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Kulturinterview / Archiv | Beitrag vom 04.08.2005

Deutsches Kamera-Auge in Hollywood

Zum 70. Geburtstag von Michael Ballhaus

Moderation: Dieter Kassel

Der Kameramann Michael Ballhaus (AP)
Der Kameramann Michael Ballhaus (AP)

Der Star-Kameramann Michael Ballhaus sieht in Asien "eine sehr blühende und erfolgreiche Filmkultur" heraufziehen, deren Bildsprache anders sei als die westliche. Deshalb würde er auch gerne einmal mit dem chinesischen Regisseur Wong Kar-Wai arbeiten. An seinem 70.Geburtstag am Freitag dreht Ballhaus mit Martin Scorsese.

Dieter Kassel: Wie ist das an einem solchen Tag, wenn Sie wissen: in ungefähr einer halben Stunde geht es los zu einem Drehtag? Sind Sie eigentlich noch nervös oder ist das ein ganz normaler Arbeitstag für Sie?

Michael Ballhaus: Das ist an sich ein ganz normaler Arbeitstag. Ich bin nicht nervös, wir sind nur ein bisschen gespannt, denn wir drehen heute draußen, heute wird es 95 Grad Fahrenheit, also deutlich über 30 Grad Celsius haben und eine Luftfeuchtigkeit von 90 Prozent und wir sind den ganzen Tag draußen und dann kann man sich vorstellen, dass man sich nicht so sehr freut darüber. Also, ein sehr heißer Tag und ein sehr wilder mit sehr vielen Einstellungen.

Kassel: Welchen Film drehen Sie eigentlich? Es ist wieder eine Zusammenarbeit mit Martin Scorsese.

Ballhaus: Ja, es ist mein siebter Film mit ihm, er heißt "The Departed". Wir haben eine wunderbare Besetzung mit Leonardo DiCaprio, Matt Damon und Jack Nicholson und man kann sich ja nun nicht vorstellen, dass es irgendetwas Besseres gibt in Hollywood als diese Besetzung.

Kassel: Können Sie die Handlung schon verraten?

Ballhaus: Ja, es ist ein Remake eines Films, der 1995 in Hongkong gedreht worden ist, der heißt "Infernal Affairs". Dieser Film war sehr erfolgreich in Asien, hat auch da diese asiatischen Oscars bekommen und das ist ein Remake, eine Übersetzung nach Amerika, der Film spielt bei uns in Boston, wird auch da gedreht zum Teil. Es ist eigentlich die Geschichte zweier Polizisten, der eine ist sozusagen the good cop, der gute Polizist, wird überzeugt von seinem Boss, dass er als Undercover in die Mafia geht und der andere, the bad cop, der böse Polizist, arbeitet heimlich für die Mafia. Jedenfalls eine sehr spannende und unglaublich gute Geschichte.

Kassel: Da es sich um ein Remake handelt, unterstelle ich mal, dass auch für Sie in einem Punkt die Vorbereitung etwas anders war als üblich. Ich denke, üblicherweise lesen Sie zunächst mal ein Drehbuch und erfahren, wer der Regisseur ist und beschließen dann, will ich den Film machen oder nicht. Was war denn diesmal das erste: Das Drehbuch des Remakes zu lesen oder wirklich den Originalfilm zu sehen?

Ballhaus: Ich habe den Originalfilm als erstes gesehen. Den habe ich öfters gesehen, weil es ein sehr interessanter und spannender Film ist. Unser Film ist ganz anders, denn er ist sehr viel mehr von den Charakteren bestimmt, sie sind viel stärker ausgearbeitet. Der chinesische Film ist ein Actionfilm, sehr schnell. Bei uns sind die Charaktere stärker.

Kassel: Ich weiß, dass - habe einige auch in Deutschland gesehen - immer mehr chinesische Filme, ob nun aus Hongkong oder anderen Teilen Chinas, ins Kino kommen. Ist denn das, so weit Sie das überhaupt beurteilen können, eine Filmszene, die sich wirklich entwickelt und die es langsam mit Europa und vielleicht sogar Hollywood aufnehmen kann?

Ballhaus: Das glaube ich mehr und mehr. Da sind sehr gute Filmemacher im asiatischen Raum, in Japan, China, Hongkong. Das ist eine sehr blühende und erfolgreiche Filmkultur in Asien und mehr und mehr sieht man ja auch, dass asiatische Regisseure in Amerika oder Hollywood auch Regie führen.

Kassel: Gibt es da auch eine eigene Kamerakultur, also eine director of photography-Kultur, würden Sie anhand der Bilder sagen können, das ist jetzt eher ein asiatischer Film?

Ballhaus: Man kann das doch sagen, ja. Es ist doch eine andere Sprache, Bildsprache, sie ist vielleicht sehr viel schneller, auch verschlüsselter und hat natürlich sehr viele Dinge, die für uns so gar nicht genau nachzuvollziehen sind, die sehr mit der Bildsprache, der Sprache überhaupt zu tun haben, und was da an Feinheiten drin ist, kapieren wohl mehr die Menschen, für die es gemacht ist.

Kassel: Nun arbeiten Sie seit langer Zeit überwiegend in Hollywood, man sagt immer in Hollywood, da drehen Sie heute zum Beispiel nicht, aber das ist ja immer der Ursprungsort dieser Filme. Sie sind auch sehr viel in Deutschland, waren neulich erst in der Jury des deutschen Filmpreises, unterrichten hier zum Teil, sind in vielen Orten der Welt. Sie kriegen die Lage in Asien mit, es gibt inzwischen auch Filme aus Südamerika, die zumindest in Europa warten. Ist das jetzt wirklich eine richtige Globalisierung, ist die Dominanz von Hollywood vorbei oder sind das alles nur Randerscheinungen?

Ballhaus: Ich glaube nicht, dass die Dominanz von Hollywood vorbei ist, denn es gibt immer noch die großen Hollywoodfilme, die international auf der ganzen Welt gezeigt werden. Aber ich kann mir vorstellen, dass die Dominanz von Hollywood vielleicht ein bisschen zurücktreten wird, weil eben sehr viel interessante Geschichten auch aus anderen Ländern kommen, und ich glaube zum Beispiel auch, dass der deutsche Film davon profitieren wird. Es sind sehr viele Remakes, Wiederholungen von Serien und irgendwann kann ich mir vorstellen, dass man sagt, eine deutsche Geschichte ist vielleicht interessanter, hat mehr mit uns zu tun, ist näher dran an dem, was uns interessiert. Trotzdem gibt es die großen Blockbuster, die immer noch sehr erfolgreich über die ganze Welt sind.

Kassel: Haben Sie bei den vielen deutschen Filmen, die Sie auch für den Filmpreis sehen mussten, beim ein oder anderen Mal das Gefühl gehabt, das könnte in Amerika nicht in der Originalversion vermutlich, aber als Remake laufen?

Ballhaus: Das könnte ich mir vorstellen, ja. Ein Film wie "Alles auf Zucker" ist sicher einer, von dem es eines Tages mal vielleicht ein Remake in Amerika geben wird, das kann ich mir vorstellen.

Kassel: Man hat ja wegen dieses deutschen Wortes Kameramann immer diese simple Vorstellung, Sie setzen sich hinter die Kamera und schauen acht Stunden in ein Objektiv. Sieht Ihre Arbeit tatsächlich so aus?

Ballhaus: Nein, nein. ich habe ein Team von zwei hervorragenden Operators, die nennt man Schwenker in Deutschland, ein großes Team von Technikern. Ich sitze nicht hinter der Kamera, ich richte die Bilder ein oder sage meinen Kamerakollegen, was ich genau haben möchte, die Fahrten oder die Einstellungen und Brennweiten und diese Sachen und dann sitze ich mit dem Regisseur an einem Monitor in einem Zelt, das hoffentlich heute ein bisschen gekühlt ist und dann schauen Scorsese und ich uns das an und besprechen dann die Änderungen, was gut und schlecht ist. Aber direkt hinter der Kamera bin ich nur noch ganz selten.

Kassel: Wie genau ist das denn vorher durchgeplant? Nehmen wir den heutigen Drehtag, es geht sicherlich etwas schief, denn wenn nichts schiefginge, könnten Sie jetzt schon sagen, um 10.27 Uhr passiert das, um 14.05 Uhr ist Pause, um 14.40 Uhr ist die Einstellung; oder kommen Sie jetzt ans Zelt und werden dann erstmal besprechen, was gemacht wird?

Ballhaus: Nein, es ist alles besprochen, was gemacht wird. Es gibt eine shot list, wir haben heute etwa 17 Einstellungen zu drehen. Wir kennen die Einstellungen, wissen auch die Reihenfolge, in der es gedreht wird. Das ist alles geklärt, wir wissen noch nicht ganz genau, wie es mit dem Wetter werden wird, ob es so bleibt, ob es bewölkt wird oder vielleicht ein Gewitter gibt. Damit muss man natürlich dann rechnen. Nein, es ist genau alles vorgeplant.

Kassel: Sie haben schon ein paar Leute erwähnt, die da mitmachen, natürlich in allererster Linie der Regisseur Martin Scorsese, Sie haben erwähnt Jack Nicholson ist dabei, da denken wir in Deutschland sofort an Ihren letzten großen erfolgreichen Film "Was das Herz begehrt", da war Nicholson einer der beiden Stars, andere haben Sie erwähnt, die Sie zum großen Teil von früheren Dreharbeiten kennen. Wenn die jetzt auch noch alle auf einmal auftreten, ist das dann so eine Art Familientreffen, hat das auch etwas Gemütliches?

Ballhaus: Gemütlich würde ich nicht sagen, es hat etwas sehr Angenehmes und Schönes, weil man sich natürlich auch kennt und mag, speziell Leonardo DiCaprio, wir sind also, kann ich sagen, befreundet. Das macht natürlich Spaß, wenn man dann wieder zusammen arbeitet, das ist etwas anderes, als wenn man jemanden neu kennerlernt. Ich habe mit allen drei Schauspielern gearbeitet, mit Matt Damon habe ich den Film "The Legend of Bagger Vance" gemacht, mit Leonardo "Gangs of New York" und den Film mit Jack Nicholson haben Sie ja schon erwähnt. Es macht Freude, wenn man sich schon kennt, wenn man zusammen gearbeitet hat.

Kassel: Sie haben eine Bitte gehabt, bevor wir miteinander reden konnten und sie lautete: führen Sie mit mir kein Geburtstagsinterview. Das ist eine der Gründe, weshalb wir das Interview auch schon jetzt führen, Geburtstag haben Sie am Freitag, Sie sind mitten in den Dreharbeiten, ich gehe davon aus, Sie arbeiten, aber ganz generell: sind Sie denn ein Geburtstagsmuffel?

Ballhaus: Nein, das bin ich gar nicht, wir werden am Samstag auch schön feiern, natürlich nicht am Freitag, weil wir da noch arbeiten. Nein, wir werden ein schönes Fest haben und es wird sicher eine schöne Feier mit vielen lieben Freunden.

Kassel: Sie werden 70 am Freitag, am Samstag werden Sie das feiern, haben von Fassbinder in Deutschland über viele andere Sachen bis zu Hollywoodproduktionen, von anspruchsvollen Filmen über Action, ich denke an "Air Force One", unglaublich viel gedreht. Ist denn noch eine Art von Film übrig, wo Sie sagen: da war ich noch nie an der Kamera und diese Art von Film möchte ich unbedingt noch machen?

Ballhaus: Nicht unbedingt. Es gibt immer noch schöne und interessante Projekte durch die Regisseure und auch die Stoffe, aber ich könnte Ihnen jetzt nicht sagen, das ist ein Stoff, den ich gerne noch machen würde, oder das ist ein Regisseur, mit dem ich gerne noch arbeiten würde. Ja, gut, bei Regisseuren könnte ich sagen, wenn Wong Kar-Wai mir einen Stoff anbieten würde, wäre das vielleicht ganz interessant, denn ich finde seine Art, Filme zu machen, sehr spannend und das ist dann eine Welt, die ich noch nicht kenne. Das wäre eine Herausforderung. Aber sonst habe ich so eine Menge wunderbarer Regisseure kennengelernt und mit denen gearbeitet und bin da eigentlich sehr zufrieden.

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