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Signale / Archiv | Beitrag vom 03.04.2005

Die Kulturnation

"Von Schiller lernen?" (4)

Von Wolfgang Thierse

Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) (AP)
Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) (AP)

Die deutsche Kulturnation - das war einmal ein schönes großes Wort, das die Herzen höher schlagen ließ. Und da ich die Einwände schon ahne, möchte ich hinzufügen: es war auch ein unschuldiges Wort. Was man später die "deutsche Kulturnation" genannt hat, das ist mit Friedrich Schiller verbunden, wenn auch ohne sein aktives Zutun, und viel mehr noch mit seinem Zeitgenossen und Weimarer Mitbürger Johann Gottfried Herder.

Die deutsche Nation entstand, als der deutsche Nationalstaat historisch noch in weiter Ferne lag. Die Deutschen konnten nicht auf feste Grenzen zurückgreifen, wenn sie einen Begriff von sich als Nation entwickeln wollten. Was sie gemeinsam hatten, waren Sprache, Traditionen und Symbole, die Erinnerung an einige große Köpfe wie Luther oder Gutenberg oder - schon nicht mehr ganz so unproblematisch - die Erinnerung an das versunkene Alte Reich.

Die Lebenszeit von Friedrich Schiller fällt in das Goldene Zeitalter der Deutschen. Die Literatur hatte sich vom französischen Vorbild emanzipiert, zeitweise englischen Vorbildern zugewandt und dann etwas ganz Eigenes hervorgebracht: die Empfindsamkeit, den Sturm und Drang, die Bewegung der Schillerschen Jugendjahre also, und schließlich die deutsche Klassik, die das stolze Wort von den Deutschen als Volk der Dichter und Denker gestiftet hat. Immanuel Kant in Königsberg war wohl der größte Philosoph seiner Zeit, gelesen, zitiert und bewundert von Gelehrten in ganz Europa.

Diese Blüte der deutschen Kultur entfaltete sich in einer Zeit, als Deutschland maximal zersplittert war. Im Deutschen war "Nation" einfach kein politischer Begriff; man dachte dabei nicht an Schlachten, Eroberungen, Kolonien - ein durchaus sympathischer Zug, auch im Nachhinein betrachtet, wie ich meine. In der Staatsferne, auch in der Grenzenlosigkeit der deutschen Kultur lag gerade ihr Reiz. Kein einzelner Fürstenhof konnte der deutschen Geisteswelt vorschreiben, wie sie sich zu entwickeln hatte - selbst in den schlimmsten Tagen des Absolutismus fand sich irgendwo in Thüringen ein Duodezfürst, der den größten deutschen Dichtern Unterschlupf bot.

Deutsch denken war damals das Gegenteil von Borniertheit: Es bedeute Offenheit über die engen Landesgrenzen hinweg, die Freiheit, Eindrücke von überallher aufzunehmen. Deutschland hat damals seine Lage in der Mitte des Kontinents zu einem Vorteil gemacht. Hier kam alles zusammen, was Europa zu bieten hatte: der asketische Protestantismus des Nordens und der sinnliche Formenreichtum des katholischen Südens, französische Klarheit und slawische Empfindungstiefe, die Kaufmannskulturen der Ost- und Nordsee, die prächtigen Bischofsresidenzen von Mainz, Köln oder Salzburg. Goethes Faszination für den Süden wie für den Osten zum Beispiel hat große Zeugnisse dieser verbindenden Kraft hervorgebracht.

Aber gerade die Lage Deutschlands in der Mitte des Kontinents, die so viele Chancen bot, hat auch an den großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts ihren Anteil gehabt. Die Nation blieb, anders als in weiten Teilen des europäischen Ostens, in Deutschland keine rein kulturelle Veranstaltung; die Deutschen blickten nach Westen, maßen sich mit Briten und Franzosen und wollten schon bald nach Schillers Tod auch "ihren" Staat. Wenige, aber große Köpfe, wie Wilhelm von Humboldt, warnten davor.

Als die Deutschen dann ihren Staat bekamen, wurde der so schön offene, kulturelle Begriff von der Nation plötzlich zu einem Mittel der Ausgrenzung. Wer Deutscher sein wollte, musste bestimmte Merkmale aufweisen, kulturelle zunächst, später so genannte "rassische". Opfer dieser unglücklichen Kreuzung wurden schon im Kaiserreich die Juden. Sie waren bereit, sich in die deutsche Staatsnation einzufügen, wurden aber zurückgestoßen, ausgegrenzt und später schließlich verfolgt und vernichtet. Der Holocaust war kein Verbrechen im Namen der Kulturnation, sondern eines im Namen der "nordischen Rasse". Aber der kulturelle Nationsbegriff war nun nicht mehr unschuldig.

In der Zeit der deutschen Teilung definierten sich die beiden deutschen Staaten nicht über die Kultur, sondern über die Weltanschauung. Und manche Intellektuelle hielten in West und Ost trotzig an der gemeinsamen Kulturnation fest - gegen die staatliche und ideologische Spaltung. An der Problematik des deutschen Nationsbegriffs hat sich mit der Wiedervereinigung nichts wirklich geändert. Die Fragen, die sich uns heute stellen, sind altbekannt: Kann ein Türke Deutscher werden oder bleibt er immer ein Türke mit deutschem Pass? Reicht es, wenn ein Einwanderer die Gesetze respektiert, oder muss er sich darüber hinaus an eine so genannte Leitkultur anpassen?

Auf diese Fragen gibt es keine einfache Antwort. Wir haben das Problem geerbt, und ausschlagen kann man ein historisches Erbe bekanntlich nicht. Dass ein Mensch in Kasachstan sich als Deutscher fühlt und ein in Deutschland eingebürgerter Russlanddeutscher von seinen neuen Landsleuten noch immer für einen Russen gehalten wird, können wir per Dekret nicht abstellen. Was wir tun können und müssen, ist uns vor den Folgen dieses schwierigen Verhältnisses zu hüten: mit gelebter Toleranz, mit der Erinnerung an Weltkriege und Massenmord, mit klugen, modernen Gesetzen, die die deutsche Nation mit den vielen anderen in der Welt kompatibel machen. Mit der Einigung Europas, an der die Deutschen wesentlich mitgewirkt haben, ist bewiesen, dass das geht. Seien wir Deutschen also eine Nation wie andere auch: gelassen selbstbewusst, ohne falsche Abgrenzungen und Ausgrenzungen - eben eine Nation mit Kultur!

Wolfgang Thierse, geboren am 22. Oktober 1943 in Breslau, katholisch, verheiratet, zwei Kinder.
Nach dem Abitur Lehre und Arbeit als Schriftsetzer in Weimar. Seit 1964 in Berlin Studium an der Humboldt-Univerität, anschließend wissenschaftlicher Assistent im Bereich Kulturtheorie/Ästhetik der Berliner Universität bis 1975, 1975 bis 1976 Mitarbeiter im Ministerium für Kultur der DDR. 1977 bis 1990 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Akademie der Wissenschaften der DDR, im Zentralinstitut für Literaturgeschichte.
Bis Ende 1989 parteilos. Anfang Oktober 1989 Unterschrift beim Neuen Forum. Anfang Januar 1990 Eintritt in die SPD; Juni bis September 1990 Vorsitzender der SPD/DDR; Mitglied der Volkskammer vom 18. März bis 2. Oktober 1990, stellvertretender Fraktionsvorsitzender, zuletzt Fraktionsvorsitzender der SPD/DDR.
Mitglied des Deutschen Bundestages seit 3. Oktober 1990.
Im Oktober 1998 wurde Thierse zum Bundestagspräsidenten gewählt.

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