr 50, eine der täglich sechs Konferenzen. Alle stehen im Kreis mitten im Raum. In der Hand einen Ablaufplan der Sendung. Vorläufig - natürlich.

"Wir können eigentlich diskutieren, wann wir Stuttgart als Thema sehen. Wenn wir Stuttgart machen, muss irgendwas anders raus."

"Also wenn das da hoch her geht, muss du das ja sowieso machen."

"Ich finde nach der großen Demo am Freitag mit 50 bis 100 000 Leuten; wo alles friedlich blieb, dass es heute entweder noch mal deutlich mehr Leute sein müssten, oder dass es heute in irgendeiner Form eine handfeste Auseinandersetzung geben müsste, dass man ein Stück macht. Wenn das eine normale Demo wird, sagen wir mal 20 000 und alles ist friedlich, dann finde ich, dass ne NiF reicht."

"Ja"

Allgemeines Nicken. Jede Meinung zählt, vor allem aber der Konsens. Alle zurück an ihre Plätze. Die Nachrichtenmaschine nimmt Fahrt auf.

Wulff hier, Bosnien da, ein bisschen Stichwahl Brasilien, aber nicht zu viel. Vielleicht das Hochwasser in Ostdeutschland? Die europäische Golfmannschaft gewinnt den Ryder-Cup - kann, muss man aber nicht machen. Den Deutschen Buchpreis schon. Opel schließt ein Werk in Antwerpen – Fragezeichen. Der Vorstand der Grünen tagt in Gorleben – am Nachmittag okay! Aber für die 20 Uhr? Gucken, wie die Demo in Stuttgart läuft. Heißt der Computerwurm jetzt Stuxnet oder Staxnet und bohrt er schon in Deutschland? Der drohende Währungsstreit mit China - ja, ist wichtig. Zwischendurch mit großer Sorgfalt die Nachrichten um 16 und 17 Uhr zusammengestellt, gesendet, kritisiert.

"Du wirst ja ganz leicht zum Fachidioten und verstrickst dich in der letzten kleinen Drehung eines Gesetzesvorhabens und findest Sachen ungeheuer wichtig, die eigentlich kein Mensch außer dir wichtig finden kann."

Hähnel mal kurz die Füße auf dem Tisch. Zwischendurch ein Butterbrot. Immer wieder die Fragen, was kann man dem Zuschauer zumuten, welches Wissen kann man voraussetzen.

"Ein guter Nachrichtenredakteur muss genau das hinkriegen: Er muss auf der einen Seite so gut informiert sein, dass er, wenn es geht, schon jede Wendung kennt und dann in der Lage ist mit einem guten Korrespondenten, das so runter zu brechen, dass die Fakten, die ich brauche, dass die alle drin sind. Aber dass ich zum einen eine Sprache wähle, die man gut verstehen kann und dass ich auch, wo es möglich ist, es runterbrechen zu: Was hat es mit dem Zuschauer zu tun?"

In der Hand einen Apfel, gleich ist der Mund voll. Noch was: Fernsehen wird geschaut, nicht nur gehört oder gar gelesen. Es geht um bewegte Bilder. Schön aber nicht einfach.

"Das heißt, du hast manchmal Themen, die sind so wichtig, dass du dir unglaublich viel Mühe machen musst, wie du die bebilderst, weil es faktisch keine Bilder gibt. Und du hast andersrum manchmal das Problem, dass du Bilder hast, die so eindrucksvoll sind, dass du aufpassen musst, dass nicht etwas zu einer Nachricht wird, nur weil die Bilder so eindrucksvoll sind."

Der Apfel längst gegessen. Hähnel, die Füße wieder auf dem Boden, mitten in der Produktion, sichten, bewerten, organisieren. Es ist 19 Uhr. Noch eine Stunde bis zur Tagesschau. Die Aufträge sind verteilt, die Redakteure im Studio, Korrespondenten in Deutschland und der ganzen Welt recherchieren, sichten, schneiden, texten, redigieren. Alles läuft nach Plan ... Und dann werden die Karten neu gemischt.

"Es gibt Meldungen mit fünf, es gibt Meldungen mit acht. Es sind vermutlich Deutsche und Gürne sagt, seine Quellen sagen das auch."

Eine Eilmeldung. Gürne ist der für Pakistan zuständige Korrespondent in Indien.

"Bei einem Raketenangriff sind angeblich acht deutsche Islamisten im Nord-Westen Pakistans getötet worden. Das ist natürlich eine Dimension, wenn Du da eine Geschichte zu erzählen kannst, was steckt dahinter, was sind das für Leute, das ist natürlich hochspannend und ist gerade eben erst passiert. Also eine Stunde vor der Sendung, eine gute Stunde."

Hähnel starrt auf den gerade noch gültigen Ablaufplan, die Gedanken bei dem Kollegen in Neu-Delhi.

"Es ist nur für den Kollegen jetzt zum einen die Entscheidung, macht der ein Stück, was gut wäre, was aber natürlich unheimlich schwer ist in der Kürze der Zeit. Oder machen wir live und live in der 20-Uhr heißt, dass der uns im Prinzip in 40 Sekunden die Geschichte erzählt. Aber mehr nicht. Da kannste keine Bilder zeigen."

"Wir haben keine Möglichkeit zum Nachfragen."

Könecke neben Hähnel.

"Den Nobelpreis würde ich ganz runterziehen."

Am Telefon - der Chefredakteur.

"Also wir würden jetzt dann aber auch damit aufmachen."

Daneben Kollege Bauer an seinem Hörer die Planungsredaktion, die den Kontakt nach Asien hält. Er verzieht das Gesicht. Noch 45 Minuten bis zur Tagesschau.

"Was denn?"

"Wanda würde abraten von dem Stück jetzt."

"Was jetzt?"

"Warte, dann gebe ich dir mal Nicole."

"Mach mal laut!"

"Der hat selber jetzt im Moment noch keine Chance auf eine Bestätigung. Und würde daher im Moment abraten. Würde sagen, man sollte es melden."

"Aber wenn er von Gürne die Bestätigung kriegt."

"Er sieht es etwas zweifelhafter mit den Quellen."

"Dann machen wir Gürne live."

"Den schafft er nicht mehr."

"Die sagen, da ist irgendwo eine Lehmhütte hochgegangen und da waren auch ein paar Deutsche drin. Und er rechnet nicht damit, dass Markus eine Bestätigung im Sinne von offiziellen Quellen kriegt. Ich ruf Dich gleich zurück."

Noch 45 Minuten. Könecke, Hähnel der Bildschirm mit dem Sendeplan - ein Dreieck mit vielen Fragezeichen.

"Aber mit was machste jetzt auf ... Dann ist jetzt wieder Nobelpreis oben. Sehe ich das richtig?"

"Mhm."

"Gut, er lag ja nur unten."

Bauer winkt, stellt sein Telefon auf Mithören.

"Die warten jetzt noch auf einen zweiten Anruf von einer zweiten Quellen, der innerhalb von 10 Minuten kommen möchte."

"Machen wir live."

"Dann schalten wir Markus."

"Okay, danke."

"Danke. – Wie bauen wir das jetzt?"

Chefredakteur Hinrichs jetzt auch live dabei.

"Das Innenministerium ist angefragt?"

"Ja da läuft alles."

"Das Außenministerium?"

Könecke nickt, wieder bei Hähnel.

"Ja, dann fliegt der Ryder-Cup raus. Das ist der Erste, der fliegt. Dann endest du mit dem Deutschen Buchpreis."

"Ja."

"Oder?"

"Ja."

"Da haben wir locker 21 Sekunden gewonnen."

"Super."

Nur kurz. Könecke eine Hand am Telefon, die andere haut auf den Tisch.

"Ja, Scheiße. Also könnten wir nur ne Telefonschaltung machen?"

"Oh nein. Jetzt hat Gürne keine Technik."

"Also wir kriegen keine Leitung nach Neu-Dehli. Wir können höchstens skypen."

Ein Videotelefonat über das Internet. Aus technischen Gründen nicht gut genug für die Sendung. Bisher zumindest.

"Ihr wisst schon, dass die Skype-Qualität von Neu-Delhi sehr gut ist. Das ist ja nur einfach, technisch kriegen wir keine Leitung hin. Ihr wollt trotzdem lieber Telefonschaltung?"

"Ne, wenn die technisch gut ist."

"So wir müssen bitte ne Skype-Schalte für die 20 Uhr für die Gürne Nummer einrichten."

Noch 25 Minuten. Hähnel guckt sich um. Der Chefsprecher fehlt.""

"Hat irgendjemand Jan Hofer heute schon gesehen?"

"Nein."

Acht Meter weiter.

"Das Auswärtige Amt hat die Meldung noch nicht bestätigt ... Das wäre der jetzige Stand. Und dann kämest du mit 45 Sekunden."

Müller und der Kollege Gürne in Neu-Delhi. Vorbesprechung.""

"Kannst Du auch was sagen zu dem Aufenthalt, was die dort gemacht haben."

"Dass in den letzten Tagen spekuliert wurde - Angriffe und dass Geheimdienstinformationen ausgetauscht worden sind."

"Sehr schön."

Chefsprecher Hofer kommt. Schwarzer Anzug, weißes Hemd, Krawatte, Einstecktuch – elegant, seriös und mit einem freundlichen Lächeln.

"Jan, grüß Dich. ... "

"Ja, das ist doch super. Du hättest 45 Sekunden Zeit."

"Ja."

"Ja, alles klar Markus. Bis dann. Ciao."

Noch 20 Minuten.
"Sag mal, irgendwann kriegst du ja hier einen Hörsturz."

"Nö."

"Bei dieser Kulisse hier."

"Ja, seit 19 Uhr 10 dreht sich das Ganze Programm noch mal. "

"Es ist jetzt 17 Minuten vor der Sendung und uns fehlen an Filmen noch eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs. Sechs von neun fehlen noch. Das ist blöd."

Mitten im Trubel flüstert Hofer ganz entspannt seine Texte durch.

Die sich allerdings immer wieder ändern. Fünf Minuten noch.

"Der letzte Satz bei der Sechs ist raus."

"Musst Du Jan noch mal sagen."

"Ne, macht sie nicht."

"Willste noch mal neu haben?"

"Ne hab schon gestrichen."

Noch 90 Sekunden bis zur Tagesschau. Hähnel ab ins Sendestudio.

Zwölf Leute, 100 Bildschirme, gedämpftes Licht. Ein großes Fenster zum Nebenraum. Dort sortiert Hofer vor der blauen Tagesschau-Kulisse ganz die alte Schule seine Blätter. Die 20 Uhr Nachrichten sind die Einzigen, die tatsächlich vom Blatt und nicht von einem Teleprompter neben der Kamera abgelesen werden.

Aufmacher ist wie um 10 Uhr 30 angedacht der Nobelpreis.

Ganz hinten im Kontrollraum, leicht erhöht, Hähnel mit dem Überblick.

"Ich hab die 14 hinter die 16 gezogen. "

Optimiert auch jetzt noch die Reihenfolge der Beiträge.

"Dazu jetzt live unser Korrespondent Markus Gürne in Neu-Delhi. "

Hofer erfährt den neuen Ablauf, sortiert die Blätter neu, während Korrespondent Gürne in 45 Sekunden die neusten Ereignisse aus Pakistan auf den Punkt bringt.

"Hallo Markus, hörst du mich. Hier ist Oliver, das war super. War richtig gut. Bis die Tage, tschüss."

Dann kommt irgendwann Wulff.

"Bundespräsident Wulff ... ""

Die Wahl in Bosnien-Herzegowina.

""Außerdem wurde in der muslimisch-kroatischen Föderation ... "

Kein Ryder-Cup, aber natürlich das Wetter.

"Und nun die Wettervorhersage ... "

20 Uhr 15, Hähnel entspannt sich.

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