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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 10.08.2011

Die DDR lebt

Simon Urban: "Plan D", Schöffling & Co., Frankfurt/Main 2011, 552 Seiten

Für Urban ist das Klischeebild der erinnerten DDR nur eine Arbeitsgrundlage.
Für Urban ist das Klischeebild der erinnerten DDR nur eine Arbeitsgrundlage. (AP)

Stell Dir vor, die Wiedervereinigung hätte es nicht gegeben: Diese Idee entwickelt Simon Urban in seinem Debütroman "Plan D". Die Handys heißen "Minsk", Otto Schily ist Minister für Staatssicherheit und die Trabis fahren mit Rapsöl.

Es ist das Jahr 2011, und die DDR lebt noch. Beziehungsweise sie überlebt gerade so. Denn der Staat ist bankrott. Als auch die Staatseinnahmen aus dem Transitgeschäft mit Erdgas aus Osteuropa zu versiegen drohen, werden Konsultationen anberaumt - zwischen Oskar Lafontaine, dem Kanzler der BRD, und Egon Krenz, dem Staatsratsvorsitzenden der DDR. Dann baumelt eine Leiche an einer der Pipelines bei Berlin. "Der Spiegel" wittert einen Stasimord, und die Verhandlungen drohen zu scheitern. Um zu retten, was zu retten ist, sollen der Ostberliner Kriminalpolizist Martin Wegener und zwei westdeutsche Kollegen den Fall gemeinsam aufklären.

Stell Dir vor, die Wiedervereinigung hätte es nicht gegeben: Aus dieser Idee entwickelt der Autor Simon Urban, geboren 1975 in Hagen, in "Plan D" eine alternative Gegenwart. Urbans Romandebüt ist ein literarisches Gedankenspiel, das an Philip K. Dicks "Das Orakel vom Berge" erinnert oder an "Vaterland" von Robert Harris, Romane, in denen eine Welt entworfen wird, in der die Nazis den Zweiten Weltkrieg gewonnen haben. Simon Urban ist nun der Frage nachgegangen, was passiert wäre, wenn die Mauer nicht gefallen wäre.

Der Leser begleitet Martin Wegener und seine westdeutschen Kollegen durch ein trübes Ost-Berlin. Die Sonne scheint selten. Konsumgüter sind knapp. Zynische Witze sind an der Tagesordnung. Doch für Urban ist das Klischeebild der erinnerten DDR nur eine Arbeitsgrundlage. Stück für Stück enthüllt er das von ihm entworfene Paralleluniversum in Alltagsdetails: Über allem hängt der Geruch von Frittiertem, weil die Nachfolger des Trabants mit Rapsöl fahren. Handys, dank Stasi-Technik den West-Produkten weit überlegen, heißen "Minsk". Und die Stasi betreibt finstere Geheimgefängnisse, deren Insassen sich wünschen, nach Bautzen verlegt zu werden: mit schwarz maskierten Wärtern, Isolationshaft und eiskaltem Schweigen.

All das beschreibt Urban in einem Stil, der mal rotzig, mal opulent daherkommt - und der den Leser immer weiter in die Welt der Gegenwarts-DDR und die Köpfe der Protagonisten hineinzieht. Desto näher Wegener der Wahrheit kommt, desto mehr verstrickt er sich in die politischen Ränkespiele zweier Staaten und das doppelte Spiel von BND und Stasi. Dass das deutsch-deutsche Ermittlerteam auch gegen die Stasi ermittelt, muss einer der Kollegen bald mit dem Leben bezahlen. Berlin wird von Anschlägen erschüttert. Freunde werden zu Feinden, und Totgeglaubte wandeln plötzlich wieder unter den Lebenden.

Trotz all dem nimmt sich "Plan D" selbst nicht ganz ernst. Urban spielt nicht nur mit Ost-, sondern auch mit West-Biografien: So ist Claus Kleber in dieser Welt Chefredakteur des "Spiegels" geworden; Otto Schily hat Westdeutschland verlassen und Mielke als Minister für Staatssicherheit ersetzt. Und die Arbeitslosen in der DDR heißen "Lötzsch-2-Empfänger". Auch hier merkt man, dass "Plan D" trotz der Science-Fiction-DDR-Kulisse vor allem unsere bundesrepublikanische Realität reflektiert. Simon Urban verfremdet das Bekannte, um es klarer zu sehen. Die scheinbar grenzenlose Freiheit, die wir heute genießen. Den perversen Konsumismus unserer Zeit. Den Einfluss von Energiekonzernen. Und die Verblendung sozialistischer und kapitalistischer Ideologen.

Besprochen von Marten Hahn

Simon Urban: Plan D
Schöffling & Co., Frankfurt/Main 2011,
552 Seiten, 24,95 Euro


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