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Religionen / Archiv | Beitrag vom 27.08.2011

Die Musik - eine Form des Gebets

Der Geigenbauer Martin Schleske

Von Michael Hollenbach

Zwei Geigen (AP)
Zwei Geigen (AP)

In einer Geige steckt viel Arbeit, aber sie wird vergolten, durch das langsame Entstehen eines wunderschön klingenden Instruments. Martin Schleske ist Geigenbauer und ein tiefgläubiger Mensch. Für den 45-Jährigen ist der Geigenbau zu einem Gleichnis des Lebens geworden.

Martin Schleske streicht mit dem Bogen über die Saiten seiner neuesten Geige. Rund 250 Stunden Arbeit stecken in dem Instrument. Am Anfang steht das Holz, die Auswahl des so genannten Sängerstamms, einer Bergfichte. Nur einer von 10.000 Stämmen ist gut genug für eine Geige. Doch selbst dieser Sängerstamm ist nie perfekt; als Geigenbauer muss man sich auf die Schöpfung, auf das Material einlassen.

"Einerseits als Meister die Einmaligkeit des Holzes zu spüren, die Eigenarten, den Drehwuchs, die Fehler, die Abhölzigkeiten, alles das, was jedes Mal anders ist, kein Holz ist jedes Mal gleich, das heißt, mich als Meister ganz einzulassen auf das Gegebene, und das ist dieser eine Pol, die Barmherzigkeit gegenüber dem Gegebenen, und das ist ein wesentlicher Aspekt im Leben, mich anzuschauen, wie ich geworden bin."

Der Werdegang der Geige vom Holz bis zum Konzertinstrument ist für Martin Schleske wie ein Gleichnis des Lebens. Die Beziehung zwischen Intuition und Wissen, zwischen Akzeptieren und Verändern.

"Jetzt kommt die große Spannung: das ist die Ehrfurcht vor dem Gebotenen, das akustische Gesetz, das ich kennen und beherzigen muss. Also wenn ich nur sage, ich werde dem Holz gerecht und arbeite so, wie das Holz das braucht, und habe keine Vorstellung vom guten Klang, dann wird es kein guter Klang. Ich muss also eine Ehrfurcht haben vor den akustischen Gesetzen."

Es geht für den 45-Jährigen, der nach seiner Lehre als Geigenbauer das Abitur nachmachte und Physik studierte, um eine Harmonie der Gegensätze – beim Geigenbau und im Leben:

"Alles, was lebendig ist, genügt nicht einer Konstruktion. Wir sind keine Konstruktionen, und wir haben oft diese Zwanghaftigkeit, dass wir meinen, das Leben muss so und so laufen und so und so müssen Beziehungen sein, also ein viel zu konstruiertes Denken."

Unter einer alten OP-Lampe bearbeitet Martin Schleske den Bergahorn für den Geigenboden. Mit Holzmesser und Ziehklingen schneidet der Handwerker winzige Späne aus dem Holz. Mit einem Abstecheisen stößt er die Wölbung aus. Ein kleiner Messinghobel spürt dem Faserverlauf nach.

"Da hört man jetzt sehr schön, ob man mit oder gegen die Faser geht, hier ist zum Beispiel so ein drehwüchsiger Bereich, bei dem die Faser leicht abhölzig ist und wenn ich da hobele, ist es ein ganz raues Geräusch, und wenn ich mit der Faser hobele, dann ist es ein helles Zischen."

Martin Schleske ist in einem Elternhaus aufgewachsen, in dem Religion keine große Rolle spielte. Der Vater hatte sich – nach dem Holocaust – enttäuscht von Gott abgewendet. Aber mit 13 Jahren entdeckte Martin Schleske die Bibel für sich und sein Leben.

"Für mich ist der christliche Glaube eine entscheidende Lebensgrundlage. Gleichzeitig spüre ich, dass ich das Phänomen Christus auch begreife, indem ich nach links und rechts schaue und mich in Frage stellen lasse von denen, die mir was anderes sagen. Und das war in den letzten Jahren sehr intensiv die Beschäftigung mit der Theologie des Judentums; gleichzeitig auch mit Laotse und dem Taoismus."

Für den Münchener geht es um eine Auseinandersetzung mit der eigenen Kultur und dem eigenen Glauben.

"Das Reizvolle ist die Mehrdeutigkeit; ich habe immer eine Skepsis gegenüber eindeutigen Räumen und eindeutigen Definitionen. Die Mehrdeutigkeit ist etwas, was viel mehr dem künstlerischen Prozess angemessen ist, und das Leben ist nicht zu banalisieren durch die Logik."

Martin Schleske hat bislang mehr als 140 Geigen gebaut; Spitzengeiger aus der ganzen Welt fragen nach seinen Instrumenten. Und dennoch gelingt ihm nicht jede Geige; manchmal muss er den Bau des Instrumentes abbrechen, weil das Holz nicht so klingt, wie der Meister sich das vorstellt. Wie das Handwerk, so das Leben, meint Martin Schleske.

Boden und Decke der Geige werden mit den Zargen verleimt; danach folgen das Griffbrett und die Schnecke. Der Deckenrand ist in Akazienholz eingefasst. Das ist seine religiöse Handschrift: Auch die jüdische Bundeslade im Alten Testament war aus Akazienholz. Zum Schluss: der Lack. 15 Schichten mit einer besonderen Rezeptur aus Myrrhe, Bernstein und Matrixharz. Auch diesen Arbeitsprozess verbindet Martin Schleske mit einem Gleichnis:

"Dieses Gleichnis der unterschiedlichen Harze und der Öle und Pigmente ist für mich ein sehr schönes Gleichnis für die menschliche Gemeinschaft, wo kein einzelner alles abbildet, jeder Mensch hat seine Charismen, seine Stärken, und auch seine Schwächen, und erst in der Rezeptur mit den anderen gemeinsam wird es ein guter Lack. Also im Gegensatz zu dem Ego-Trip, zu meinen, ich muss mein Leben für mich verwirklichen. Ein Mensch, der sich verwirklichen will, ohne dass er tief hineinwächst in die Gemeinschaft, der wird sich verlieren."

Und diese Gemeinschaft hat er vor allem in seiner evangelischen Gemeinde erfahren:

"Das Wesentliche der Kirche ist eigentlich die Gemeinschaft, die Freundschaft mit Menschen, von denen ich weiß, ich kann mich blind auf sie verlassen. Es sind wirkliche Freunde, die auch für mich und mit mir beten. Das gemeinsame Gebet ist für mich das Innerste, was Kirche bedeutet."

Neben der Werkbank liegt ein Notizheft, in dem der Vater zweier Kinder seine Gedanken aufschreibt, seine Gleichnisse entwirft. Martin Schleske spricht von heiligen Momenten, die er in seinem Atelier erlebt; von Offenbarungen des Alltags, durch die er sein Leben neu begreife.

"Wenn man die Harze im Mörser zerstößt und zusammenbringt und löst im Öl, das sind alles Prozesse, die sehr lang dauern, wo man mal stundenlang bei der Arbeit ist, und dann die Gedanken ihre eigenen Wege gehen."

Ob eine Geige gut klingen wird, dass weiß Martin Schleske spätestens, wenn er die ersten Töne hört.

"Wenn ich die Saiten aufziehe und mit dem Finger über Saiten gehe, wenn das Instrument den ersten Ton macht, da spüre ich, wenn ich mit dem Daumen, mit der rauen Haut über die Saite gehe, da hört man ein resonantes Rauschen und da antwortet das Instrument zum ersten Mal und da weiß ich: Ja, das war es. Dieses Geräusch allein schon, da merkt man die Resonanz, schon bevor ich zupfe. Merkt man auch den Nachklang des Instrumentes."

"Jede Musik ist letztlich ein in Klang gegossenes Gebet. Der Mensch kann gar nicht verhindern, dass er sein Herz erhebt. In den Momenten der wirklichen Selbstvergessenheit sind wir Menschen, die zu Gott hin geöffnet sind und die beten."

"Musik hat eine große Versöhnungskraft. Die Kraft, mich mit Gott zu versöhnen, das ist eine ganz andere Frage, sondern mich mit mir selbst, mit meiner Welt zu versöhnen. In einem guten Konzert, da gibt es manchmal solche magischen Momente, wo man spürt, jetzt hören alle hin, jetzt ist etwas ganz Besonderes, das sind dann wirklich religiöse Momente. Und da ist die Musik ein Diener des Lebens. Das ist eine Form des Gebets."

Buchtipp:

Martin Schleske: Der Klang – vom unerhörten Sinn des Lebens
Kösel Verlag, München 2010
352 Seiten, 21,95 Euro

Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Der die Geige zum Klingen bringt
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