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Lesart | Beitrag vom 08.03.2016

Die besten MangasKatastrophal entgleist und minimal vermurkst

Von Stefan Mesch

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Eine Auswahl von Mangas (Foto: Stefan Mesch)
Eine Auswahl von Mangas (Foto: Stefan Mesch)

Auf der Leipziger Buchmesse werden sie wieder einen großen Auftritt haben: Mangas. Die neuen Trends in Japan und Deutschland zeigt Stefan Mesch in seinen Buchempfehlungen.

Für Einsteiger: "Yotsuba" von Kiyohiko Azuma

bisher 12 Bände, deutsch bei Tokyopop

Episoden aus der Vorstadt: Yotsuba ist fünf Jahre alt und zieht mit ihrem Vater, einem entspannten Übersetzer, in ein neues Viertel. In kurzen Kapiteln macht sie Spaziergänge und Ausflüge, lernt Nachbarn und Verkäufer kennen. Und reagiert offen, impulsiv und unerwartet. Ein Vorschul-Kind als energische Hauptfigur – in einem ruhigen, klug beobachteten Gute-Laune-Comic für alle Altergsgruppen. Wer nostalgische Kindheits-Cartoons wie "Calvin und Hobbes" mag, findet hier einen guten Einstieg. Wichtig: am besten gleich zwei bis drei Bände lesen – denn die ersten Kapitel neuer Manga-Reihen sind meist holpriger.

Für Epiker: "Billy Bat" von Naoki Urasawa

bisher 19 Bände, deutsch bei Carlsen

Quantenmechanik, Weltgeschichte, ein Epos über das schwierige Verhältnis zwischen Japan und den USA um 20. Jahrhundert: "Billy Bat" erzählt von einem Comic, so berühmt und einflussreich wie "Micky Maus". Doch wer hat die Cartoon-Fledermaus erfunden? Woher kommt sie? Ein ganzes Jahrhundert hindurch treffen Menschen auf die geheimnisvolle Figur – in klug verknüpften, irrsinnig fesselnden, komplexen, aber gut verständlichen Lebensfäden. Immigration, Kreativität, die Rolle des Einzelnen und seiner Generation... "Billy Bat" ist der literarischste Manga, den ich kenne. Anspruchsvoll. Überbordend. Und trotzdem flüssig, zugänglich, humorvoll. Ein Meisterstück, das Erwartungen und Genres sprengt.

Für Fans kluger Krimis: "Die Stadt, in der es mich nicht gibt"

von Kei Sanbe, bisher 7 Bände, deutsch bei Tokyopop

Jedes Mal, wenn der Alltag katastrophal entgleist, wird Satoru ein paar Minuten in die Vergangenheit versetzt: Die Szene wiederholt sich dann so oft, bis er das jeweilige Unglück verhindern kann. In seiner Kindheit wurden Klassenkameraden ermordet, und alle bemühten sich, den Kidnapper zu vergessen. Plötzlich ist Satoru zurück im Jahr 1988, elf Jahre alt. Er will die Kinder retten. Mit allen Mitteln. Ein Thriller, täuschend simpel gezeichnet, mit wunderbar komplizierten, schlagfertigen, witzigen Figuren und existenziellen Fragen: Rätseln, Fiebern, Lachen, Indizien suchen... keine Seite dieser Bände vergeht, ohne dass Herz und Hirn auf fünf verschiedene Arten gefordert sind.

Für Drastiker: "I am a Hero"

von Kengo Hanazawa, bisher 19 Bände, deutsch bei Carlsen

Harte Kost, großartig gezeichnet: Hiro, ein nervöser Pedant und Außenseiter Anfang 30, leidet unter Wahnvorstellungen. Band 2 erst zeigt: Nicht alles entspringt seiner Phantasie – denn Japan wird gerade von einer Zombie-Seuche heimgesucht. Mit mehr Glück als Verstand kann Hiro flüchten und irrt, mit kompetenten Frauen, die ihn überfordern, einschüchtern und verwirren, durch die Provinz, auf der Suche nach Essen, Medizin, Sicherheit. Zombie-Thriller, Charakterstudie, Groteske: "I am a Hero" ist blutig, drastisch, unbequem, widerwärtig… überfordern, verstörend und überraschend. Das beste Buch, das ich 2015 las. Detailverliebte Hintergründe, Stadt- und Landschaftsbilder. Und eine Figurendynamik wie in den besten, schwärzesten Tragikomödien.

Für Murakami-Leser: "Gute Nacht, Punpun"

von Inio Asano, 13 Bände, deutsch bei Tokypop

Ein pubertierender Außenseiter aus zerrüttetem Elternhaus, der sich in Tagträume und absurde Kinder-Phantasien flüchtet: Der erste Band von "Punpun" scheint süßlich, krude, platt. Schnell aber wächst hier eine der markantesten und ätzendsten Coming-of-Age-Figuren seit Werther: ein gehemmter Außenseiter – der sich selbst nur als kleinen, kümmerlichen Vogel sieht – hadert mit Autonomie und Familie, Geilheit und Sinnfragen. Gegen Ende, ab ca. Band 11, wird die Reihe hanebüchen. Doch bis dahin wird Weltschmerz gefeiert, hinterfragt, zerlegt – auf hohem Niveau und mit den bisher aufwändigsten Zeichnungen/digital verfremdeten Szenenbildern. Held, Plot, Buchreihe: Alles hier ist minimal vermurkst. Aber gerade deshalb: unvergesslich!

Für Piraten: "Sakamichi No Apollon"

von Yuki Kodama, 10 Bände, nur als Fan-Übersetzung online lesbar

Piraten haben die zehn japanischen Bände eingescannt, übersetzt und ins Netz gestellt: "Sakamichi No Apollon" spielt Ende der Sechziger Jahre, tief in der Provinz. Drei Freunde gründen ein Jazz-Trio im Keller des Schallplattenladens. Die Tochter des Plattenhändlers hört zu. Simple Zeichnungen – doch heißt das auch: simple Rollenbilder, und eine simple Zeit? Yuki Kodama entwirft eine Gruppe komplexer, stolzer, zärtlicher Jugendlicher. Kluge Szenen, Gesten, Zwischentöne – subtil, glasklar, zum Heulen schön. Das sympathischste Freundes-Trio seit Harry, Ron und Hermine.

Mehr zum Thema:

Hiroshima - Die Atombombe in japanischen Mangas
(Deutschlandradio Kultur, Kompressor, 6.8.2015)

Manga-Manie - Elfen, Sci-Fi-Krieger, Superhelden
(Deutschlandradio Kultur, Fazit, 14.3.2014)

UN-Beauftragte ermittelt - Mangas und Kinderpornografie
(Deutschlandradio Kultur, Kompressor, 17.11.2015)

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