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Lesart / Archiv | Beitrag vom 25.07.2010

Die Erben der "Fackel"

Über den derzeitigen Aufschwung von Sprachkritik und Sprachgeschichte in Deutschland

Essay von Rolf Schneider

Ein Wörterbuch kann in Notlagen helfen. (Stock.XCHNG / T. Al Nakib)
Ein Wörterbuch kann in Notlagen helfen. (Stock.XCHNG / T. Al Nakib)

Was Karl Kraus noch im Alleingang besorgte, erledigen heute Journalisten, Professoren und Vortragsreisende: Das öffentliche Reden über die Irrungen und Wirrungen der deutschen Sprache hat Hochkonjunktur.

Erinnert man sich noch der öffentlichen Auseinandersetzungen um die deutsche Rechtschreibreform? Sie galt vielen als Attacke auf die deutsche Sprache, wiewohl sie mit Sprache nur insofern zu tun hatte, als sie deren Schriftform betraf. Spätestens seither aber vermögen Sprache, Sprachprobleme und Sprachverirrungen auch außerhalb der allenthalben bestehenden Sprachvereine ein Publikum zu bewegen, und so haben, was vor einem Halbjahrhundert noch undenkbar schien und einzig der Zeitschrift "Die Fackel" von Karl Kraus vorbehalten blieb, unsere Medien sich zu mehr oder weniger regelmäßig publizierten Sprachbetrachtungen entschlossen. Außerdem erscheinen Bücher. Darin werden Grammatik und Satzbau behandelt, Stil, Schreibweise und Wortgeschichte. Die Autoren verschmähen nicht wissenschaftliche Anleihen, wollen aber vornehmlich populär sein, zum höheren Nutzen eines erweiterten Sprachbewusstseins.

Da gibt es Bastian Sick. Er brachte es zu förmlichem Bestsellerruhm. Seine Vorträge finden Zuhörer, die ganze Theater und Arenen füllen. Er macht aufmerksam auf Fehler und Irrtümer, stellt falsch und richtig nebeneinander und tut das gelegentlich unterhaltsam. Sein begeistertes Publikum bestätigt ihm, dass es heimlich nach einem gestrengen Schulmeister hungert.

Dann gibt es Wolf Schneider. Von dessen insgesamt 29 Büchern wurde das erste, das sich der Sprache widmet, für angehende Publizisten verfertigt. Die beiden anderen heißen "Wörter machen Leute" und "Deutsch für Kenner". Sie wettern gegen Fehler, Jargon, Tautologien und Modefloskeln, sie tun dies schneidig und unter Verwendung von Metaphern, die manchmal ihrerseits nur schwer verdaulich sind, "Mumienwörter" etwa oder "betrunkene Marionetten".

Judith Macheiner hat mit ihrem "Grammatischen Varieté" einen Dauerseller verfasst. Die Hochschullehrerin im Fach Anglistik formuliert vorsichtig, auch wissenschaftsnahe, was gelegentlich dröge wirken mag oder ein schwer verständliches Fachwelsch erzeugt. Die Tücken von Kasus und Wortstellung, von Konjunktiv und Parenthese, Qual jedes schulischen Deutschunterrichts, sind bei ihr ausführlich und zumeist einsichtig dargetan.

Zwischen Schneider und Macheiner steht Dieter E. Zimmer, mit Titeln wie "Deutsch und anders" und "So kommt der Mensch zur Sprache". Er ist der beste Schreiber unter den bisher genannten und der sensibelste Deuter obendrein. Er will weniger dekretieren als erklären. Er möchte schildern, was Sprache eigentlich ist, was sie vermag, woher sie kommt, welchen Versuchungen, Neigungen, Unarten und Kühnheiten sie folgt.

Die vier Autoren haben gemeinsam, dass sie fast durchweg von Sprache reden, aber hauptsächlich Stilistik meinen. Ihr Ziel ist das vorbildliche Deutsch, demonstrierbar an bewährten Mustern deutscher Dichtung. Dort ist Prosa nicht nur korrekt, sie ist vor allem anmutig und schön, womit sie sich der normierenden Regelhaftigkeit entzieht und jenen ästhetischen Kriterien stellt, die einem ständig wechselnden Geschmack unterliegen.

Die jüngste Buchpublikation zum Thema stammt von Karl-Heinz Göttert. Der Germanistik-Emeritus behandelt die Entwicklung unserer Sprache, beginnend beim Althochdeutschen und endend mit der Gegenwart. Götterts Hauptverdienst ist es, dem verbreiteten Alarmismus wegen vorgeblicher Überfremdung des Deutschen entgegenzutreten. Importe, sagte er richtig, gibt es in lebendigen Sprachen seit jeher und so auch bei uns. Sie gehören einfach zu deren Stoffwechsel.

Dann existieren noch Untersuchungen zu einzelnen Jargons: betreffend Junge-Leute- Floskeln, die kein Erwachsener versteht und die in speziellen Diktionarien erklärt werden müssen. Ähnliches gilt für Spracheigentümlichkeiten der untergegangenen DDR. Ähnliches gilt für Kanaksprach, den Argot türkischstämmiger Immigranten.

Der in Polen gebürtige Kritiker Marcel Reich-Ranicki pflegt auf Befragen mitzuteilen, seine eigentliche Heimat sei die deutsche Sprache. 1998 beschloss der Bundestag: "Die Sprache gehört dem Volk." Könnte man nicht auch umgekehrt formulieren? Unbestreitbar jedenfalls, dass jenes plötzliche Masseninteresse samt damit verbundenen Sensibilitäten in den Dunstkreis dessen gehört, was manche Politiker als Nationalstolz beschwören. Hier nämlich ist er. Seine Substanz ist die Sprache. Mehr braucht er nicht.

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