Seit 01:05 Uhr Tonart
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 01:05 Uhr Tonart
 
 

Fazit / Archiv | Beitrag vom 05.07.2011

Die großen Jungs

"Kleine wahre Lügen" erzählt von der Generation der 30- bis 40-Jährigen

Von Jörg Taszman

Guillaume Canet (picture alliance / dpa / Juan Carlos Cardenas)
Guillaume Canet (picture alliance / dpa / Juan Carlos Cardenas)

Guillaume Canets "Kleine wahre Lügen" wurde in Frankreich zum Überraschungshit und Blockbuster. Der Film über eine Freundesclique ist mit Benoît Magimel, Jean Dujardin, François Cluzet und Marion Cotillard hochkarätig gesetzt.

Paris Anfang des Jahres. Regisseur Guillaume Canet steht in einem vollen Kinosaal und begrüßt sein Publikum. Handys werden gezückt, Erinnerungsfotos geschossen. Der 37-Jährige, äußerst populäre Schauspieler und Filmemacher trägt sein typisches bübisches Lächeln zur Schau. Bescheiden bedankt er sich bei den anwesenden Zuschauern, zeigt sich immer noch erstaunt, dass über fünf Millionen Zuschauer seine dritte Regiearbeit zur erfolgreichsten französischen Produktion des Jahres machten.

Dann beginnen hochemotionale zweieinhalb Filmstunden um eine Gruppe von Freunden, die seit Jahren zusammen in den Urlaub in den Südwesten nach Cap Ferret fahren. Raunen im Publikum, als zu Beginn Ludo, der Durchgeknallteste der Truppe, einen schweren Motorradunfall erleidet. Betroffenheit, als ihn seine Freunde besuchen, hilflos mit Mundmasken vor Ludo aufgereiht. Kichern, vor allem bei den Frauen im Saal, als Vincent seinem langjährigen Freund Max etwas gestehen muss:

"Ich bin sicher nicht schwul. Es ist nur so, dass ich mich in dich verliebt hab. Glaub mir, ich hab nicht die Absicht, dich zu küssen oder mit dir zu schlafen, sicher nicht. Keine Ahnung, vielleicht irgendwann mal."
"Sag mal, spinnst du? Was soll dieser Blödsinn? Tickst du jetzt nicht mehr richtig oder was? Was erzählst du da? Ich bin der Patenonkel von deinem Sohn. Mal ehrlich, wollt ihr mich alle verscheißern oder was?"
"Max, ich bitte Dich. So darfst du es nicht auffassen. Es ist mir nicht leicht gefallen, dir dieses Geständnis zu machen."
"Mir verschlägt’s die Sprache."

"Les petits mouchoirs" heißt der Film im französischen Original und steht für das Sinnbild von Taschentüchern, die man über Probleme, Lebenslügen, kurz über alles ausbreitet, was scheinbar einer Freundschaft im Wege steht. Max, gespielt vom präzisen François Cluzet, dem das Haus im Süden gehört, will den Freunden immer den perfekten Urlaub bieten, regt sich aber über jede Unpünktlichkeit, jedes noch so kleine Detail auf, terrorisiert manchmal alle mit seiner permanenten schlechten Laune.

Auch die anderen Männer stecken mitten in der Midlife Crisis, leiden wie Antoine larmoyant unter einer Trennung oder gehen notorisch fremd wie der Schauspieler Eric: eine Paraderolle für Gilles Lellouche, Frankreichs derzeit präsentesten Schauspieler. Für Guillaume Canet ist sein Porträt einer Generation zwischen 30 und 40 auch typisch für männliche Unreife:

"Die meisten der Jungs, die man im Film sieht, sind auch hauptsächlich meine Freunde. Ich wollte diese Generation der 'großen Jungs' zeigen. Sie sind das Resultat der Emanzipation der Frau, die sehr wichtig geworden ist. Das führte aber zu Männern, die sehr jungenhaft geblieben sind. Ich beschwere mich nicht darüber, aber es ist ein Fakt."

Mit viel Humor, Melancholie und einem Schuss gesunder Melodramatik hat Guillaume Canet einen ebenso nachdenklichen wie unterhaltsamen Film gedreht, in dem sich alles um Freundschaft, Liebe, Lust, Sehnsucht und Lügen dreht. Dabei erweist sich Guillaume Canet als exzellenter Drehbuchautor und Regisseur. Schon für seinen raffinierten und packenden Thriller "Kein Sterbenswort" erhielt Canet den César für die Beste Regie. Diesmal brilliert er vor allem als Schauspielregisseur und bezeichnet "Kleine wahre Lügen" als seinen persönlichsten Film:

"Vorigen Sommer kam ich zurück aus den Ferien aus Ferret und ich erinnerte mich an diesen Film über Kumpel, den ich schon so lange im Kopf habe. Nach 'Bad, Bad Things' und 'Kein Sterbenswort' hatte ich Lust auf einen Film, der mehr von meiner Generation handelt. Es dauerte lange, bis ich den Film vor meinem geistigen Auge vor mir sah, aber das Schreiben ging dann sehr schnell. Innerhalb von einer Woche entstand ein Treatment von 60 Seiten."

Der Soundtrack im Film ist mehr als nur akustische Berieselung zum Wohlfühlen. Gerade die beiden emotionalsten Szenen, wenn es um Trennung und Trauer geht, kommen ganz ohne Dialoge aus, lassen nur die Gesichter der fantastischen Schauspieler sprechen. Und neben den großartigen Männern kann vor allem die wunderbare Marion Cotillard als Marie mit Blicken so viel an Gefühlen ausdrücken, dass kein Auge mehr trocken bleibt.

"Kleine wahre Lügen" ist ehrlich vom Leben abgeschaut. Wer den Film zusammen mit Freunden in einem vollen Saal erlebt, wird lachen und weinen wie das Pariser Publikum und irgendwie beglückt aus dem Kino kommen.

Filmhomepage

Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

"Last Night"
Über Treue und Untreue

Kulturpresseschau

weitere Beiträge

Fazit

Internationaler Leibniz-KongressEuropa als Universum der Gelehrten
Blick auf die Leibniz Universität in Hannover (Juli 2016) (imago/Rust)

Unter dem Motto "Für unser Glück oder das Glück anderer" wird Hannover im Rahmen des Internationalen Leibniz-Kongresses Schauplatz von mehr als 300 wissenschaftlichen Vorträgen. Dabei setzt die Europa-Vision des Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz einen besonderen Akzent.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur