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Thema / Archiv | Beitrag vom 22.08.2012

Die Kunst der leichten Klänge

Der Pianist Pierre-Laurent Aimard zum 150. Geburtstag von Claude Debussy

Moderation: Stephan Karkowsky

Claude Debussy war ein Komponist mit Humor, sagt Aimard
Claude Debussy war ein Komponist mit Humor, sagt Aimard (picture alliance / dpa / belga)

Vor 150 Jahren wurde der französische Komponist Claude Debussy geboren - sein Werk gilt als Bindeglied zwischen Romantik und Moderne. Faszinierend an der Musik sei vor allem "ihre Poesie, ihre Unsagbarkeit", meint der Pianist Pierre-Laurent Aimard.

Stephan Karkowsky: Claude Debussy wurde geboren heute vor 150 Jahren. Er gilt allgemein als Bindeglied zwischen Romantik und Moderne. Debussy war befreundet mit Zeitgenossen wie Erik Satie und Maurice Ravel und er interessierte sich sehr für die exotische Musik, die Ende des 19. Jahrhunderts aus den Kolonien nach Frankreich drang. Warum Debussy auch als einer der Wegbereiter der Neuen Musik gilt, das soll uns einer seiner bekanntesten Interpreten verraten, der Mitbegründer von Pierre Boulez "Ensemble intercontemporain", der französische Pianist und - ich darf sagen - Neuberliner Pierre-Laurent Aimard. Guten Tag!

Pierre-Laurent Aimard: Guten Tag!

Karkowsky: Sie stellen heute Abend in Berlin Ihre neue CD vor mit Werken von Debussy. Wann haben Sie denn eigentlich angefangen, sich für Debussy zu interessieren?

Aimard: Sehr früh. Wenn ich mich daran erinnere, welche Musik mich, als ich ganz jung war, tief berührt hat, war das Debussy. Ich glaube, dass ich drei Jahre alt war, als ich die "Petite suite" gehört habe. Und das war etwas Unbeschreibliches. Dann später habe ich am Konservatorium selbstverständlich Debussy studiert. Und als ich angefangen habe zu konzertieren, habe ich mich entschieden, die Etüden, die ein ziemlich unbekanntes Stück waren - nicht die Préluden, sondern die Etüden -, zu spielen. Also, die haben mich fasziniert. Und weil die Préluden so berühmt waren und gespielt von allen Pianisten, habe ich entschieden, die viel später zu spielen und aufzunehmen. Das Viel-Später ist heute!

Karkowsky: Gab es da nicht auch mal diese Probe von Arturo Benedetti Michelangeli, in die Sie sich reingeschmuggelt haben?

Aimard: Also, ich war fasziniert von der Kunst der Klänge von Michelangeli und vor allem im Debussy. Ich habe ihn viele Male gehört, bin gereist, um ihn zu hören. Und ein Mal habe ich mich versteckt in einem Konzertsaal, um zu hören, wie er übte. Und das war eine unbeschreibliche Klavierstunde!

Karkowsky: Und normalerweise durfte niemand rein in diese Proben!

Aimard: Klar!

Karkowsky: Klar! - Was genau ist es, was Sie fasziniert an Debussys Kompositionen?

Aimard: Vieles. Ihre Originalité, ihre Modernité, die aber niemals aggressiv oder revolutionär wird, immer diskret. Ihre Poesie, ihre Unsagbarkeit. Also, etwas sehr Starkes ist da, aber Sie können das nicht wirklich beschreiben. Es ist immer filtriert, immer mysteriös, immer extrem delikat, also, versteckt irgendwo.

Karkowsky: Ihr eigenes Repertoire als Pianist ist ja sehr breit. Sie spielen die Klassiker und die neue Musik gleichermaßen. Und jetzt kommt die Frage eines Laien: Ist Debussy im Vergleich zu den von vielen als schwierig wahrgenommenen Kompositionen von Stockhausen oder Messiaen nicht schon fast Popmusik, weil seine Musik uns scheinbar leichter erreicht?

Aimard: Ich finde Debussy leicht und schwer. Leicht, weil er so natürlich ist, schwer, weil er so perfekt und elegant ist.

Karkowsky: Schwer, weil er so perfekt und elegant ist - wie geht das beides zusammen?

Aimard: Ja, das ist das Rätsel! Die Komposition scheint perfekt, die Form, die Melodien, das Timbre, die Farben und der Geschmack. Und trotzdem fühlen wir niemals, wie das Handwerk schwer war, oder er demonstriert die Sachen niemals. Also, wir sehen nicht, wie diese Architektur perfekt ist, wir fühlen nur, dass das Stück perfekt ist.

Karkowsky: Ich habe gelesen, Debussy gelte vielen Komponisten als Ausgangspunkt der Neuen Musik, der "Musique contemporaine". Wie kommt das, warum ist das so?

Aimard: Weil Debussy ein sehr unabhängiger Mensch war. Er war ein Anti-Akademist. Und er wollte einfach neue Freiheiten finden. Das hat er gemacht mit Harmonien, neuen Harmonien. Er hat auch Musik gemacht mit Farbe. Er hat wirklich die Farbe, das Timbre als Grundelement in die Musik gebracht. Und er hat auch mit dem Raum komponiert manchmal, Musik, wo Sie Melodien oder Signale auf verschiedene Distanzen hören werden. Er hat eben am Ende seines Lebens nichts auf dieselbe Rede wie früher gesprochen, wenn ich es so sagen kann, sondern auf eine Art und Weise, die man in diesem Moment nicht verstehen konnte vielleicht, aber die sehr viel angekündigt hat, was später in der Literatur oder in der Musik geschöpft wurde.

Karkowsky: Es kann sein, dass viele nur die großen Hits kennen, die Préludes, natürlich "Prélude à l'après-midi d'un faune", "Claire de lune" oder "La mer". Wer nur diese Stücke kennt, kennt der eigentlich den wahren Debussy? Also, sind seine bekannten Werke auch typisch für das Gesamtwerk?

Aimard: Was extrem interessant ist: Er ist unglaublich variiert. Zum Beispiel ist er manchmal Impressionist, wie man ihn beschreibt, aber nur manchmal. Er war vom Symbolismus sehr beeinflusst. Aber man kann auch spüren durch seine Exaktheit und sein Auge irgendwo und die Art und Weise, wie er spart in seinem Komponieren, dass er sehr beeinflusst war von diesen japanischen Estampes, die er zu Hause hatte. Also, er ist wirklich extrem variiert, sodass man ihn immer besser entdecken kann.

Karkowsky: Zum 150. Geburtstag von Claude Debussy hören Sie den Pianisten Pierre-Laurent Aimard, der heute in Berlin seine neue CD vorstellt mit Werken von Debussy.

((Musikbeispiel))

Karkowsky: Das Wort Prélude, also Vorspiel, das deutet ja eigentlich an, dass danach noch ein Hauptwerk kommt, dessen Themen im Vorspiel nur angedeutet werden. Nun hat Debussy aber gleich zwei Bücher mit insgesamt 24 Préludes verfasst, die Sie nun vertont haben. Was für eine Idee steht dahinter, eine Prélude alleine stehen zu lassen?

Aimard: Also, schon Frédéric Chopin hatte 24 Préluden komponiert, und jedes Stück war so charakterisiert, hatte so viel Inhalt, so viel Gewicht irgendwo, dass es genug war, an Préluden zu haben. Es war aber trotzdem ein kurzes Stück, manchmal sehr kurz. Und mit den Préluden von Debussy: Manchmal hat man den Eindruck, dass wir eben kein Ende haben, dass das Ende vielleicht dieser Titel ist, der nicht am Anfang von dem Stück kommt, sondern nur am Ende. Wie ein Vorschlag, wirklich das Stück ein bisschen besser zu spüren oder zu verstehen.

Karkowsky: Gibt es denn kompositorische Regeln, denen eine Prélude zu folgen hat, damit sie Prélude genannt werden darf?

Aimard: Nein, also ... Am Anfang der Geschichte der Musik war ein Preludium ein Stück für einen Instrumentalisten und nicht für einen Sänger, als die instrumentale Musik eine Befreiung gefunden hat, um mit dem Instrument eine Beziehung zu finden, um die Finger zu wärmen, um das Instrument einfach zu spüren. Und dann ist das Preludium nach und nach ein ziemlich freies Stück geworden, instrumental, mit Gesten wie Tonleiter, Arpeggi et cetera. Und ein bisschen Fantasie, manchmal ein bisschen Virtuosität.

Karkowsky: Und nun kommt die Masterfrage: Debussy und Ravel lieferten sich einen Wettstreit darum, wer denn nun der französische Komponist sein würde. Was ist das Französische an Debussys Musik?

Aimard: Das ist immer schwer zu sagen. Aber wahrscheinlich ein Sinn für Harmonie und Farbe, ein Typ von Melodie, eine Transparenz, ein wichtiger Platz für Timbre und generell eine Musik, die tief und sinnlich ist. Also, eine Musik in einer Tradition, wo Hedonismus nicht oberflächlich ist.

((Musikbeispiel))

Karkowsky: Monsieur Aimard, wie haben Sie sich eigentlich dem Werk Debussys genähert, also, welche Frage ist bei Ihrer Interpretation seiner Préludes die entscheidende Frage gewesen?

Aimard: Das war eine Überraschung. Aber mehr und mehr die Inspirationsquellen, was wir davon wissen: also eine Zeichnung, ein Gedicht, eine Postkarte ...

Karkowsky: Sie haben sich also gefragt: Wie ist der Komponist auf seine Ideen gekommen?

Aimard: Aber ja, also: Was man weiß, sind diese Quellen. Und die Gefahr wäre, das zu direkt wahrzunehmen. Und dann war ich überrascht zu sehen, wie extrem raffiniert Debussy das benutzt hat und wie er also verschiedene Quellen manchmal gemischt hat oder wie er alles extrem filtriert hat, sodass am Ende, wenn er zum Beispiel Strawinsky zitiert, man ihn nicht erkennen wird und dann plötzlich erkennen wird, aber fast zu viel! Und dann wird es wieder versteckt werden! Also, alle diese wunderbaren kompositorischen Spiele von jemand, der eigentlich viel Humor hatte.

Karkowsky: Schaut man sich einmal die Titel an dieser 24 Préludes von Debussy, dann ist das offenbar Programmmusik, die Vertonung von Stimmungen: der "Mondschein", die "Tänzerinnen von Delphi", der "Wassergeist", "Undine", "Fußstapfen im Schnee" oder "Die versunkene Kathedrale". Das klingt alles sehr romantisch. Ist Debussy dennoch ein Komponist der Moderne?

Aimard: Aber vergessen wir nicht, dass die Titel sehr oft nach der Komposition ausgewählt wurden. Debussy hat manchmal mit seiner Frau gesprochen, zu fragen, also, welcher Titel für dieses Stück? Und als er ein paar Jahre später die Etüden komponiert, dann schreibt er keine Titel, nur "Études für die Terzen", "pour les tierces" zum Beispiel, was nichts bedeutet! Das heißt, es ist sehr visuell. Man sieht, dass andere Künste für Debussy sehr wichtig waren und die Verbindungen mit der Musik. Aber am Ende bleibt es reine Musik.

Karkowsky: Nun ist dies bereits Ihre zweite CD, auf der Sie sich ausschließlich Debussy widmen. Vor neun Jahren haben Sie seine "Images" und "Études" eingespielt. Was spielen Sie denn selber?

Aimard: Im Moment die Préluden, weil die die Stücke sind, womit ich lebe seit, sagen wir, zwei Jahren jetzt. Und das war eine Verabredung, wenn ich das so sagen kann, die ich mir schon seit Dekaden versprochen hatte!

Karkowsky: Und ist das Thema Debussy mit dieser zweiten CD für Sie nun erst mal abgeschlossen oder denken Sie bereits daran, noch weiter sein Werk zu vertonen?

Aimard: Nein, sicher weiter! Weil, ich brauche es, mit dieser Musik immer in Verbindung zu bleiben. Und es sind Stücke, die ich noch am Klavier erleben will!

Karkowsky: Der Pianist Pierre-Laurent Aimard. Ihnen vielen Dank für das Gespräch!

Aimard: Gerne!

Karkowsky: Sein neues Album heißt "Debussy. Préludes Books 1 & 2" und ist erschienen bei der Deutschen Grammophon. Heute Abend stellt er es live vor, 19:00 Uhr, Kulturkaufhaus Dussmann in Berlin.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.


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