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Fazit / Archiv | Beitrag vom 17.03.2013

Die Ikone Karl Marx

Weltweit wird in Trier erstmals der Marx-Bilderkult rekonstruiert

Von Ludger Fittkau

Karl-Marx-Denkmal in Chemnitz (AP Archiv)
Karl-Marx-Denkmal in Chemnitz (AP Archiv)

Karl Marx, der "Klassiker mit dem Bart", ist nicht nur der Verfasser des Kommunistischen Manifestes oder des Kapitals. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts gibt es einen unglaublichen Bilder-Hype um Marx. Das Stadtmuseum Trier ist den Bilderspuren des Philosophen nachgegangen.

Eine geradezu "byzantinische Bilderverehrung" um Karl Marx entstand schon Ende des 19. Jahrhunderts. So lautet ein Befund der bemerkenswerten Trierer Ausstellung, die den Bilderkult um Marx chronologisch aufarbeitet. Bereits Friedrich Engels hat einen entscheidenden Anteil daran gehabt, seinen Freund auch zu einem Star der Bilder zu machen. Engels ließ sofort nach Marx Tod vor 130 Jahren eine sorgfältig ausgewählte Serie mit Marx-Fotos mehr als 1000 Mal vervielfältigen und schickte sie gezielt an Zeitungen in alle Welt.

Beatrix Bouvier, eine der Kuratorinnen der Trierer Ausstellung: "Das Marx-Bild, das in der Welt ist, ist bewusst so gesetzt worden. Wie auch andere Bilder ganz bewusst ausgewählt worden sind, zeitgenössische. Wir kennen Medienhypes dieser Art. Aber festzustellen, es hat auch schon im 19. Jahrhundert funktioniert, mit den damaligen Mitteln, ist sozusagen das Ergebnis dessen."

Mit dem Tode Lenins 1924 erreicht der Marx-Bilderkult im realen Sozialismus monumentale Ausmaße. Es kommt etwas in Gang, das der Historiker Karl Schlögel "die Bildermaschine Moskau" nennt – die Köpfe Stalins und Lenins wurden neben Marx und Engels das Getriebe dieser Bildermaschine im öffentlichen Raum des Sowjetsystems.

Mit dessen Zerfall sind viele dieser Propaganda-Bilder in den Depots von Museen in Moskau und Ost-Berlin verschwunden. Nicht nur Polit-Kitsch, sondern auch große Kunst kam in die Nach-Wende-Keller. Etwa Willi Sittes Polyptychon "Proletarier aller Länder, vereinigt Euch". Es zeigt eine nackte Menschengruppe, die sich in einer revolutionären Vorwärtsbewegung zusammenschiebt.

Sitte malte die Szene für die SED-Parteihochschule namens "Karl-Marx" in Berlin. Doch die Parteizuständigen konnten schon deswegen nichts damit anfangen, weil das Bild die Ikone Marx mit Nacktheit verband – roter Stoff wurde zeitweise drübergehängt. Die PDS wollte das monumentale Klappbild nach der Wende in Einzelzeilen zerlegt verkaufen. Trier zeigt zwei Tafeln des Werkes.

Und eine kleine Sensation: Die Marx-Porträt-Büste der Rodin-Assistentin Anna Golubkina aus dem Jahre 1905 – ein Meisterwerk der russischen Moderne.

Kuratorin Barbara Mikuda-Hüttel: "Die junge Frau hatte zunächst in Russland und dann in Paris Kunst studiert und war dann Assistentin von Rodin. Und ist dann zurückgegangen nach Russland und hat dann an der ersten Revolution teilgenommen – 1917. Doch später war sie dann nicht mehr so begeistert, und dann hat man sie in Vergessenheit geraten lassen."

Heute aber sind Anna Golubkina wieder eigene Räumlichkeiten in der Moskauer Tretjakow-Galerie gewidmet. Aus vielen kreuzbraven Marx-Portraits des realen Sozialismus ragt auch ein Portrait von Anatoli Levitin aus dem Jahre 1981 heraus. Es zeigt einen nachdenklich blickenden Marx in mittleren Jahren in lässiger Haltung, modischer Kleidung und Zigarette in der Hand an einem offenen Fenster vor dem Hintergrund einer Stadtlandschaft – ein Bohemien, der den Zweifel kennt.

Verbinden sollte man die sehr empfehlenswerte Schau zur "Ikone Karl Marx" mit einem Gang durch die frisch modernisierte Dauerausstellung im Karl-Marx-Haus, dem Trierer Geburtshaus des Philosophen. Eine besondere Neuerung dort: Die Inszenierung der bisher eher unbekannten "grünen Seite" des roten Denkers.

Der Berliner Gartenplaner Sebastian Teske hat den kleinen Barock-Garten hinter dem Haus komplett umgestaltet. An vielen Stellen werden jetzt über Pflanzen Bezüge zu Marx-Werken und Alltagsleben hergestellt. Weinstöcke erinnern etwa an seine frühen Schriften zur sozialen Lage der Moselwinzer, ein Felsspaltengarten an die Naturforscher-Seite des Gelehrten:

"Und das gibt uns einen guten Bezug dazu, dass Karl Marx sich in seinen späten Jahren mit Geologie auseinander gesetzt hat, was auch in mehr als hundert Handzeichnungen dokumentiert ist."

Mitten im Garten neu platziert: Eine Marx-Plastik des DDR-Künstlers Fritz Cremer, die nach der Wende hier strandete. Auch sie belegt: In Trier ist die Marx-Bilderflut aus Ost und West aufs Beste eingedämmt - aufklärerisch und unterhaltsam.

Service:
Die Ausstellung "Ikone Karl Marx. Kultbilder und Bilderkult" ist vom 17. März bis zum 18. Oktober 2013 im Museum Simeonstift Trier zu sehen.

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