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Fazit / Archiv | Beitrag vom 04.03.2013

Die Einflüsterer der israelischen Politik

Film "Töte zuerst" porträtiert den israelischen Inlandsgeheimdienst Schin Bet

Von Jörg Taszman

Szene aus "Töte zuerst - Der israelische Geheimdienst Schin Beit". (dpa / NDR/Dror Moreh)
Szene aus "Töte zuerst - Der israelische Geheimdienst Schin Beit". (dpa / NDR/Dror Moreh)

Israels Inlandsgeheimdienst "Schin Bet" ist eine politisch einflussreiche Größe: So bewog ein kleines Interview mit einem Schin-Bet-Chef den damaligen Premier Scharon dazu, israelische Siedlungen zu räumen. Filmemacher Dror Moreh erkundet diesen Zirkel der Macht.

"Als Direktor des Geheimdienstes begreift man schnell, dass Politiker einfache Lösungen wollen. Sie mögen es nicht, wenn man ihnen drei oder vier Möglichkeiten aufzeigt. Sie wollen, dass man ihnen sagt, tue dies oder tue das."

Yuval Diskin weiß, was Politiker erwarten, aber auch was sie nicht leisten. Von 2005 bis 2011 war er der Chef des Inlandsgeheimdienstes "Schin Bet". Zusammen mit fünf weiteren, ehemaligen Direktoren dieses außerhalb Israels unbekannten Geheimdienstes, ließ er sich von Filmemacher Dror Moreh interviewen, weil er mit der aktuellen, israelischen Politik nicht einverstanden ist.

Der Regisseur dreht nicht zum ersten Mal einen politischen Film. 2008 lief sein Dokumentarfilm "Scharon" auf der Berlinale. Damals versuchte Dror Moreh zu verstehen, warum der Hardliner Ariel Scharon die Entscheidung fällte, 17 israelische Siedlungen in Gaza und Samaria zu räumen. Den Schlüssel für diese Kehrtwende fand der Regisseur in einem Interview mit einem engen Mitarbeiter Scharons.

Dror Moreh: "Als ich dann Scharons Stabschef interviewte, sagte er mir, dass es vor dieser Entscheidung ein wichtiges Interview in einer israelischen Zeitung mit vier Chefs vom Schin Bet gab, die Scharon warnten, er würde Israel in eine Katastrophe treiben. Diese Kritik kam ja nicht von der jammernden Linken, sondern mitten aus dem Zentrum des militärischen Establishments. Dann dachte ich mir, wenn Scharon sich bewegt auf Grund eines kleinen Interviews, dann müsste ich versuchen, sie alle vor die Kamera zu bekommen, um dieser Haltung einen filmischen Ausdruck zu verleihen."

Dem Filmemacher war es wichtig, Israel einen Spiegel vorzuhalten. Es geht ihm um die Brüche und Widersprüche von Entscheidungsträgern, besonders bei Avraham Schalom. Der gebürtige Wiener kam 1939 im Alter von 11 Jahren nach Palästina und leitete den Schin Bet von 1980 bis 1986. Er galt als umstritten und unnachgiebig.

1984 gab er den Befehl zwei schwer verletzte, gefangene palästinensische Terroristen zu töten, die einen Bus entführt hatten. Nach der Erstürmung des Busses blieben sie zunächst unversehrt. Später schlugen israelische Sicherheitskräfte sie brutal zusammen.

Den Todesbefehl bereut Avraham Schalom noch heute nicht. Er wollte keine lebenden Terroristen mehr vor Gericht sehen, wie er sagt. Kritisch kommentiert er dann aber Handlungen seiner Nachfolger, die den Tod von Zivilisten in Kauf nahmen. Das ist ein Schlüsselmoment des Films.

"Overkill ist eine Dummheit, geheimdienstlich und militärisch. Ich weiß nicht, wie ich es sonst nennen soll. Es ist nicht hinnehmbar, dass man, um einen Menschen zu töten, und sei es die wichtigste Person von ganz Gaza, eine Bombe von einer Tonne auf ein Haus wirft, wenn dort Familien mit ihren Kindern wohnen. Das ist unmoralisch, das ist militärisch nicht effizient und ganz sicher unmenschlich."

Genau diese Offenheit macht die Stärke von Dror Morehs Film aus, der in Israel nur vorsichtig in den Kinos gestartet wurde, dann aber schnell durch Mund-zu-Mund-Propaganda zu einem großen Erfolg wurde. 50 000 Zuschauer sahen diesen so komplexen und sehenswerten Film in den Kinos. In der arabischen Welt wurde der Film bisher nicht gezeigt. Anfragen gibt es vor allem von palästinensischen Friedensaktivisten. Könnte sich der Filmemacher denn auch vorstellen, einen Film über Führer der Hamas zu drehen?

Dror Moreh: "Nein, aber das ist eine gute Frage. Alle Palästinenser, die den Film gesehen haben und auf mich zukamen, sagten immer zuerst: 'Wir wünschten, jemand könnte einen ähnlichen Film in unserer Gesellschaft drehen. Das würde leider niemals passieren.'

Ich schaue in meinem Film auf meine Gesellschaft, die israelische. Damit lenke ich keine Sekunde von der Verantwortung oder dem Mangel an Verantwortung der palästinensischen Führung ab. Sie sind mitverantwortlich für das Scheitern des Friedensprozesses und für die heutige Situation.

Ich schaue aber nicht auf die palästinensische Gesellschaft, die noch einen weiten Weg zu gehen hat, sondern auf meine Gesellschaft. Ich hoffe natürlich, dass eines Tages eine ernsthafte und wahrhafte palästinensische Führung kommen wird."

Mit der eigenen Politik, vor allem mit der von Netanjahu, geht Dror Moreh auch sehr kritisch ins Gericht. Er hält ihn sogar für eines der größten Sicherheitsrisiken Israels und bemängelt vor allem den Stillstand in der aktuellen israelischen Politik .

Auch deshalb, glaubt er, haben sich die ehemaligen Schin Bet-Direktoren in seinem Film so öffentlich geäußert. Sie wollen etwas bewegen, den Dialog anstoßen. Dabei sollte es keine Tabus geben. Als Geheimdienstchef redet man eben mit allen, auch der Hamas. Dieser offenen Message des Films wird der deutsche Titel "Töte zuerst - Der israelische Geheimdienst Schin Bet" nicht gerecht. Das klingt polemisch und reißerisch.

Sonst aber muss man den NDR als Koproduzenten loben. Der Kinofilm, der unter seinem internationalen Titel "The Gatekeepers" für Furore sorgte, wird sogar im Hauptprogramm der ARD ausgestrahlt. "Gatekeepers" bedeutet auf Deutsch übrigens Torwächter. In diesem intelligenten, israelischen Film sieht man ihre Gesichter und erkennt die Menschen. Was sie zu sagen haben, lohnt sich.

Kulturpresseschau

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