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Freiheitsglocke / Archiv | Beitrag vom 08.02.2007

Die Freiheitsglocke

Freiheitsglocke vor dem Schöneberger Rathaus
Freiheitsglocke vor dem Schöneberger Rathaus (RIAS-Rudolph)

"Ich glaube an die Unantastbarkeit und an die Würde jedes einzelnen Menschen. Ich glaube, dass allen Menschen von Gott das gleiche Recht auf Freiheit gegeben wurde. Ich verspreche, jedem Angriff auf die Freiheit und der Tyrannei Widerstand zu leisten, wo auch immer sie auftreten mögen."

Sonntag für Sonntag, kurz vor 12 Uhr, ist dieser Freiheitsschwur zusammen mit dem Geläut der Freiheitsglocke des Rathauses Schöneberg im Programm von Deutschlandradio Kultur zu hören. Für die Hörer des RIAS geht diese Tradition zurück bis zum 24. Oktober 1950. An diesem Tag, am Tag der Vereinten Nationen, wurde mit einem Festakt die Freiheitsglocke eingeweiht und seitdem gehörte sie, zusammen mit dem eingangs zitierten Gelöbnis, anfangs täglich um 18.00 Uhr, dann jedoch jeden Sonntagmittag um 12.00 Uhr, zum Programm des Berliner Senders.

Walter Franck, einer der namhaften Charakterdarsteller des Berliner Schillertheaters, sprach bis zu seinem Tod am 10. August 1961 den Text zum Geläut. Danach erklang bis zum Oktober 1993 jeden Sonntag die Stimme Wilhelm Borcherts, auch er ein bekannter Schauspieler des Schillertheaters. Und seit dem 31. Oktober 1993 hören wir die Stimme von Thomas Holländer, zunächst im Programm von RIAS Berlin und seit Januar 1994 im Berliner Programm des dann neu gegründeten Deutschlandradios.

Am Beginn dieser langen Radiotradition steht Lucius D. Clay, der frühere amerikanische Militärgouverneur Deutschlands. Nach Beendigung der Blockade Berlins (24. Juni 1948 - 12. Mai 1949) und der von ihm entscheidend mit organisierten Luftbrücke, initiierte er den "Kreuzzug für die Freiheit" des Nationalkomitees für ein Freies Europa zur Finanzierung der Glocke. Die in England gegossene Glocke ging auf eine Reise durch 26 Bundesstaaten der USA. Die Spender, 17 Millionen Amerikaner, unterzeichneten dabei den "Freiheitsschwur". Die Unterschriftenliste wird bis heute im Turm des Schöneberger Rathauses aufbewahrt. Bei der Gestaltung des Textes für das Freiheitsgelöbnis griff das Free Europe Committee Gedanken der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776 auf: Dort ist vom Glauben daran die Rede, dass alle Menschen von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind, wozu "Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehören". Allerdings wird bei der Formulierung des Free Europe Committee aus dem Recht des Volkes, eine Regierungsform abzuschaffen, die "sich als diesen Zielen abträglich erweist" die Selbstverpflichtung, sich Angriffen auf die Freiheit und der Tyrannei entgegenzustellen.

Bei der Berliner Freiheitsglocke handelt es sich um eine Nachbildung der berühmten Liberty Bell in Philadelphia. Jene Glocke hing seit 1753 im dortigen State House, und 1776 verkündete ihr Geläut die amerikanische Unabhängigkeit. Anders als ihr Vorbild enthält die Berliner Glocke eine Inschrift: "That this world under God shall have a new birth of freedom" - Möge diese Welt mit Gottes Hilfe eine Wiedergeburt der Freiheit erleben - Worte, die sinngemäß jenen entsprechen, die Abraham Lincoln in seiner Rede auf dem Schlachtfeld von Gettysburg im Jahre 1863 gesprochen hat am Wendepunkt des amerikanischen Bürgerkrieges, der nicht zuletzt um die Abschaffung der Sklaverei geführt worden war.

Freiheitsglocke und Freiheitsschwur: ein Freiheitssymbol, das jede Menge Geschichte, nicht nur Radiogeschichte, enthält und auch einiges an Erinnerung: die Erinnerung daran, dass es nach dem Zweiten Weltkrieg die Amerikaner waren, die mit der Gründung des "Rundfunks im amerikanischen Sektor" (RIAS) halfen, in unserer Stadt und in unserem Land freiheitlichen Journalismus und freie Information wieder möglich zu machen. Und wenn wir uns daran erinnern, dass die Berliner Freiheitsglocke am 3. Oktober 1990 die Deutsche Einheit einläutete, dann schließt sich hier der Kreis zum Programmauftrag des Deutschlandadios, den Freiheitsgedanken wach haltend "die Zusammengehörigkeit im vereinten Deutschland zu fördern".


Martin Baumgärtel

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Berlin sollte eine amerikanische Stadt werden

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