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Zeitreisen / Archiv | Beitrag vom 15.09.2010

Deutsche Gesänge

Die Geschichte der Hymne der DDR

Von Claus Stephan Rehfeld

Am Anfang war die DDR-Hymne äußerst populär, später wurde der Text einfach verschwiegen, forderte er doch die Einheit Deutschlands. (AP Archiv)
Am Anfang war die DDR-Hymne äußerst populär, später wurde der Text einfach verschwiegen, forderte er doch die Einheit Deutschlands. (AP Archiv)

Die Hymne der DDR entstand in nur knapp vier Wochen und wurde vom Parlament beschlossen. Dennoch erlangte sie nie Gesetzeskraft. Der Text der Hymne wurde nie verboten, aber offiziell fast 20 Jahre lang nicht gesungen. Die vierte Zeile der ersten Strophe wurde ein Ruf der Wende.

Vorspiel

"Kampf um die Einheit Deutschlands, gleichbedeutend mit dem Kampf um die Demokratisierung Deutschlands. Gegen die Illusion, dass eine Ausnutzung der Gegensätze zwischen Ost und West Deutschland zum Nutzen sein könnte. Alle Gegensätze werden auf unserem Rücken ausgetragen."

Johannes R. Becher, 10. Januar 1950, acht Monate nach der Gründung der BRD, drei Monate nach der Gründung der DDR.

Kapitel 1: Erste Aufführung

Berlin Ost. 07. November 1949. Deutsche Staatsoper

"Die Solistenvereinigung des Berliner Rundfunks unter Leitung von Nationalpreisträger Helmut Koch wird die Hymne heute hier zum ersten Mal vortragen."

Fast vier Wochen ist es her, da kann Wilhelm Pieck in der Nacht vom 09. auf den 10. Oktober "vor neuralgischen Schmerzen nicht schlafen". Er macht sich Gedanken über eine "Hymne der Republik" und schreibt dem Dichter Johannes R. Becher einen Brief.

"Der Refrain sollte die Einheit Deutschlands zum Inhalt haben", notiert Pieck darin - drei Tage nach der Gründung der DDR, einen Tag vor seiner Wahl zum ersten Staatspräsidenten der Deutschen Demokratischen Republik. Einige Tage zuvor hatten Abgeordnete im Bonner Bundestag die Einführung aller drei Strophen des "Deutschlandliedes" als Hymne der BRD gefordert. Den Gesang des Textes haben die Alliierten in Deutschland verboten. Die DDR geht einen neuen Weg.

Festveranstaltung 07.11.49: "Es herrscht erwartungsvolles Schweigen in der ganzen Runde. Soeben kommen die letzten Minister noch von der Bühne herunter. Und da öffnet sich der Vorhang."

Auf den Brief von Pieck reagiert Becher wie elektrisiert. Die Einheit Deutschlands ist sein Thema. "Auferstehung" aus dem Ruinenmeer, aus selbstverschuldeter Unmündigkeit.

Becher 1945: "Eine Auferstehungsphilosophie, eine deutsche Erneuerungslehre, eine Aufbauideologie tut Not, um unser Volk aus dem tiefsten Grab seiner Geschichte heraus zu führen. Zu einem solchen Anderswerden, zu solch einer Wandlung, zu solch einem Reformationswerk rufen wir auf."

Ende Oktober trifft Becher, der Moskauer Emigrant, den Komponisten Hanns Eisler, den USA-Emigranten, im Hotel "Bristol" in Warschau.

Eisler: "Und Becher gab mir ein Gedicht ( ... ) und schlug mir vor, ob ich nicht dazu eine Melodie komponieren könnte. Er sagte mir, er hätte es auch anderen Komponisten gegeben. Nun, am Nachmittag fuhren wir dann beide zum Geburtshaus von Chopin. Ich hatte inzwischen eine Melodie gefunden. Und auf dem alten Flügel Chopins spielte ich ihm die Nationalhymne vor. Er war sehr erstaunt, dass das so rasch ging, und sagte: Ja, das müssen wir uns aber in Berlin noch überlegen."

In Berlin geht alles sehr schnell. Am 4. November erstes Vorspiel der Komponisten Gerster und Eisler mit Chören beim Kulturbund, am 5. erneutes Vorspiel, diesmal mit zwei Sängern und vor dem Politbüro der SED. Eisler setzt sich gegen Gerster durch. Gleich am Nachmittag stimmt der Ministerrat der Becher/Eisler-Fassung zu. Am 06. gehen Text und Partitur an den Chor des Berliner Rundfunks. Musiker und Sänger haben wenig Zeit, schon am nächsten Tag soll die Uraufführung stattfinden. Den notwendigen offiziellen Rahmen gibt die Festveranstaltung zum 32. Jahrestag der Oktoberrevolution her.

"Auferstanden aus Ruinen
und der Zukunft zugewandt,
lass uns dir zum Guten dienen,
Deutschland, einig Vaterland."

Das Publikum im Saal ist begeistert. Die Hymne wird drei mal gespielt, von Handzetteln singen die Anwesenden den Text mit.

Lothar de Maiziere: "Und dieser Beginn mit 'Auferstanden aus Ruinen', das entsprach ja der Grundstimmung damals in Deutschland. Sozusagen: Wir stehen vor dem Scherbenhaufen des Landes. Und es war ein tiefes Bewusstsein davon, dass dieser Scherbenhaufen nicht fremd-, sondern eigenverschuldet war."

Lothar de Maiziere, letzter Ministerpräsident der DDR.

"In dem Fortlauf des Programms tritt nun eine kurze Pause ein. Und diese Pause, verehrte Hörerinnen und Hörer, will ich dazu benutzen, Sie zu Hause an den Lautsprechern mit dem Text der Hymne vertraut zu machen."

Kapitel 2: Der Text

Berlin Ost. 10. Oktober bis 07. November 1949: Der Text.

Nur zwei Tage nach dem Brief von Pieck schickt Becher am 12. Oktober einen Textentwurf an den Komponisten Ottmar Gerster in Weimar. Der Titel ist unterstrichen: "Auferstanden". Die erste Strophe beginnt mit "Auferstanden aus Ruinen / Deutschland, unser Heimatland".

Becher ändert ständig den Text, seine Sekretärin muss ihn "alle paar Stunden umschreiben". Frieden, Einheit, Deutschland, eigener Weg, aus eigener Kraft sind die Koordinaten, suchen aber noch ihre Form. Im Hymnenentwurf an Gerster heißt es in der 1. Strophe da:

"Deutschland, Dir zum allerbesten,
Wollen dienen wir vereint.
Hier im Osten - dort im Westen
Dass die Sonne, dass die Sonne
über Deutschland scheint."


Dwars : "Das heißt, da sanktioniert man beinahe mit der Hymne, dass es zwei Teile gibt. Und das sind sozusagen die Brüder, die miteinander streiten, wer das Beste für das Deutsche tut. Und in der nächsten Fassung sagt er: Nein, 'Deutschland einig Vaterland' - es gibt nicht zwei, nicht Ost und West. Also das wird sozusagen eingeschrieben, eigentlich im Grunde die Hymne als ein Auftrag."

Schrittweise nähert Becher sich dem prägnanten "Deutschland, einig Vaterland". In einem anderen Entwurf, ebenfalls "Auferstanden" überschriebenen, steht in der 4. Zeile zunächst "Deutschland unser Vaterland."

In der "Entwurf zu einer Nationalhymne" betitelten Fassung heißt es dann in der 4. Zeile "Deutschland, du mein Vaterland". Später setzt Becher zwischen Deutschland und Vaterland "einig".

Offenbar in Warschau übergab Becher dem Komponisten Eisler den Entwurf, in dem "Deutschland, einig Vaterland" steht.

In der Hymnenfassung, die Eisler am 07. November zu Papier bringt, steht statt "einig Vaterland" plötzlich "Deutschland heilig Vaterland". Ein Flüchtigkeitsfehler? Eine Laune Eislers? Eine Absprache zwischen Becher und Eisler? Für Becher und Eisler ist einiges "heilig".

Dwars: "Spannend ist eben bei Becher wirklich, wenn man schaut, was nicht drin steht."

Zum Beispiel nicht sowjetische Befreier, Sozialismus als Ziel, Völkerfreundschaft ... Jens-Fietje Dwars, Becher-Biograph:

"... all das steht nicht drin, sondern ausdrücklich eigentlich 'der eigenen Kraft' vertrauend - also der eigene Weg, wenn man so will, zum Sozialismus."

Becher ist als Poet und Kulturpolitiker in die Auseinandersetzungen eingebunden. Die großen Säuberungen haben begonnen, politische Winter und Frühlinge wechseln schnell ab.

Dwars: "Aber es steht ja drin 'und der eigenen Kraft vertrauend / steigt ein frei Geschlecht empor'. Also 'frei Geschlecht', 'eigene Kraft' - das ist schon enorm. Das ist eigentlich schon ein ungeheurer Affront gegen die Hausmacht Sowjetunion, wenn man es richtig nimmt."

Becher hat "auf andere Art so große Hoffnung". Am 16. Februar 1950 verfasst er im Tagebuch seine "Antwort an diejenigen, denen die 'Nationalhymne' nicht revolutionär genug ist. Wir haben nichts dagegen vermocht" - dass Hitler an die Macht kam, dass Krieg geführt wurde. Nein, "wir mussten uns von den Alliierten befreien lassen". Und von einer "siegreichen Revolution" in ganz Deutschland kann man auch nicht sprechen, aber:

Dwars: "Aber: eine revolutionäre Nationalhymne wollen wir haben, in einer rrevolutionären Musik (mit drei rrr) wollen wir ausleben, was wir - in der Praxis - nicht erreicht haben, rrevolutionäre Phrasen sollen uns über unsere geschichtliche Misere hinwegtäuschen.' Und das ist genau der Gestus, ne."

Kapitel 3: Becher & Deutschland

Johannes R. Becher: "Deutschland, einig Vaterland"

Dwars: "Also dieser Glaube: Deutschland, deutsche Nation, Auferstehung. Und wenn man eine solche furchtbare Katastrophe erlitten hat, kann die nur einen Sinn haben, indem sie Auftrag ist, geradezu religiös sich zu besinnen und umzukehren und wieder neu zu beginnen und anzufangen. Das ist sozusagen zeitlebens in ihm."

Dem deutschen Kriegswahn ist die Aufteilung durch die Alliierten gefolgt. Die Teilung wird zur Spaltung: Erst die Gründung der BRD, dann die Gründung der DDR.

"Für ihn ist auch die DDR ein Provisorium. Und er weiß es. Zur Gründung der DDR ist er gar nicht da in Berlin, ist er gerade in München. Süddeutschland ist überhaupt sein eigentlicher Bezugspunkt, dort möchte er wieder leben, zumindest die Sommer verbringen in Bad Urach, wie er es in den 20er Jahren getan hat. Also diese Einheit Deutschlands - für ihn als Bajuware völlig klar."

Im Westen des Landes wird Becher als "SED-Troubadour" stigmatisiert, Eisler wird nicht gespielt, erhält faktisch Berufsverbot. Im Osten wird Becher als Poet und Kulturminister dann zwischen die Fronten geraten. "Deutschland, einig Vaterland"

Dwars: "Der Teil-Staat erhält den Auftrag, ein Ganzes zu werden. Kann man jetzt auch natürlich wieder parteikonform lesen und sagen, also der Osten soll in den Westen wandern. Aber real dann 1951, mit der Stalin-Note, ist Becher sofort bereit zu sagen, wir geben das Experiment auf, um natürlich das größere Experiment zu wagen und in diesem Gesamt-Deutschland zu wirken. Und nur dort müssen wir beweisen, ob wir wirklich Kraft, Programm und Ideen haben, denn alles andere ist nur ein Beharren und ist nur eine Behauptung, die selber sich nicht tragen kann."

Jens-Fietje Dwars, Becher-Biograph.

"Bis zuletzt war für ihn undenkbar ohne die deutsche Einheit, überhaupt dieses sozialistische Experiment oder wie auch immer man es nennen will, dass es lebensfähig ist. So als ein Seperatum - unmöglich!"

Als Becher die Hymne zu Papier bringt, da ist die Verfassung der DDR gerade ein paar Tage alt. In Artikel 1 heißt es: "Deutschland ist eine unteilbare demokratische Republik. Sie baut sich auf den deutschen Ländern auf. ( ... ) Es gibt nur eine Staatsangehörigkeit."

Kapitel 4: Zeit der Textlosigkeit

Leipzig. 01. März 1974: Uraufführung im Kabarett der Pfeffermühle.

Rainer Otto: "Das ist der komplette Text von dem 'Unserer Hymne fehlt heute der Text'."

Rainer Otto, Autor dieser Zeilen. Der Titel des Programms: "Vorwärts und nichts vergessen".

Rainer Otto: "Ja also das hieß: 'Und überall wurden da Lieder gesungen / vom Morgen, der täglich neu uns erwächst. / Heut leiden wir alle an hinkenden Zungen. / Und unserer Hymne fehlt heute der Text'."

Das Buch mit dem Kabarett-Text erscheint in drei Auflagen, das Programm der Pfeffermühle geht über 300 Mal über die Bühne. Über 300 Mal der Hinweis auf die "hinkende Zunge". Das Publikum applaudiert.

"Na ja, weil das so eine Wahrheit war, die eigentlich nicht ausgesprochen werden sollte. Es wurde ja auch nie offiziell gesagt, der Text darf nicht mehr gesungen werden. Oder: Ab heute spielen wir das nur noch ohne Text oder was. Von einem Tag auf den anderen gab es keinen Text mehr.""

Lothar de Maiziere: "Und ich muss auch noch heute sagen, der Text der ersten Strophe 'Deutschland, einig Vaterland', diesen Gedanken der Einheit Deutschlands hat ja die DDR erst in den 60er Jahren letztendlich mit der 68er Verfassung, mit der neuen Verfassung aufgegeben. Bis dahin war es ja noch eine Art Verfassungsauftrag."

Lothar de Maiziere, letzter Ministerpräsident der DDR.

Amos: "Ja also ich denke, dass es ab Ende der 60er Jahre ein Umdenken in Teilen der SED-Führung, die besonders mit dem Namen Erich Honecker jetzt verbunden ist, stattgefunden hat, dass man diese Vorstellung, die Einheit Deutschlands in absehbarer Zeit irgendwie zu erreichen, dass man die ad acta gelegt hat. Und sich jetzt ganz darauf konzentriert hatte, einen eigenen deutschen Staat aufzubauen. Und das auch nach innen besonders zu legitimieren."

Die BRD wird für die DDR zum kapitalistischen Ausland. Die Forderung nach Anerkennung bei gleichzeitiger Möglichkeit einer späteren Wiedervereinigung weicht der Forderung nach Anerkennung von Tatsachen - Aufnahme in die UNO, Ostverträge.

Amos: "Und ich denke, dass es Ende der 60er Jahre anfängt, dann 1971 mit dem Machtwechsel von Ulbricht zu Honecker noch mal ganz deutlich wird. Und im Fall der Hymne, also auch in diesem Zusammenhang '69 bis '72 schleichend, '74 bis '75, es gehört dann auch die Verfassungsänderung noch mal hinein, also '68, wo die Verfassung angenommen wird, wo noch mal gesagt wird 'ein deutscher Staat'. Und 1974 fällt das dann raus."

Am 21. September 1971 streicht das SED-Politbüro das Wort Deutsch aus dem Namen des traditionsreichen "Deutschlandsender". Der meldet sich ab 15. November als "Stimme der DDR" - und ohne Hymnentext.

"Stimme der DDR. Es ist 4 Uhr. "

Nur der Auslandssender RBI sendet weiter den Hymnentext. Am 01. Januar 1987 entfällt dann auch die textlose Hymne im DDR-Rundfunk. Für zwei Jahre.

Rainer Otto: "Ich habe es nicht erlebt, dass irgendwo gesagt wurde: Also ja nicht mitsingen oder so was. Ich hab es nicht erlebt."

Amos: "Also ich habe sämtliche Politbüro-Protokolle, Sekretariats-Protokolle, die Nachlässe Ulbricht, das, was vom Büro Honecker zugänglich ist, Albert Norden, der der Ideologiechef gewesen ist, Kurt Hager, also alles, was so in dem Umfeld Politbüro und politisch Verantwortliche, da habe ich nichts Schriftliches gefunden."

Doktor Heike Amos, Historikerin. Ein förmlicher Beschluss der SED-Führung über das Nichtsingen des Hymnentextes ist bis heute nicht aufgetaucht. Gibt es wirklich keinen? Oder wurde die Absetzung des Hymnentextes von oberster Stelle direkt per Anweisung geregelt? Wenn ja, weshalb?

Rainer Otto: "Nun hätte man die Zeile ändern können, da hätte es Riesendiskussionen gegeben. Man hätte einen neuen Text machen ... Soweit ich weiß, gab es den Gedanken, einen neuen Text machen zu lassen oder eine neue Hymne. Aber da wäre natürlich wieder die Diskussion losgegangen: Warum denn die alte nicht mehr? Also hat man's einfach gelassen."

Amos: "Ja, man hätte aufrufen können, dazu irgendwie Stellung zu nehmen, aber man scheute die damit ausbrechende Diskussionen. Ja man wählte lieber den Weg gar nichts zu sagen, des Stillschweigens, des Ausblendens."

Am 13. Mai 1988 erhält der West-Berliner Dietmar Püschel ein Antwortschreiben vom Staatsrat der DDR. Vier Zeilen, kein Aktenzeichenvermerk.

"Sehr geehrter Herr Püschel!
Auf Ihr an den Vorsitzenden des Staatesrates der Deutschen Demokratischen Republik gerichtete Schreiben vom 04. Mai teilen wir Ihnen mit, dass das von Ihnen unterbreitete Vorhaben nicht unsere Unterstützung und Zustimmung findet."


Der West-Berliner hatte Honecker eine Muster-Schallplatte mit einem Hymnen-Mix-Vorschlag geschickt. Den ersten 4 Zeilen der 1. Strophe der DDR-Hymne ließ er die ersten 4 Zeilen der 3. Strophe der BRD-Hymne folgen. Und: Statt "Hymne" setzte Püschel die Bezeichnung "DDBR" über den Text - Deutsche Demokratische Bundesrepublik.

Kapitel 5: Die Wiedereinführung

Berlin Ost. 29. November 1989
Vorlage bei Ministerpräsident Modrow

Keller: "Je älter man wurde, desto mehr hat man ja danach gefragt. Und es ist ja kein Zufall, dass eine meiner ersten Reaktionen, 1989 in Verantwortung gekommen, gewesen ist, den Antrag zu stellen, dass sie wieder gesungen wird."

Dietmar Keller ist den 11. Tag Kulturminister in der Modrow-Regierung. Eine Reaktion der anderen Minister in der Regierung Modrow auf die Vorlage bleibt aus.

"Nein, es erschien ja gar nicht in der Tagesordnung! Das heißt, die anderen Kollegen des Ministerrats wussten ja gar nicht, dass so eine Vorlage eingereicht worden ist."

Die Vorlage liegt Modrow seit dem 29. November auf dem Tisch. Keine Reaktion.

"Fakt ist, dass ich mit dieser Vorlage in ein Wespennest gestochen habe! Zunächst mal hat sie 14 Tage im Büro bei Modrow gelegen. Als ich dann nachgefragt habe, wurde mir mitgeteilt, diese Vorlage kann im Ministerrat nicht behandelt werden, da der Ministerrat die Entscheidung getroffen hat, dass es keine Einflussnahme auf die Generalintendanz von Rundfunk und Fernsehen geben kann."

Für Kulturminister Keller "eine wunderbare diplomatische Antwort".

"Nein, mich hat auch nicht Modrow informiert, mich hat Harri Möbius, Staatssekretär im Amt des Ministerpräsidenten, informiert, dass die Vorlage nicht behandelt wird."

Reagierte Keller mit seiner Hymnentext-Vorlage auf Nachrichten aus Leipzig? Dort ist auf Schildern die 4. Zeile des ungesungenen Textes aufgetaucht. Ende November dann Sprechchöre.

"Deutschland, einig Vaterland."

"Das hat bei mir keine Rolle gespielt!"

Am 29. November trifft sich Keller mit Künstlern, die seit Jahren nicht mehr im Kulturministerium gewesen sind. Stefan Heym, Christa Wolf, Stefan Hermlin und andere prominente Intellektuelle.

"Und dort bin ich etwas in Zugzwang gekommen. Dort kam die Forderung nach Einreise von Biermann. Das stand bei mir noch nicht auf dem Programm, das stand bei mir erst in 14 Tagen etwa auf meinem Programm. Ich wollte erst eine Reihe anderer Sachen abarbeiten."

Am 1. Dezember 1989 wird Biermann, der ausgebürgerte Liedermacher, mit Keller sprechen und eine internationale Pressekonferenz geben.

"Aber bevor ich den Biermann eingeladen habe, habe ich noch die Vorlage ausgearbeitet, weil ich nicht wollte, dass irgend einer sagt, mir sagt: Der Biermann hat den so bequatscht in dem Gespräch, dass er anschließend diese Vorlage einreicht."

Es werde keine Entscheidung eines staatlichen Organs zur Hymne geben, hieß es aus dem Büro Modrow. Aber es gibt sie doch, später.

4. Januar 1990. Im Protokoll der 8. Sitzung des Ministerrates ist unter Punkt 21 "Staatshymne der DDR" vermerkt. "Berichterstatter: Minister für Kultur", Dietmar Keller. Die von Ministerpräsident Modrow geleitete Runde nimmt "die Vorlage ( ... ) zur Kenntnis" und beschließt: "Rundfunk und Fernsehen sind zu informieren, dass zum Sendeschluss die Staatshymne der DDR wieder mit dem Text von Johannes R. Becher auszustrahlen ist. ( ... ) Termin: sofort."

Keller ist mit Amtsantritt klar, die Modrow-Regierung ist eine Übergangsregierung. Sie habe nichts weiter zu tun als die Voraussetzungen für einen friedlichen Übergang zu schaffen.

"Und insofern war mir klar, wir müssen ein Zeichen setzen. Und dieses Zeichen wollte ich setzen, indem ich die Vorlage in den Ministerrat eingebracht habe."

Am 08.01.1990 ist die Hymne im DDR-Rundfunk wieder mit Bechers Text zu hören.

Kapitel 6: Verhandlungen mit Ausklang

Berlin Ost, 06. Juli 1990
Beginn der Verhandlungen über den Einigungsvertrag

Lothar de Maiziere: "Das war ein Teil der ersten Verhandlungen zum ersten Einigungsvertrag, wo ich vorgeschlagen habe, dass wir dem Lied der Deutschen, also dem Haydn, die erste Strophe der DDR-Hymne als zweite Strophe beifügen sollten."

Lothar de Maiziere, letzter Ministerpräsident der DDR.

Lothar de Maiziere: "Das wurde natürlich abgelehnt. Aber es war etwas anderes, was mich dazu bewogen hat, dies zu sagen: Ich war der Meinung, wir müssen neben der juristischen Einheitlichkeit und der Währung und der Wirtschaft, wir müssen Dinge tun, symbolische Handlungen, die die Einheit befördern."

Kohl war "empört, als (er) ... davon hörte." Der Vorschlag einer neuen Nationalhymne hat bei den Verhandlungen keine Chance, wird vom Tisch gefegt.

Lothar de Maiziere: "Na ja, das Hauptargument hieß Artikel 23, heißt Beitritt und nicht Neugründung eines Staates."

Die DDR befindet sich in Auflösung, die BRD ist stabil. Hymne West, Hymne Ost.

Lothar de Maiziere: (singt BRD-Text zur DDR-Musik) "Einigkeit und Recht und Freiheit - das geht auch."

Text West auf Melodie Ost.

Lothar de Maiziere: "Mir waren bestimmte Dinge wie beispielsweise die Funktion von Berlin viel, viel wichtiger. Und es war schon ein großer Kampf, in den Einigungsvertrag zu bekommen, dass es hieß im Artikel 2: Berlin ist Hauptstadt Deutschlands. Und über den Sitz von Parlament und Regierung entscheidet das erste gesamtdeutsche Parlament nach Konstituierung der ostdeutschen Länder."

Ministerpräsident de Maiziere macht noch andere Vorschläge, die unter den Tisch fallen.

Lothar de Maiziere: "Gut, aber das ist Geschichte. Aber ich glaube, dass es dem Prozess gut getan hätte, wenn wir symbolische Handlungen eingebaut hätten, die auch den Altbundesdeutschen klar gemacht hätten, es gibt einen Neuanfang, und zwar nicht nur für die Ostdeutschen, sondern für alle."

Am Nachmittag des 23. August 1990 beantragte de Maiziere eine Sondersitzung der Volkskammer.

"Einziger Tagesordnungspunkt: Bestimmung des Zeitpunkts der deutschen Einheit."

Um 2 Uhr 57 Minuten liegt das Ergebnis der Abstimmung vor: Mehrheit für sofortigen Beitritt.

Als die Nationalhymne der DDR zum letzten Mal in der Volkskammer erklang, so erinnert sich Lothar de Maiziere, geschah es nicht organisiert.

"Das zu singen? Nee, so etwas geschieht spontan. So wie die Bundestags-Abgeordneten am 9. November, als die Mauer gefallen war, plötzlich nachts anfingen, das Deutschlandlied zu singen."

Der Gesang in der Volkskammer hatte einen eigenen Anklang.

Lothar de Maiziere: "Aber es war, ich will nicht sagen, dass es ein geordneter Gesang war, aber die Mehrheit steuerte beim Gesang eben auf 'Deutschland, einig Vaterland' zu. Das war der Hintergrund. Also nicht mehr 'der eigenen Kraft vertrauend'." (lacht)

Nachspiel

Die Hymne der DDR entstand in nur knapp 4 Wochen. Anders als in der BRD das Deutschlandlied, wurde die DDR-Hymne vom Parlament beschlossen. Dennoch erlangte sie nie Gesetzeskraft. Der Text der Hymne wurde nie verboten, aber offiziell fast 20 Jahre lang nicht gesungen. Die vierte Zeile der ersten Strophe wurde ein Ruf der Wende.

Dwars: "Hm. Der meistzitierte Vers. Becher ist der meistzitierte deutsche Autor der Wende gewesen. (lacht) Und das schöne ist ja, dass Becher selbst ein Gedicht geschrieben hat: Er wünscht sich, als unbekanntes Lied ins Volk zu gehen. 'Namenloses Lied' heißt das Gedicht. Ist Wahnsinn. Mal schauen, ob es jetzt hier drin ist. Und das hat sich jetzt erfüllt, ne."(lacht)

Jens-Fietje Dwars, Becher-Biograph.

" ... als namenloses Lied
durchs Volk zu gehen."

Johannes R. Becher, Dichter der Nationalhymne der DDR.

Am 23. November 1995 erklang die DDR-Hymne zum letzten Mal bei einem offiziellen Anlass. Die Kapelle der Polizeiakademie von Porto Alegre spielte sie freudvoll dem Bundespräsidenten auf. Der besuchte gerade die südbrasilianische Stadt. Und ertrug es gelassen.

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