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Thema / Archiv | Beitrag vom 16.09.2010

Die Anti-Atomkraft-Bewegung eint Generationen

AKW-Gegner kämpfen mit neuen Methoden gegen "Wagenburgmentalitat" der Regierung

Gerd Rosenkranz und Luise Neumann-Cosel im Gespräch mit Susanne Führer

Protestaktion vor dem Brandenburger Tor gegen die geplante Laufzeitverlängerung von Atomkraftwerken (AP)
Protestaktion vor dem Brandenburger Tor gegen die geplante Laufzeitverlängerung von Atomkraftwerken (AP)

Eine der ältesten Protestbewegungen erlebt eine Renaissance in Deutschland: Die Anti-AKW-Bewegung sei inzwischen "in der Mitte der Gesellschaft angesiedelt" und "generationenübergreifend", sagt Gerd Rosenkranz von der Deutschen Umwelthilfe. Am Sonnabend wird in Berlin die wohl seit Langem größte Anti-Atomkraft-Demonstration stattfinden.

Susanne Führer: Die Bundesregierung will die Laufzeiten der Atomkraftwerke verlängern, und dagegen gibt es am kommenden Samstag in Berlin eine Demonstration. Die Veranstalter rechnen mit einer großen Protestaktion, denn die Anti-AKW-Bewegung kann ja nicht nur auf eine lange Geschichte zurückblicken, und daher die ganzen alten Kämpen aufbieten, sie hat auch viele neue und junge Anhänger. Beide Seiten sind nun hier im Studio vertreten. Ich grüße Gerd Rosenkranz, 60 Jahre alt, seit 30 Jahren gegen AKWs dabei, von der Deutschen Umwelthilfe. Herzlichen Willkommen, Herr Rosenkranz!

Gerd Rosenkranz: Guten Tag!

Führer: Und Luise Neumann-Cosel, sie ist 24, vom Aktionsbündnis X-tausendmal quer. Tag, Frau Neumann-Cosel!

Luise Neumann-Cosel: Hallo!

Führer: Herr Rosenkranz, in den 70er-, 80er-Jahren, da hat die Anti-AKW-Bewegung ja sozusagen ihre Blütezeit gehabt, war die größte Bürgerrechtsbewegung überhaupt in der Bundesrepublik, wann und warum sind Sie dazugestoßen?

Rosenkranz: Ich war damals in Stuttgart, an einem Max-Planck-Institut, als Werkstoffwissenschaftler beschäftigt und habe mich gewundert über Protestaktionen, die es damals am Kaiserstuhl gab. Da sollte das Atomkraftwerk Wiehl gebaut werden, und da gab es Platzbesetzungen, und letztlich ist dieses Atomkraftwerk auch verhindert worden. Und da haben wir als junge Wissenschaftler damals angefangen darüber nachzudenken, was ist los. Links waren wir außerdem und immer darauf erpicht, Kontakt zu den normalen Leuten zu kriegen, und in Wiehl hat das offenbar funktioniert. Dann haben wir uns damit mehr auseinandergesetzt und festgestellt, das ist wirklich ein falscher Weg.

Führer: Also Sie haben sich nicht nur politisch damit auseinandergesetzt – weil man links ist, ist man gegen Atomkraft –, sondern Sie haben sich auch wissenschaftlich damit auseinandergesetzt?

Rosenkranz: Ja, das war ja immer und ist bis heute auch eine Frage der Werkstoffe, die dort eingesetzt werden. Die sind ein Risikofaktor, vor allem wenn die Kraftwerke älter werden, wie jetzt, deshalb ist es so wichtig, dass man auch jetzt kämpft gegen die Laufzeitverlängerung. Damals wurde zum Beispiel das Öko-Institut gegründet; auch unter anderem aus diesem Grund, und ich gehörte zu denen, die da wissenschaftlich sich auch mit befasst haben, aber auch bei vielen, vielen Demos dabei war.

Führer: Wann und warum haben Sie begonnen sich gegen Atomenergie zu engagieren, Frau Neumann-Cosel?

Neumann-Cosel: Mein erster Kontakt mit dem Thema war ja relativ kopfüber ins Getümmel, und zwar war das vor einigen Jahren beim Castor-Transport in Gorleben. Da bin ich eigentlich mit Freunden hingekommen, die meinten, Mensch, das ist ganz wichtig, dass man da was tut, komm doch einfach mal mit. Dann stand ich da und ja, war sozusagen sofort mitten im Thema, und das hat mich dann auch nicht mehr losgelassen.

Führer: Gab es denn auch vorher eine inhaltliche Auseinandersetzung?

Neumann-Cosel: Klar war ich sozusagen vorher auch Atomkraftgegnerin, und es war irgendwie was, wo ich jetzt vorher gar nicht lange drüber nachgedacht habe, und richtig viel mit dem Thema beschäftigt habe ich mich dann aber hinterher. Also das war schon so ein Schlüsselerlebnis, dieser Transport, wo ich dachte: Mensch, so kann es ja nun wirklich nicht gehen.

Führer: Ich habe bei Ihnen beiden so den Eindruck, als Atomkraftgegner wird man geboren. Das klingt so ein bisschen so, und es geht gar nicht um ein wirkliches Abwägen Pro und Kontra, sondern man ist eben dagegen.

Rosenkranz: Also ich möchte jedenfalls nicht als Atomkraftgegner im Kampfe sterben, ja? Eigentlich hatte ich gedacht, dass diese Auseinandersetzung ihren Höhepunkt hinter sich hatte, und das sah ja auch so aus. Und meine Lust, wieder von vorne anzufangen, war durchaus begrenzt, aber jetzt ist es einfach notwendig, und ich arbeite jetzt bei der Deutschen Umwelthilfe, und natürlich ist das ein Schwerpunkt unserer Arbeit. Und es ist wunderbar zu sehen, wie sich das fortsetzt über die Generationen hinweg und wie es sich … einerseits die Anti-AKW-Bewegung jetzt so stark ist, wie sie damals war – vielleicht sogar stärker –, aber auch anders.

Führer: Früher waren ja Protestbewegungen im Allgemeinen Bewegungen von jungen Menschen, das ändert sich so allerorten, Stuttgart 21 oder in Hamburg Gängeviertel oder auch Schulreform, aber, ich glaube, so als Grundsatz kann man das schon so gelten lassen. Bei der Anti-AKW-Bewegung ist das aber nun ganz anders, weil die ja eben schon so alt ist. Hat Sie das nicht so ein bisschen abgeschreckt, Frau Neumann-Cosel, als Sie dann sich diese Leute angesehen haben, lauter graue Köpfe?

Neumann-Cosel: Nein, das kann man eigentlich nicht sagen. Ich finde es auch gar nicht – man kann auch gar nicht sagen, dass das eine Bewegung mit lauter grauen Köpfen ist, sondern die ist ja total bunt durchmischt.

Führer: Gibt es denn Generationenkonflikte, Herr Rosenkranz?

Rosenkranz: Also in der Zeit, in der die Bewegung schwächer war und reduziert war auf den Widerstand im Wendland, da gab es das durchaus, weil natürlich die grauen Köpfe, zu denen ich ja auch gehöre, versuchen, weiter das zu dominieren. Dieses Problem ist, glaube ich, liegt hinter uns, das hängt einfach damit zusammen, dass es jetzt eine große Bewegung ist. Also der Unterschied zu früher ist: Damals war das eben mit dem Linkssein verbunden, heute ist Anti-AKW-Protest in der Mitte der Gesellschaft angesiedelt, eben auch generationenübergreifend. Die Methoden haben sich geändert, aber es gibt auch eine gesellschaftliche Öffnung. Und übrigens, im Gegensatz zur anderen Seite, das, was wir in den letzten zwei Wochen erlebt haben, ist ja fast eine Wagenburgmentalität, im Kanzleramt wird darüber entschieden, mit einer Standleitung zu den vier großen Konzernen, und die mauern sich ein und fällen ihre Entscheidung gegen die Gesellschaft. Das war damals anders. Wir waren in Opposition nicht nur zur Atomkraft, sondern auch zum Mainstream dieser Gesellschaft.

Führer: Gerd Rosenkranz und Luise Neumann-Cosel von der Anti-AKW-Bewegung sind zu Gast im Deutschlandradio Kultur, und wir sprechen über, ja, Vergangenheit und Gegenwart der Anti-AKW-Bewegung. Frau Neumann-Cosel, ich versuche mir das trotzdem vorzustellen, Sie kommen dahin, da sind dann diese Menschen, die sagen: Mensch, damals und da in Brokdorf, und ich kann dir sagen, und da haben wir Geschichten gemacht. Also wie ist denn das für Sie oder gewesen oder ist es noch, ist es lehrreich, ist es amüsant, ist es manchmal auch nervig?

Neumann-Cosel: Na, es ist beides, würde ich sagen. Also einmal ist es natürlich schon eine Herausforderung, gerade so für uns jüngere Leute, wenn wir da hinkommen und da sind ganz viele Plätze schon besetzt, sage ich mal, also da sind ganz viele Leute, die genau wissen, wie es geht und die auch schon natürlich richtig große Erfolge hatten, und da ist es manchmal natürlich nicht so einfach, seinen eigenen Platz da drin zu finden und irgendwie zu wissen, wo gehöre ich hier hin und was kann ich hier auch tun, was kann ich hier vielleicht noch besser machen. Gleichzeitig ist ja aber auch immer dieser Aspekt, dass wir da ganz viel lernen können und natürlich auch lernen wollen. Und das ist schon manchmal so eine Gratwanderung, auch wenn es dann um so Sachen geht wie, mit welchen Methoden werben wir zum Beispiel oder wie stellen wir uns nach außen dar, solche Dinge, wen wollen wir ansprechen. Da hat man natürlich manchmal einfach ganz unterschiedliche Vorstellungen und da ...

Führer: Dann nennen Sie mal ein Beispiel, Methoden, Alt und Jung?

Rosenkranz: Also für uns Ältere ist es beeindruckend, was heute eben über das Internet läuft, also was X-tausendmal quer ausgestrahlt oder Campact machen, an Mobilisierung, an schneller Mobilisierung Campact hat jetzt einen Appell gemacht, der letzte Woche gestartet wurde und jetzt schon über 100.000 Unterschriften hat, und was daran klasse ist, ist, dass es nicht bleibt bei den Unterschriften – dann, glaube ich, würde sich das schnell totlaufen –, sondern das ist immer verbunden auch mit der Aufforderung: Wir treffen uns vorm Kanzleramt oder wir treffen uns im Wendland zu dem und dem Zeitpunkt, und dann kommt ein Teil derjenigen, die unterschrieben haben, dort auch garantiert hin und produziert sozusagen die Bilder für die Medien. Der Aufwand, den wir hätten treffen müssen, um so etwas auf die Beine zu stellen, wäre ungleich größer gewesen.

Führer: Das klingt ja alles sehr harmonisch. Sie sprachen ja doch von Konflikten, Frau Neumann-Cosel, Herr Rosenkranz hat vorhin gesagt, na, am Anfang wollten wir Älteren nicht Platz machen, weil, wir wussten ja, wie es geht und hatten das ja schon seit Jahrzehnten gemacht, das hat sich geändert, sagt er, stimmt das?

Neumann-Cosel: Ja, das stimmt. Also ich würde jetzt im Moment da auch wirklich keinen Konflikt sehen, sondern das ist eher so, dass gerade durch so neue Methoden ganz viele Aufrufe per E-Mail oder Werbung im Social Web, also Twitter, Facebook, solche Sachen, das irgendwie eine Weile gedauert, und jetzt ist das aber angekommen, und ich glaube, das ist auch bei der älteren Generation angekommen, dass das – ja, dass das ganz viel bringen kann und ganz viel hilft.

Führer: Herr Rosenkranz, ich habe mir so gedacht, wenn man seit 30 Jahren dabei ist, dann wird es ja im Grunde genommen wirklich zu so einem Teil der eigenen Identität, also der eigenen Biografie und Identität. Ist es eigentlich so, lassen Sie eigentlich noch neue Argumente an sich heran, prüfen Sie die noch oder meinen Sie, es ist sowieso alles jetzt dazu gesagt? Nehmen wir mal jetzt diese Debatte um CO2-Ausstoß, Klimakiller, wo man sagt, Atomkraftwerke sind da gut. Ich will jetzt diesen Punkt nicht diskutieren, aber war das ein Punkt für Sie, wo Sie gesagt haben, ach Mensch, ist ja doch ein Aspekt, das sollte ich vielleicht mal überdenken, oder sagen Sie von vornherein, nein, Atomkraft ist Mist?

Rosenkranz: Ich bewege mich sehr bewusst hinein, auch in das andere Lager. Ich bin ständig bei irgendwelchen Podiumsdiskussionen, wo ich mich mit der Gegenseite auseinandersetzen muss, und natürlich kommen da neue Argumente. Und es gibt ja eine Einigkeit zwischen Befürwortern und Gegnern, nämlich wir brauchen eine Neubewertung. Nur die Neubewertung führt zu unterschiedlichen Ergebnissen. Also wir zum Beispiel glauben, wir brauchen eine neue Bewertung, seit klar ist, dass in den USA bei den Anschlägen auf das World Trade Center auch überlegt worden ist, Atomkraftwerke anzugreifen. Das ist ein grundsätzlich neues Argument, das hat man sich vorher nicht vorstellen können, oder der Aufbau der erneuerbaren Energien bedeutet, die Atomkraftwerke passen nicht mehr rein ins System, das ist auch ein neues Argument. Das heißt, es kommen immer wieder neue Argumente hinzu, und es gibt verdammt wenige, die sozusagen der Atomenergie nutzen.

Führer: Ich habe mich gefragt, warum es eigentlich ausgerechnet die Atomenergie ist, die so viele Proteste entfacht, wenn man mal sieht, die Friedensbewegung dümpelt vor sich hin, dabei hätte die ja nun auch einiges zu erreichen, Frauenbewegung gibt es eigentlich gar nicht mehr, selbst um Attac ist es ruhig geworden. Was meinen Sie, Frau Neumann-Cosel, woran mag das liegen, dass das gerade so ein Anziehungspunkt ist für Jung wie Alt?

Neumann-Cosel: Na, ich denke, was ganz entscheidend ist, im Moment ist die Möglichkeit, dass man durch sein Handeln jetzt tatsächlich Einfluss nehmen kann und was bewegen kann. Die Debatte im Moment, die Atompläne von Schwarz-Gelb, da jetzt Laufzeiten zu verlängern anstatt AKW abzuschalten, die sind ja eigentlich gezeichnet davon, dass in der Regierung da selber ganz viele Konflikte herrschen, und dass die sich da selber gar nicht einig sind. Und ich glaube, das ist was, was ich von der älteren Generation gelernt habe: Immer da, wo in der Politik ein Konflikt herrscht und keine Einigkeit, da kann sozusagen eine Bewegung richtig einsteigen und auch das Zünglein an der Waage sein und dann was entscheiden und was bewegen. Und deswegen, das kann ich mir vorstellen, dass das ganz viele Leute sehr motiviert und dazu bringt, jetzt zu sagen, hier muss ich jetzt unbedingt was machen.

Führer: Sagt Luise Neumann-Cosel vom Aktionsbündnis X-tausendmal quer. Außerdem hörten Sie Gerd Rosenkranz von der Deutschen Umwelthilfe.

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