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Profil / Archiv | Beitrag vom 22.09.2008

Die Ein-Mann-Zeitung

Keithly Hango und der "Pentecost Star"

Von Andi Stummer

Eine Palme vor blauem Himmel (Stock.XCHNG / Dermot Roantree)
Eine Palme vor blauem Himmel (Stock.XCHNG / Dermot Roantree)

Während für uns die mediale Rundumversorgung zum Alltag gehört, sind in anderen Teilen der Welt unabhängige Informationen Mangelware. Keithly Hango wollte sich damit nicht abfinden und gründete in seiner Heimat, der Insel Pentecost östlich von Australien, eine eigene Zeitung. Wöchentliche Auflage: vier Exemplare.

Samstagmorgen am Flugfeld von Sara, einem 200-Einwohner-Dorf an der Nordspitze von Pentecost. Neben der holprigen Graspiste, in der viel zu kleinen Wartehalle des schilfgedeckten Flughafengebäudes, drängen sich viel zu viele Menschen. Nicht wegen der 11-Uhr-Maschine, sondern um die neue Ausgabe des "Pentecost Star": drei engbeschriebenen DIN-A-Seiten, die - in Augenhöhe - mit Tesa-Film-Streifen an der Wand befestigt sind.

"Wer lesen kann, liest den anderen, die es nicht können, vor. Bis vor zehn Monaten war die Insel für ihre 12.000 Bewohner ein unbeschriebenes Blatt, jetzt aber gibt es den 'Pentecost Star'. Eine kostenlose Zeitung, die, immer samstags, einmal die Woche, erscheint."

"Es passieren viele Dinge auf unserer Insel, aber bisher gab es niemanden, der sie aufgeschrieben hat", erzählt Tony Liu, ein regelmäßiger Leser des "Pentecost Star". "Ich bin immer neugierig auf die nächste Ausgabe. Denn es geht darin um mich, meine Heimat und um meine Kultur. Ich bin Teil dieser Zeitung."

Der "Pentecost Star" ist eine Ein-Mann-Zeitung, gegründet von Keithly Hango, dem Gärtner von Sara. Frustriert, weil es nur eine Handvoll funktionierende Telefone auf Pentecost gibt, wollte der Selfmade-Journalist seinen Mitbürgern Neuigkeiten ab sofort nur noch schriftlich geben.

"Das Leben hier hat ein Niveau erreicht, das wir die Medien brauchen. Es geht nicht länger, dass wir Nachrichten nur bei Dorfversammlungen weitergeben. Wenn Informationen genau sein sollen, dann dürfen sie nicht mündlich übermittelt werden, sonst werden sie bis zur Unwahrheit verfälscht."

Keithly Hango ist nicht nur der Reporter, Chefredakteur und Herausgeber – er stellt die Zeitung auch im Alleingang her. Montag bis Donnerstag wird recherchiert, freitags textet der 37-Jährige seine Artikel und in der Nacht schreibt und layoutet er das Blatt. Nicht mit Schreibmaschine oder Computer, sondern alles von Hand. Nur mit Lineal und Kugelschreiber. Die vier Kopien hängt er an den zwei Flugfeldern von Pentecost und in zwei Kulturzentren der Insel aus.

"Langsam gewinne ich das Vertrauen der Leute, weil sie sehen, welche Mühe ich mir gebe. Anfangs wollte kaum jemand mit mir reden, weil ich als Reporter kam. Jetzt aber sehen immer mehr, dass meine Zeitung Nachrichten wahrheitsgetreu verbreitet und ich werde auch immer öfter eingeladen, um über wichtige Versammlungen zu schreiben."

Keithly berichtet im "Pentecost Star" über Bauvorhaben auf der Insel, kulturelle Zeremonien und Stammespolitik. Sein bisher größter Coup war, als ein korrupter Häuptling zurücktreten musste, weil Keithly heimliche Schmiergeldzahlungen in seiner Zeitung aufgedeckt und publik gemacht hatte. Ein Skandal, der sogar in der Hauptstadt Port Vila Schlagzeilen machte.

"Ich beneide Keithly um seine Unabhängigkeit. Er kann die Geschichten verfolgen, die für die Menschen in den Dörfern seiner Insel interessant sind", sagt der Journalist Len Garae von Vanuatus "Daily Post", "Zeitungen sind auf Pentecost wie Bücher. Sie werden immer wieder weitergegeben. Eines unserer Blätter wurde in einem Dorf noch immer gelesen, obwohl es fünf Jahre alt war."

Die "Daily Post" ist Vanuatus einzige Tageszeitung, Auflage: 4000. Von Port Vila aus arbeiten 30 Journalisten an der Print- und an einer Internetausgabe. Die Redakteure haben modernste Computer, Hi Speed-Broadband, Mobiltelefone und Digitalkameras – das Fotolabor und die Druckerei sind im Nachbargebäude. Bedingungen von den Keithly Hango nur träumen kann. Das Papier, die Stifte und Heftklammern für die vier Kopien des "Pentecost Star" bezahlt er selbst. Noch. Denn Keithly hat mit seiner kleinen Zeitung großes vor.

"Es ist mein Traum, dass sich irgendwo eine Türe öffnen wird – und dann wird alles anders. Ich möchte, dass der 'Pentecost Star' eines Tages gedruckt wird – wie eine große Zeitung. Es gibt bereits Computer auf meiner Insel, dazu eine Kamera. Ich werde alles tun, um meinen Traum zu verwirklichen."

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