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"Die Kunst, sich die Schuhe zu binden"

Ein Kino-Sommerhit aus Schweden

Von Hans-Ulrich Pönack

Behinderte werden oft benachteiligt - nicht aber in Koppels Film.
Behinderte werden oft benachteiligt - nicht aber in Koppels Film. (Deutschlandradio - Daniela Kurz)

Der glücklose Schauspieler Alex steckt in einer tiefen Krise - bis er einen Job in einer staatlichen Einrichtung für geistig Behinderte annimmt. Mit ihnen bringt er ein Theaterstück auf die Bühne - was bei der Heimleitung jedoch nur Argwohn weckt. Ein kleiner, großer Film mit tollen Akteuren.

Da können wir uns noch so wohlwollend, interessiert, betroffen geben, die Schwächeren in unserer Gesellschaft kriegen immer noch viel zu viel Dummes, Gemeines ab. Die kranken Alten werden in Heimen verwaltet, Behinderte werden, obwohl nicht entmündigt, wie doofe Erwachsene behandelt.

Genauso ist es in diesem Film - zunächst. Alex (Sverrir Gudnason) ist ein glückloser Schauspieler, ein Spinner, Faulpelz, ein unzuverlässiger Tagträumer, der nichts auf die Reihe kriegt und jetzt vor dem totalen sozialen Absturz steht. Der Mittdreißiger durchlebt seine Dauervollkrise. Seine letzte Chance: Ein Job in einer staatlichen Einrichtung namens Paradies. Was sich als Hohn erweist, denn hier werden Menschen mit geistigen Behinderungen aufbewahrt.

Natürlich kriegt Alex diese bornierte Ruhe einfach nicht hin mit seinem ungezügelten Temperament. Dank seiner unkonventionellen Fantasie bringt er mehr und mehr Leben in die Bude. Er spielt mit Ebbe, Leif, Katarina, Kristina, Filippa und Kjell-Ake. Theater - und weckt den Argwohn der Heimleitung mit seiner Unruhe, die er auslöst, den neuen Bedürfnissen, die er da weckt. Doch der unorthodox agierende Alex ist nicht aufzuhalten. Er möchte seine Leute sogar zu einer dieser TV-Talent-Shows bringen ...

"Hur manga lingon finns det i världen" beruht auf einer wahren Begebenheit. Der Film war im Vorjahr der Kino-Sommerhit in Schweden (mit über 400.000 Besuchern in diesem Acht-Millionen-Einwohnerland. Teil zwei ist bereits in Arbeit. Dieser kleine, robuste Film geht stark an den Kopf und tief in den Bauch. Ein kleiner, großer Film mit Akteuren voller Lust und Laune.

Und auch die deutsche Synchronisation kann sich adäquat hören lassen. Für die Besetzung der deutschen Stimmen von Kristina und Kjell-Ake wurde nicht auf reguläre Schauspieler und Sprecher zurückgegriffen, sondern es wurden beide Rollen mit Mitgliedern des Berliner Behinderten-Theaters Ramba Zamba besetzt: Zora Schemm und Sebastian Urbanski bereichern mit ihrer Spracharbeit den Film ungemein.

Ein skandinavischer Hit für das hiesige Arthouse-Kino kündigt sich an: "Die Kunst, sich die Schuhe zu binden" ist ein selbstironisches, wohltuend cleveres Behinderten-Movie.

Schweden 2011; Regie: Lena Koppel; Darsteller: Sverrir Gudnason, Vanna Rosenberg, Mats Melin, Theresia Widarsson; ohne Altersbeschränkung; 101 Minuten

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