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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 17.04.2012

Deutschland braucht ein Kultus-Parlament

Wie der Staat für unser Seelenheil sorgen könnte

Von Martin Rieke

Blick in den Deutschen Bundestag - sollte ein Parlament über kulturelle Fragen befinden? (AP)
Blick in den Deutschen Bundestag - sollte ein Parlament über kulturelle Fragen befinden? (AP)

Durch die Trennung von Staat und Kirche wurde das Seelenheil ins Private verbannt und dort allein gelassen. Die Gesellschaft braucht aber einen gemeinsamen Grundkanon von Werten, Ritualen und Symbolen. Diese Aufgabe gehört in die Hände einer staatlichen Institution, meint Martin Rieke.

Arbeitsteilung ist eine feine Sache: In vielen Familien kann ein Partner Karriere machen, wenn der andere die Kinder betreut. In einem Unternehmen sorgt ein Vorstand für den Vertrieb und der andere für Personalentwicklung und Unternehmenskultur. Seit der Aufklärung gibt es auch eine Grundentscheidung für eine Arbeitsteilung in der Gesellschaft: Der Staat verwaltet die weltlichen Dingen, die Kirche sorgt sich um das Seelenheil.

Doch was passiert, wenn einer der Beteiligten seine Aufgabe nicht erfüllt? Wenn die Partnerin nach Hause kommt und feststellt, dass die Kinder verwahrlosen? Wenn die Unternehmenskultur die Mitarbeiter krank macht? Dann sind die Verantwortlichen am Zug. Die Partnerin kümmert sich um die Kinder und stellt den Mann zur Rede. Der Aufsichtsrat besetzt den Vorstand neu.

Auch wir, als Verantwortliche für unsere Gesellschaft, müssen eine Aufgabe neu zuweisen, die Sorge um das Seelenheil, denn seelische Leiden sind zum Massenphänomen geworden. Wenn, laut einer Studie, fast jeder dritte Deutsche einmal im Jahr an einer diagnostizierbaren Störung leidet, dann steht auch die Aufgabenteilung zwischen Staat und Kirche in Frage.

Wie kann der Staat der Seele helfen?

Das wissen die Wissenschaftler inzwischen ziemlich gut. Es können mehr Fähigkeiten vermittelt werden, welche die Psyche stärken. Seit der Aufklärung hat sich hier viel getan. Dies ist auch durch unsere Verfassung geboten, denn wenn der Einzelne in die Unfreiheit einer Erkrankung abrutscht, kann er sein Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit nicht mehr wahrnehmen.

Doch Hilfe zur Selbsthilfe reicht nicht aus. Und der Mensch möchte in Gemeinschaft leben und hat ein Grundbedürfnis nach Orientierung. Für beides braucht es einen gemeinsamen Bezug: Gemeinsame Werte, Rituale, Symbole und Aktivitäten. Ohne diese Gemeinsamkeiten zerfällt eine Gemeinschaft.

Warum gibt es zum Beispiel keinen Feiertag für die höchsten Werte des Grundgesetzes? Ein Fest der Persönlichkeitsentwicklung. Schulprojekte und eine Kampagne der Begeisterung und Inspiration. Ein Feiern und Wertschätzen dessen, wozu der menschliche Geist fähig ist. Social Marketing im Dienste des Grundgesetzes.

Diese Aufgabe sollte man nicht den Religionen überlassen, schon gar nicht kommerzieller Werbung und Moden, deren Motive niemand durchschaut. Nahezu konkurrenzlos und psychologisch ausgefeilt, besetzen sie derzeit den öffentlichen Raum mit einer profit-orientierten Ethik, permanenter Erotik und Pseudo-Sinnstiftern wie Fußballgöttern oder Promi-Schicksalen.

Eine Alternative müsste her, die einen Grundkanon von Werten, Ritualen und Symbolen anspricht und ein Minimum von Gemeinsamkeit sicherstellt. Diese Aufgabe gehörte in die Hände einer staatlichen Institution, die unabhängig und demokratisch legitimiert, aber ohne Absolutheitsanspruch, in Fragen der Bildung und Kultur mitbestimmt und Stellung bezieht. Ich stelle mir ein Kultus-Parlament vor.

Mit ihm lässt sich die Demokratie weiterentwickeln. Denn durch die Trennung von Staat und Kirche wurde das Seelenheil ins Private verbannt und dort allein gelassen. Wenn wir die Grundvoraussetzung für Freiheitsausübung – gesunde Menschen – nicht gefährden wollen, kann es dort nicht bleiben. Es ist an der Zeit, das Seelenheil aus dem toten Winkel einer überkommenen Arbeitsteilung herauszuholen und unserer Verantwortung füreinander gerecht zu werden.

Das Neutralitätsgebot wird seiner Aufgabe nicht mehr gerecht. Nicht nur der einzelne Bürger, sondern die Gemeinschaft, wir alle müssen artikulieren, welche ethischen Grundwerte den Kindern Halt geben sollen. Denn wenn wir es nicht tun, tun es andere.

Unsere Demokratie ist reif dafür. Und wir - sowieso.

Martin Rieke (Gaby Zimmermann)Martin Rieke (Gaby Zimmermann)Martin Rieke, Jahrgang 1971, ist selbständiger Rechtsanwalt, Dozent und Coach in Hamburg. Er berät gemeinnützige Stiftungen und betreibt das Blog: gg2-akademie.de. Zum Thema ist vor kurzem das Essay "Die beseelte Demokratie" erschienen. Studiert hat er an der University of Arizona und der Universität Hamburg.

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