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Studio 9 | Beitrag vom 15.09.2015

Deutsches Historisches Institut in Moskau Dienstleister und Mittler zwischen zwei Welten

Von Thorsten Jabs

Vor zehn Jahren: Der russische Bildungsminister Andrej Fursenko, Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn und Institutsdirektor Professor Bernd Bonwetsch eröffnen das Deutsche Historische Institut. (picture alliance / dpa / Stefan Voss)
Vor zehn Jahren: Der russische Bildungsminister Andrej Fursenko, Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn und Institutsdirektor Professor Bernd Bonwetsch eröffnen das Deutsche Historische Institut. (picture alliance / dpa / Stefan Voss)

Das Deutsche Historische Institut in Moskau bangte zuletzt um seine Existenz. Nun feiert es sein zehnjähriges Jubiläum und blickt optimistisch in die Zukunft. Derzeit werden viele Aktenbestände digitalisiert, damit Forscher am heimischen Schreibtisch russische Archive nutzen können.

Provisorisch wirken die Büros des Deutschen Historischen Instituts in Moskau schon auf den ersten Blick – im deutschen Dorf umgeben von Zäunen stapeln sich in zwei Wohnungen Akten und Kisten. Schwierige Monate liegen hinter den 17 Mitarbeitern. Doch zum zehnjährigen Jubiläum strahlt die stellvertretende Leiterin Sandra Dahlke, wenn sie über die Zukunft spricht:

"Bis vor drei Wochen wussten wir noch nicht so richtig, ob es der Auftakt für etwas Neues wird oder unsere Abschiedsparty hier. Aber Gott sei Dank können wir jetzt optimistisch gestimmt sein und uns um geeignete Räume und die Zukunft des Instituts kümmern."

Dank der Hilfe beider Außenministerien sei man jetzt wie ein kommerzielles Unternehmen bei der Steuerbehörde registriert – zunächst unbefristet, so Sandra Dahlke. Die Alternative, wäre eine Akkreditierung als NGO beim Justizministerium gewesen – nicht denkbar für das aus Bundesmitteln finanzierte Institut. Auch in neuen Büros wird es zu den Hauptaufgaben gehören, Stipendiaten zu betreuen – mehr als 30 sind es allein in diesem Jahr.

Daneben sei die Dienstleisterfunktion wichtig, erklärt der wissenschaftliche Mitarbeiter Matthias Uhl:

"Wie bemühen uns, umfangreiche Aktenbestände beispielsweise für die Forschung neu zugänglich zu machen, dass man einfach vom Schreibtisch aus nach Russland quasi virtuell gehen kann und dort diese Aktenbestände einsehen kann."

"Die Wehrmachtsakten werden jetzt schrittweise digitalisiert"

Ein großes Digitalisierungsprojekt beschäftigt sich mit europäischen Gesandten am russischen Hof im 17. Jahrhundert, ein anderes mit dem Adel in der russischen Provinz im 18. Jahrhundert. Matthias Uhl ist an einem Projekt beteiligt, das seit 2014 läuft – bereits im Frühjahr wurden erste Dokumente online zur Verfügung gestellt:

"Das sind also deutsche Wehrmachtsakten, die während des Krieges oder kurz nach dem Krieg in die Sowjetunion geschafft wurden. Dann lagen sie über 70 Jahre in Podolsk, waren nicht zugänglich oder nur für einen ganz ganz ausgewählten Kreis. Und jetzt ist es in Zusammenarbeit mit der Russischen Historischen Gesellschaft und dem Archiv des Verteidigungsministeriums gelungen, Zugang zu diesen Akten zu bekommen. Und die werden jetzt schrittweise digitalisiert. Und dann werden am Ende des Projektes mehr als 28.000 Akten zugänglich sein."

Für Matthias Uhl ist es außerdem wichtig, deutsche Wissenschaftler bei Archivarbeiten in Russland zu begleiten, weil zwei bürokratische Welten aufeinanderprallen würden. Seit der Ukraine-Krise stehen sich aber auch politisch zwei Welten gegenüber. In einem Forschungsschwerpunkt beschäftigt sich das Institut mit "Herrschaft, Krieg, Gewalt".

Uhls Kollege Denis Sdvižkov, Experte für das 19. Jahrhundert, hofft, dass ein Blick in die Geschichte dabei hilft, die aktuellen Probleme zwischen dem Westen und Russland besser zu verstehen:

"Dabei können die Historiker durchaus helfen, um es nicht zu sehr zu politisieren sondern einfach zeigen, dass die gleichen oder die ähnlichen Fragen schon mal irgendwann im 19. Jahrhundert oder Anfang des 20. Jahrhunderts mehrfach diskutiert worden waren und dass man vielleicht aus diesen Diskussionen auch Schlüsse ziehen kann oder muss."

Plattform für deutsche und russische Historiker

In der täglichen Arbeit sehen die drei Wissenschaftler kaum Probleme zwischen deutschen und russischen Historikern – diese gebe es eher auf anderen Ebenen, sagt Sandra Dahlke. Zum Beispiel habe man bei Stipendienprogrammen Spannungen zwischen ukrainischen und russischen Kollegen erlebt. Und es gebe inzwischen deutsche Historiker, die sich weigerten, nach Russland zu kommen.

"Diese deutschen Kollegen, die nicht mehr nach Russland kommen möchten, sind aber meistens Kollegen, die keine Experten für Osteuropa sind, sondern die sich vor allem mit der deutschen Geschichte beschäftigen und die vielleicht manchmal auch kein ganz angemessenes Bild auch von der russischen Geschichtswissenschaft und von dieser Vielfältigkeit der russischen Geschichtswissenschaft haben."

Mit dieser Vielfältigkeit wird sich das Deutsche Historische Institut in Moskau auch künftig beschäftigen – schließlich scheinen viele Schwierigkeiten vorerst überstanden. Man hofft, eine wichtige Plattform für deutsche und russische Historiker zu bleiben – und eine Anlaufstelle für junge Wissenschaftler.

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