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Thema / Archiv | Beitrag vom 08.07.2010

"Die Liebe kann doch weitergehen"

Der Philosoph Gunter Gebauer über die Entttäuschung nach dem deutschen WM-Aus

Gunter Gebauer im Gespräch mit Susanne Führer

Deutscher Torjubel gegen Australien. (AP)
Deutscher Torjubel gegen Australien. (AP)

Wie die Fans mit der Niederlage ihrer Idole umgehen sollten, erklärt der Berliner Sportphilosoph Gunter Gebauer. Trotz des Ausscheidens sei das Nationalteam ein gutes Vorbild - nicht nur für Migrantenkinder.

Susanne Führer: 0:1, aus der Traum, Deutschland kommt nicht ins Finale der Fußball-Weltmeisterschaft. Spanien war klar die bessere Mannschaft gestern Abend. Ziemlich mit gelitten hat Gunter Gebauer. Er ist Professor für Philosophie an der FU Berlin. Guten Morgen, Herr Gebauer!

Gunter Gebauer: Guten Morgen, Frau Führer!

Führer: Deutschland hat seinen Meister gefunden, ich glaube, das kann man nicht anders sagen. Ist die Mannschaft nach dem Spiel gestern Abend nun entzaubert?

Gebauer: Nein, das kann man nicht sagen. Es ist schließlich eine ganz junge Mannschaft, und vergessen wir nicht, die Mannschaft hat sich erst im Verlauf des Turniers gefunden. Denken wir mal zurück an die Zeit von vor zwei Monaten, da hat niemand gedacht, dass wir eine so mitreißende, großartige und zukunftsträchtige Mannschaft aufgeboten hätten, die wir ja jetzt haben. Und dieser Mannschaft gehört ja auch die Zukunft.

Führer: Das mag ja rational so stimmen, aber trotzdem, wenn man jetzt noch mal so an gestern Abend denkt, ich meine, verlieren ist schlimm genug, aber verdient zu verlieren ist wirklich bitter.

Gebauer: Na ja, das weiß ich nicht. Wenn man …

Führer: Also in diesem Fall. Ich meine, es ist gerecht.

Gebauer: Es heißt, dieser Mannschaft werden die Grenzen aufgezeigt, und das ist natürlich bitter zu sehen, dass diese Mannschaft noch Grenzen hat. Aber haben wir nicht ein kleines bisschen den Maßstab verloren in den letzten Wochen? Das Spiel gegen England, dann gegen Argentinien, das hat uns eine Mannschaft gezeigt, von der wir der Meinung waren, jetzt haben wir eigentlich die beste der Welt, aber …

Führer: Genau, und morgen fliegen sie auf den Mond.

Gebauer: Ja, genau. Aber die Mannschaft kann eben nur so gut sein, wie der Gegner zulässt, und die Grenzen, die aufgezeigt wurden, haben eben ganz deutlich gezeigt, dass hier Spieler sind, die teilweise seit Jahrzehnten schon zusammen spielen, die zu den Besten …

Führer: Die Spanier meinen Sie jetzt?

Gebauer: Die Spanier, genau – die bei Barcelona spielen. Es waren schließlich … das ganze Mannschaftsgerüst von Barcelona genommen, und das ist im Augenblick, denke ich, obwohl sie die Champions League nicht gewonnen haben, aber doch die beste Mannschaft der Welt seit mehreren Jahren, da gibt es gar keinen Zweifel. Und es sind fertige, ausgebildete Spieler, die seit langer Zeit auf höchstem internationalen Niveau spielen. Da kommen unsere noch nicht ganz mit. Das haben wir uns ein bisschen anders vorgestellt. Aber nun zeigt die Realität, dass wir doch ein bisschen viel geträumt haben in der letzten Zeit.

Führer: Und die Realität zeigt ja auch, dass die Fans offenbar doch bitter enttäuscht sind. Wenn man gestern die Bilder gesehen hat, zum Beispiel die große Fanmeile in Berlin oder auch im Olympiastadion in München, kaum nach Abpfiff, da war keiner mehr da und hat gesagt, na ja, aber das war ansonsten trotzdem eine tolle WM, wie Sie jetzt gesagt haben, tolle, junge Mannschaft, die sind alle enttäuscht abgezogen.

Gebauer: Ja, die Frage ist dann auch, wie viel Sachverstand dabei ist. Also ich glaube, ein bisschen Sachverstand gehört denn zu der Beurteilung doch dazu. Wenn man nur denkt, Deutschland, Deutschland ist die Beste und wir haben wieder die allerbesten Spieler der Welt und so weiter, ist es doch vielleicht ein kleines bisschen blauäugig und zu wenig sachkundig.

Wenn man dann mit etwas Kenntnis an die Dinge rangeht, kann man sagen, ich bin enttäuscht, natürlich, und es tut weh zu sehen, dass eine Mannschaft, der man so viel zugetraut hat, auf einen übermächtigen Gegner stößt und ganz deutlich zu erkennen gibt, dass sie Hemmungen hat, dass sie im direkten Vergleich nicht ganz so stark ist, wie wir gehofft haben, und dass diese Routine, die Kenntnisse, dieses lange Zusammenspiel, dieses hohe internationale Niveau eben dann doch dasjenige ist, was den Ausschlag gibt. Wir haben immer gedacht, das Jugendliche schafft es.

Führer: Die Reaktion der Fans erinnert mich so ein bisschen so, wenn die Phase der Verliebtheit vorbei ist und das Idol quasi entzaubert wird.

Gebauer: Ja, sind wir denn jetzt total entliebt sozusagen, sind wir enttäuscht von unserem Liebesobjekt? Vielleicht in diesem Moment etwas, weil wir dem Liebesobjekt ein kleines bisschen zu viel zugetraut haben und es etwas zu stark erhöht und idealisiert haben, aber die Liebe kann doch weitergehen.

Führer: Nun war es ja in den letzten Wochen immer so, dass die Nationalmannschaft uns allen eigentlich als Vorbild dargestellt wurde, nicht nur der Bundeskanzlerin – die soll mal gucken, wie also Teamplay geht –, sondern auch für alle anderen. Falls das jetzt noch gelten sollte, Herr Gebauer, was wäre denn zu lernen?

Gebauer: Auf jeden Fall kann man lernen, dass eine Mannschaft diszipliniert spielt und versucht, einen Gegner, von dem nach etwa zehn Minuten klar wurde, dass er möglicherweise stärker ist als die eigene Mannschaft, den noch zurückzudrängen und ihm nicht die Chance zu geben, ein Tor zu schießen, und immer noch zu versuchen, durch Gegenvorstöße und durch Einzelaktionen selber zum Erfolg zu kommen, das heißt sich nicht zu beugen, sondern mit einem ganz erstaunlichen Teamspirit dagegen anzugehen.

Ich meine, man muss sagen, bis zum 1:0 und auch danach dann noch durch Einzelaktionen hat die Mannschaft sich vorzüglich verhalten. Dass sie nicht durch irgendeine Hurraaktion nach vorne gestürmt ist und mit zwei, drei Spielern irgendwie Tore gemacht hat, das liegt einfach daran, dass man das nicht kann bei den Spaniern, und es liegt daran, dass die Mannschaft viel zu große Ängste hatte, dass sie nicht 1:0 verliert, sondern dass sie 3:0 oder 4:0 verliert. Das hat sie geschafft.

Das heißt, man kann immerhin erkennen, dass eine Mannschaft hier sehr kollektiv auftritt, dass jeder für den anderen spielt. Das war vielleicht in den vorigen Spielen noch ein kleines bisschen stärker als in diesem, aber in der zweiten Halbzeit konnte man das schon sehen, wie sehr sie sich gegenseitig halfen, wie stark auch die Autorität der Führungsspieler anerkannt war, allerdings vor allen Dingen in der Verteidigung. Aber Verteidigung gehört auch mit zum Leben.

Führer: Interessant fand ich ja auch – Sie sagen, sie haben sich vorzüglich verhalten –, wie selbstkritisch die Spieler immer waren, nach jedem Spiel, gestern auch, nicht? Das haben sie auch offen gesagt: Ja, wir müssen es leider anerkennen: Es ist die beste Mannschaft der Welt.

Gebauer: Es ist keine Mannschaft, die abgehoben hat. Es ist eine, die vorher wahrscheinlich diese spanische Mannschaft selber mit zu den Favoriten gezählt hat. Plötzlich stehen sie im Halbfinale und haben eine gewisse Chance, die sozusagen wegzuputzen. Was für eine Chance! Plötzlich geht das Tor auf, und sie gehören zu den Allerbesten der Welt, das hat man nun weiß Gott vorher nicht angenommen. Und dann kommt Respekt, dann kommt die Bewunderung, die sie für diese Spieler haben, und sie stellen fest, sie selber sind noch nicht ganz so stark. Und da unsere Spieler zum großen Teil, wie ich finde, noch recht erdhaft sind – denken Sie mal an Thomas Müller und seine Äußerungen, witzig, ironisch mit den Reportern umgehend, noch ganz jungenhaft –, man kann nur hoffen, dass das bleibt.

Führer: Der Philosoph Gunter Gebauer ist zu Gast im Deutschlandradio Kultur, und wir sprechen über den Fußball, wie Sie sicher unschwer mitbekommen haben, über die deutsche Nationalmannschaft. Sie haben gerade von Respekt und Bewunderung gesprochen, Herr Gebauer – Respekt und Bewunderung hat ja auch Jogi Löw eingefahren, nicht zuletzt ist es vielleicht auch noch etwas, was man lernen kann, wenn man möchte, den Wert von Loyalität und Solidarität. Er hat ja Spieler mit in die Mannschaft geholt, wo alle gesagt haben, bist denn du verrückt, die können doch nichts. Und er hat gesagt, ich glaube an die, und dann haben sie auch was geschafft.

Gebauer: Und er hat es durchgehalten – jetzt mal anders als Politiker bis hin zur Spitze unseres Staates – gegen die "Bild"-Zeitung. Was wurde nicht gehetzt dagegen, dass er einige Spieler wie Klose zum Beispiel mitgenommen hat, Reservebankspieler, von denen man dachte, sie seien nun endgültig außer Kraft, dass sie nie wieder ein Tor schießen könnten. Und er bringt sie, und was passiert? Sie schießen Tore. Und weiterhin hält er seine Position aufrecht gegenüber seinem Präsidenten. Das heißt, als die Verhandlungen mit dem Präsidenten in die Sackgasse geraten sind, hat er sie scheitern lassen, und er hat deutlich zu erkennen gegeben, dass er bereit ist, seine Position aufzugeben. Das kennen wir beispielsweise aus der Politik, aus anderen Bereichen eigentlich nicht. Da muss man sagen, da ist Charakterstärke und Führungsstärke da, die wir nur bewundern können.

Führer: Wo wir noch beim Vorbild sind, wir schwärmen mal noch ein bisschen – ein wichtiger Punkt dieser Nationalmannschaft, der deutschen, ist ja, wie multikulturell sie aufgestellt ist.

Gebauer: Ja, das ist das erste Mal, dass wir so etwas haben. Das ist ja viel erwähnt worden. Was ich allerdings merkwürdig finde, ist, dass zwei Nachrichten völlig unverbunden nebeneinander standen in den letzten Tagen. Also einmal diese gute Nachricht mit Özil, Khedira, Boateng und so weiter, und dann die Nachricht, dass das Bildungsniveau der Migrantenkinder besonders niedrig ist in Deutschland.

Das müsste man miteinander verbinden, denn was diese drei Migrantenkinder zeigen in der Nationalmannschaft, ist, dass sie ein gewisses Bildungsniveau in Deutschland erhalten haben. Sie sind ja auf die Fußballschulen hierzulande gegangen, sind ausgebildet worden im Fußball und in der Schule, und sie stellen sich als, wie ich finde, intelligente, maßvolle, verantwortungsvolle Spieler dar, die wunderbar in das Konzept des deutschen Spiels hineinpassen. Und sie sind Musterbeispiele dafür, dass man über Bildungsangebote, in diesem Fall über Fußballschulen, Migrantenkinder sehr gut schulen kann und dass sie dann zu den Besten unseres Landes gehören können.

Ich sehe nicht ein, warum man nicht andere Migrantenkinder auch schulen kann. Nicht alle sind Fußballer, aber manche sind vielleicht sehr gute Automechaniker, Feinmechaniker, vielleicht Ärzte und so weiter, und ich finde, dass in der deutschen Bildungspolitik viel zu wenig getan wird.

Führer: Herr Gebauer, wenn wir mal so die Sportler, die deutschen Sportler so betrachten, dann gibt es ja eine ganze Reihe international erfolgreicher und hier auch großer Idole und Helden – wenn wir mal an Tennis denken, Steffi Graf, oder an Michael Schumacher, Formel 1. Warum – das müssen Sie mir erklären – warum ist eigentlich immer der Fußball die Sportart, die herhalten muss als Metapher, als Modell für die ganze Gesellschaft?

Gebauer: Also eine Zeitlang war es ja auch Steffi Graf und Boris Becker, vergessen Sie das nicht, das war damals wichtiger als der Fußball, weil er auch nicht so erfolgreich war zu der Zeit. Aber Fußball hat natürlich eine gewisse Attraktivität, weil es eine Mannschaftssportart ist. Es ist Mannschaft, Kampf, es ist ein Spiel, das in der Öffentlichkeit auf einem relativ großen Platz stattfindet, mit entsprechend vielen Spielern. Das heißt, es gibt ein sehr dramatisches Geschehen, es dauert 90 Minuten, auch eine ideale Zeit – so lange dauert jede große Tragödie, das heißt, das Maß ist ein antikes Dramenmaß. Es gibt zwei Halbzeiten, auch das ist großartig, weil die erste und die zweite Halbzeit oft im Kontrast miteinander stehen. Und es gibt den Ball eigentlich als den geheimen Mittelpunkt des Spiels. Das heißt, es gibt einmal die Leistung der Spieler, und dann kommt das Element des Zufalls mit dazu. Und ich glaube, diese Mischung aus Mannschaft, Kampf, Leistung und Zufall, das ist etwas Grandioses.

Führer: Gunter Gebauer, Professor für Philosophie an der Freien Universität Berlin. Ich danke Ihnen herzlich für Ihren Besuch, Herr Gebauer!

Gebauer: Danke auch!

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