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Interview / Archiv | Beitrag vom 20.03.2013

"Die Leute sind aufgebracht!"

Parlamentsentscheidung beruhigt die Zyprioten nicht

Pfarrer Martin Reyer im Gespräch mit Jörg Degenhardt

Zyprioten demonstrieren gegen die Zwangsabgabe. (picture alliance / dpa / Filip Singer)
Zyprioten demonstrieren gegen die Zwangsabgabe. (picture alliance / dpa / Filip Singer)

Die Ablehnung des europäischen Rettungspakets durch das Parlament wird die Stimmung auf Zypern nicht umkehren, glaubt Pfarrer Martin Reyer aus Limassol. Die geplante Zwangsabgabe empfänden viele als Eingriff in die Souveränität.

Jörg Degenhardt: Hochspannung in Zypern, und das schon seit Tagen. Wohin führt der Weg der Inselrepublik? Der deutsche Finanzminister sieht keine Alternative zu dem vergangene Woche ausgehandelten Paket der Zypern-Hilfe. Das Land befinde sich in einer kritischen Situation und die Bürger, die täten ihm sehr leid, sagte Schäuble gestern vor der Unionsfraktion. Danach kam das Nein zur Zwangsabgabe durch das Parlament, die Kleinsparer können erst einmal durchatmen. Aber die Probleme sind ja nach wie vor da.

Martin Reyer ist am Telefon in Limassol auf Zypern, Pfarrer der Evangelischen Kirche deutscher Sprache in Zypern. Guten Morgen, Herr Reyer!

Martin Reyer: Schönen guten Morgen!

Degenhardt: Das Parlament hat gestern Nein gesagt zur Zwangsabgabe. Hat das die Menschen fürs erste beruhigt?!

Reyer: Überhaupt nicht, überhaupt nicht! Die Leute sind aufgebracht und es ist eigentlich nur noch schlimmer. Das müssen Sie sich so vorstellen: Die sind ja erst 1960 in die Unabhängigkeit gekommen. Vorher waren sie britische Kronkolonie. Und jetzt nach doch relativ kurzer Zeit wieder so ein gewaltiger Einschnitt in die Souveränität. Es geht wahrscheinlich weniger um die Geldsumme, sondern um den Fakt, dass hier jemand auf ihr Geld, auf ihr Sparbuch hineinregieren darf, und dass übers Wochenende, übers Wochenende zehn Prozent weniger da sein sollen, das ist Grund für Empörung.

Degenhardt: Wenn das Parlament anders entschieden hätte, was wäre dann passiert?

Reyer: Wenn das Parlament anders entschieden hätte, dann wäre die Empörung eigentlich gleich groß gewesen. Die sind in einer Sackgasse, die wissen nicht weiter, es weiß kein Mensch weiter. Der Anastasiades, der sagt ja, sie hätten noch Pläne, aber von diesen Plänen weiß kein Mensch was, und man ist jetzt gespannt, was der wohl aus dem Hut zaubern wird. Viele sind ganz resigniert und sagen, dann gehen wir halt zurück, so einen Euro brauchen wir nicht. Aber dass damit die wirtschaftlichen Probleme des Landes gelöst wären, das denkt kein Mensch. Aber dann wären sie eben wieder unter sich.

Degenhardt: Wen machen denn die Menschen für den drohenden Staatsbankrott – der steht ja gewissermaßen unmittelbar vor der Tür -, wen machen sie denn für diesen Bankrott verantwortlich?

Reyer: Dummerweise uns Deutsche. Wir haben ganz, ganz schlechte Karten. Und dann wird der Konflikt natürlich personalisiert auf die Frau Merkel hin.

Degenhardt: Wie kommt das, dass sie die Deutschen, speziell auch Angela Merkel – wir haben ja gestern auch die Plakate gesehen vor dem Parlamentsgebäude in Nikosia -, dass sie ausgerechnet die Deutschen für die Situation verantwortlich machen?

Reyer: Die sehen uns als die Verantwortlichen. Sie meinen, dass wir, die Deutschen, weil sie wirtschaftlich besser dastehen, die Schuld haben und dass die Deutschen die Krisengewinner sind aus dieser ganzen Euro-Misere.

Degenhardt: Wer könnte denn jetzt aus der Sicht der Zyprioten sozusagen noch einen Ausweg bieten? Die Probleme sind ja da, auch wenn gestern das Parlament sich gegen die Zwangsabgabe ausgesprochen hat. Blicken die Zyprer wenn schon nicht nach Brüssel, dann vielleicht verstärkt nach Moskau?

Reyer: Blick in die Zukunft, da sind die Zyprioten stark. Also wenn man von Limassol nach Paphos fährt, dann sieht man an der Autobahn entlang Immobilienwerbungen, und zwar auf Chinesisch. Und da wartet man eigentlich – oder die sind schon da – auf chinesische Investoren, die jetzt Geld daher bringen. Oder aber wir merken an den Schulen einen verstärkten Zuzug von iranischen Familien und man spekuliert jetzt darüber, dass hier im Grunde schon wieder Investoren für Zypern Schlange stehen. Warum aber die nach Zypern kommen, weil nämlich Zypern dafür bekannt ist, dass man nicht so genau hinschaut, das wird nicht diskutiert.

Degenhardt: Herr Reyer, die Banken bleiben ja heute noch geschlossen?

Reyer: Ja.

Degenhardt: Können Sie sich denn vorstellen, was passiert, wenn sie dann morgen vielleicht öffnen?

Reyer: Also, man bekommt Geld an den Bankomaten. Ich war extra, um das zu prüfen, heute Morgen, heute Früh schon an einem Bankomat und habe mir eine große Summe abgehoben, und das funktioniert. Und es war keine Menschenschlange vor dem Bankomaten, so dass ich sagen muss, wenn die Banken morgen oder übermorgen aufmachen, dann sind die kleinen Geldgeschäfte, dass man Bargeld braucht, bereits erledigt. Und ich denke, dass sich das bis dahin beruhigt hat.

Ich bin da ziemlich zuversichtlich. Weil man muss ja anders herum denken: Die Spareinlagen verzinsten sich hier auf Zypern mit 4,2 - 4,5 Prozent pro Jahr. Wenn man dann 6,75 abzieht, dann bleiben im Schnitt noch zwei, zweieinhalb Prozent, was da weniger ist. Also wenn ein paar Leute wieder hier zu klaren Gedanken kommen, dann wird sich die Erregung wahrscheinlich wieder legen.

Degenhardt: Martin Reyer war das live am Telefon in Limassol, Pfarrer der Evangelischen Kirche deutscher Sprache in Zypern, über die Stimmung in der Inselrepublik, speziell nach der gestrigen Parlamentsentscheidung gegen eine Zwangsabgabe für kleine Sparer. Vielen Dank für das Gespräch.

Reyer: Ich danke Ihnen.


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