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Thema / Archiv | Beitrag vom 17.01.2012

"Die Krise in der Medienbranche ist noch größer als die Krise insgesamt"

Griechische Redakteurin zur Mission der Troika in Athen und zum Streik griechischer Journalisten

Kaki Bali im Gespräch mit Susanne Burg

Keine Zeitungen: Griechische Journalisten legen ihre Arbeit für zwei Tage nieder.  (AP)
Keine Zeitungen: Griechische Journalisten legen ihre Arbeit für zwei Tage nieder. (AP)

Die Troika ist wieder in Griechenland eingetroffen und die griechischen Journalisten haben ihre Arbeit für zwei Tage niedergelegt. Einerseits wolle man unbedingt über die EU-Experten berichten, "aber es ist dieser absolute Streik, alle Journalisten streiken", erklärt die Journalistin Kaki Bali.

Susanne Burg: Die Troika ist wieder in Griechenland eingetroffen, ab heute nehmen sich die Experten der EU, des Internationalen Währungsfonds und der Europäischen Zentralbank wieder die griechischen Bücher vor. Sie gucken, wie gut die Griechen ihre Hausaufgaben gemacht haben, das heißt, wie sehr sie die Auflagen für die internationalen Kredithilfen umgesetzt haben. Davon hängt ab, ob die nächste Tranche aus dem Hilfspaket ausgezahlt wird. Der Besuch der Experten, der wird von massiven Streiks begleitet. ^

Die Metro wird in Athen heute den ganzen Tag über nicht fahren, es werden heute und morgen keine Zeitungen erscheinen, und es wird keine Nachrichten in Radio und Fernsehen geben. Denn auch die griechischen Journalisten beteiligen sich an dem Streik. Über die Situation der griechischen Medienbranche will ich jetzt mit Kaki Bali sprechen. Sie ist Redakteurin der griechischen Zeitung "Afg". Guten Morgen, Frau Bali!

Kaki Bali: Guten Morgen!

Burg: Frau Bali, auch Sie streiken heute, an einem Tag, an dem es ja eigentlich eine ganze Menge zu berichten gibt. Wie groß ist der Zwiespalt für Sie?

Bali: Na ja, es ist eine Schizophrenie eigentlich. Einerseits will man unbedingt darüber berichten, und das heißt, dass wir werden sehr eng alles verfolgen, was passiert ist. Andererseits, das können wir unseren Leuten hier gar nicht erklären, und ich erkläre es im Moment Ihnen. Ich meine, ich würde das auch sehr gern meiner Mutter erklären, die die Zeitung morgen nicht lesen kann, weil keine Zeitung erscheint, aber es ist dieser absolute Streik, alle Journalisten streiken. Das heißt, auch die griechischen Bürger werden keine Gelegenheit haben, heute und morgen zu erfahren, was los ist.

Burg: Denn in Griechenland ist es wohl so, wenn die Gewerkschaften beschlossen haben, dass gestreikt wird, dann geht nichts, im ganzen Journalismus nicht?

Bali: Ja, nur im Journalismus.

Burg: Hier ist zu lesen, dass die Werbeeinnahmen in den Medien um 60 Prozent eingebrochen sind, Tausende Journalisten entlassen wurden - wie schlimm steht's denn um die wirtschaftliche Situation der Medienbranche?

Bali: Die Krise in der Medienbranche ist noch größer als die Krise insgesamt, aber das war auch zu erwarten, also wir älteren Journalisten haben damit gerechnet, noch bevor die Krise richtig ausgebrochen ist. Es ist ein Land mit zwölf Millionen Leuten, die so viel Medien hat wie Deutschland. Irgendwann mal kann das nicht überleben, und die Zeit ist gekommen. Aber sie ist gekommen während auch einer sehr, sehr großen finanziellen Krise, und diese Kombination macht das Ganze richtig explosiv für uns.

Burg: Wie hat denn die Krise Ihre Redaktion getroffen?

Bali: Ich bin in der Wirtschaftsredaktion in der Zeitung. Wir waren sieben Leute, jetzt sind wir drei. Und noch dazubekommen 20 Prozent weniger Lohn für doppelt so viel Arbeit eigentlich, weil die Wirtschaftsredaktion eben in einer Krise wie solcher rund um die Uhr arbeiten muss.

Burg: Es war auch davon zu lesen, dass viele Journalisten seit dem Sommer auf ihr Geld warten, einfach kostenlos weiterarbeiten - wie geht denn das?

Bali: Ja, es gibt eine große traditionelle Zeitung in Griechenland. Die Zeitung meiner Jugend, die ich immer gelesen habe, die ist seit einem halben Jahr pleite. Die Leute versuchen die noch zu publizieren, aber die sind seit dem August nicht bezahlt. Ein Fernsehsender, der rund um die Uhr Nachrichten praktisch hatte, ist auch pleite, und die Leute sind seit April nicht mehr bezahlt. Und viele kleinere Zeitungen und Radiosender sind in einer ähnlichen Situation. Es ist ein "Dead end", man weiß nicht vorne und nicht hinten. Entweder existiert man weiter als Journalist in einer Zeit, wo das Publikum tatsächlich Informationen braucht, oder was? Also die Frage können wir auch selber nicht beantworten.

Burg: Sie haben gerade eben schon angesprochen, also es gab unglaublich viele Zeitungen in Griechenland. Welche Faktoren haben denn sonst noch innerhalb der Medienwelt vielleicht zu dieser Krise beigetragen?

Bali: In Griechenland war die Medienbranche eine große Blase die letzten 20 Jahre - am meisten die Fernsehsender und noch weniger die Zeitungen, aber irgendwann mal war es überall die große Blase. Eine Menge Leute haben eine Zeitung aufgemacht, nur damit sie anderen wirtschaftlichen Interessen helfen konnten, also das war eine Art Lobbying via Zeitung.

Burg: Können Sie das genauer beschreiben, wie sah das aus?

Bali: Zum Beispiel fast die Hälfte der Inhaber von Zeitungen oder Verlagen, die arbeiten eher in der Baubranche, die bekommen öffentliche Aufträge, und die wollten mit ihren Zeitungen Druck ausüben und in der Politik mitmischen, damit sie mehr Aufträge bekommen oder so was. Und das rächt sich jetzt.

Burg: Wie stark verbreitet war das?

Bali: Na ja, ich würde sagen, das war mehr oder weniger in 50 Prozent.

Burg: Eine der wichtigsten griechischen Tageszeitungen ist pleitegegangen, die linksliberale "Eleutherotupia". Wie steht es denn um den unabhängigen Journalismus in Griechenland?

Bali: Na ja, komischerweise gibt's ihn noch. Ich meine, es gibt immer kleine Lücken, wo man sich als Journalist frei ausdrücken kann, auch in den Zeitungen, die eigentlich nicht so frei sind. Also man kann nicht sagen, dass alle 100-prozentig abhängig von den Verlegern sind. Und es gibt auch eine Menge Kollegen, die wirklich sich Mühe geben und versuchen entgegenzuwirken, auch durch die neuen Medien. Es gibt immer noch eine Möglichkeit, Sachen zu enthüllen, und nichts bleibt verborgen in Zeiten des Internets. Und das ist schon, sagen wir mal eine Hoffnung. Nur man kann kein Geld als Journalist durch die Internetseiten gewinnen, man kann nicht davon leben. Aber enthüllen kann man schon.

Burg: Heute und morgen erscheinen in Griechenland keine Zeitungen. Über die Situation der Medien in Griechenland spreche ich hier im Deutschlandradio Kultur mit der griechischen Journalistin Kaki Bali. Die Wirtschaftskrise hat das griechisch-deutsche Verhältnis stark verschlechtert, wie antideutsch ist denn die Stimmung derzeit?

Bali: Im Moment ist diese Stimmung tatsächlich sehr antideutsch. Also ich glaube, einer der verhasstesten Personen in Griechenland ist Frau Merkel. Man denkt in Griechenland, dass einer der Gründe, warum die Krise so tief ist, ist, dass Deutschland, und in personifiziert die Bundeskanzlerin, immer mehr Sparungen, immer mehr Abkürzungen will und nichts für die Zukunft machen will. Und in einem Land, wo die letzten zwölf Monate 100.000 Leute ihren Job verloren haben, Hunderte von Tausenden, fast eine Million, und die Steuern jeden Tag größer werden, trotzdem verdient man gar nichts, dann denkt man, irgendjemand ist daran schuld, und natürlich ist das griechische politische System daran schuld, natürlich sind die griechischen Firmen daran schuld, aber die blöden Deutschen, die machen unser Leben noch schwerer, als es ist.

Burg: Aber wie sehr benutzen denn die Politiker auch dieses Prinzip, die Schuld den Deutschen oder jetzt der Troika in die Schuhe zu schieben?

Bali: Na ja, direkt benutzen sie das nicht, also direkt wird das kein Politiker öffentlich sagen, aber indirekt ist es immer die gute Ausrede: Na ja, wir würden nicht so viel kürzen, aber die Troika besteht drauf, wir würden nicht so schnell diese Reformen angehen, aber die Troika besteht drauf. Was eigentlich gar nicht stimmt. Ich meine, ehrlich gesagt, fast jeder Grieche weiß, dass ein paar von diesen Reformen schon längst überfällig werden. Das Land wäre in einer viel besseren Situation, wenn wir das vor zehn Jahren gemacht hätten. Nur jetzt kommt es alles auf einmal. Und es ist die beste Ausrede, wir sind nicht daran schuld, sondern die Troika.

Burg: Und wie differenziert berichten die Zeitungen darüber?

Bali: Na ja, halb und halb. Ein Teil der Presse berichtet sehr differenziert. Die Tabloid-Presse berichtet sehr populistisch - es ist eigentlich sehr ähnlich wie in Deutschland, es gibt alles zu lesen.

Burg: Eine breite Palette. Kommen wir noch mal kurz auf den Streik zurück: Nach dem, was Sie berichtet haben, ist ja vieles auch in der Medienbranche im Argen. Worum geht es eigentlich den Gewerkschaften? Eigentlich müsste man doch das ganze Mediensystem umkrempeln.

Bali: Ja, aber wir leben innerhalb dieser Krise, wir erleben auch den Bankrott der Gewerkschaften. Es gibt überhaupt keinen Vorschlag. Es gibt eine Angst, und bitte, bitte, bitte nicht mehr Kürzungen, bitte, bitte, bitte nicht mehr Zeitungen dichtmachen lassen, aber einen Vorschlag gibt es nicht, leider. Darum ist es auch so aussichtslos, also wir streiken, weil man muss auch was dagegen tun, nur wir wissen ganz genau, nur mit einem Streik kann man gar nichts dagegen tun.

Burg: Was müsste Ihrer Meinung nach passieren?

Bali: Na ja, wir müssen eigentlich diskutieren, was wir Neues machen wollen in den Medien. Nur wenn die Situation so brenzlig ist, hat man auch keinen klaren Kopf, um darüber zu denken und zu entscheiden. Und ich bin überhaupt nicht optimistisch, dass wir die nächsten Monate tatsächlich was tun können. Wir brauchen noch mehr Zeit, um zu kapieren erst mal, wie tief die Krise ist, und das fängt erst jetzt an.

Burg: In Griechenland hat die Troika der internationalen Helfer wieder ihre Arbeit aufgenommen, die griechischen Journalisten hingegen haben ihre Arbeit für zwei Tage niedergelegt, sie streiken. Darüber habe ich mit der Journalistin Kaki Bali gesprochen. Vielen Dank für das Gespräch, Frau Bali!

Bali: Danke sehr, auf Wiedersehen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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