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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 10.04.2013

Der Weg aus dem Elend

Giancarlo De Cataldo: "Der König von Rom", Wien/Bozen: Folio Verlag 2013, 174 Seiten

Der italienische Richter Giancarlo De Cataldo schreibt Kriminalromane.  (dpa/picurealliance/Isabella Bonotto)
Der italienische Richter Giancarlo De Cataldo schreibt Kriminalromane. (dpa/picurealliance/Isabella Bonotto)

Der Vorstadtganove Libano, die Hauptfigur in Giancarlo De Cataldos Krimi "Der König von Rom". will ganz nach oben und geht dafür über Leichen. In De Cataldos Welt sind Politik und Verbrechen untrennbar verquickt.

Italienische Zeitgeschichte als Kriminalromane – das ist das Projekt des römischen Richters und Autors Giancarlo De Cataldo. Seine Romane wie "Romanzo Criminale" oder "Schmutzige Hände" erzählen vom organisierten Verbrechen in Rom, das nicht deckungsgleich mit den üblichen Mafia-Klischees ist. Aufstieg, Fall und Nachwirken der Bande um den kleinen Vorstadtganoven Libano, der sich nach oben mordet und dabei mit allen unerfreulichen Aspekten der italienischen Gesellschaft seit den frühen 1970er Jahren in Berührung kommt, liefern die narrative Struktur.

De Cataldo stellt die Fragen nach der Verquickung von Politik und Verbrechen, nach den inneren Zusammenhängen von Rechts- und Links-Terrorismus, nach der Selbstdemontage des Staates sowie der Macht der Geheimdienste und der Großindustrie.

Die Romane und ihr riesiges Ensemble konzentrieren sich auf ein paar Hauptfiguren, an deren Wohl und Wehe De Cataldo so meisterhaft wie wütend die strukturellen Probleme seines Landes illustriert. "Der König von Rom" geht zurück an den Anfang der Geschichte. In den tristen Vorstädten, für die sich außer Pier Paolo Pasolini kaum jemand interessiert, zwischen den kleinen Tyrannen der Camorra und der Mafia, träumen Jungs ihre Träume von Reichtum, Aufstieg, schönem Leben und Luxus.

Libanos Träume gehen weiter: Er will Macht, er will König von Rom werden, nicht mehr schleimen und kriechen müssen. Weder vor den erbärmlichen Gestalten der "Unterwelt", noch vor den Eliten. Das Verbrechen, der Einsatz von Gewalt und Intelligenz, scheint der Weg aus dem Elend zu sein. Das hört sich nach Klischee an, aber De Cataldos Erzählkunst bekräftigt diesen Mechanismus: Wo Institutionen und gesellschaftliche Strukturen den Menschen gegenüber gleichgültig sind, wo Egoismus und traditionelle Hierarchien Armut und Ungleichheit befördern, weil sie davon profitieren, entsteht Verbrechen, das von Staatsseite wiederum ordnungspolitisch funktionalisiert werden kann.

Der Aufstieg von Libano, der fast macchiavellihaft all diese Konstellationen ausnutzt, ist so gesehen nur logisch und folgerichtig – und kein abgedroschener Topos schlechter Kriminalliteratur. Zwar gäbe es da eine bürgerliche Alternative: Giada, eine junge Frau aus dem linken Milieu (das wie so oft im Italien der 1970er Jahre sehr bürgerlich war), die zunächst von der Outsider-Romantik fasziniert war, bietet ihm am Ende einen Job an, weil sie ihren Frieden mit einer "normalen" Existenz gemacht hat.

Aber da hat sich bei Libano die Romantik des Gangsters schon in pragmatischen Trotz verwandelt: "Die Götter stiegen vom Olymp herab und boten ihm eine Eintrittskarte an. Allerdings durch den Dienstboteneingang. Aber nicht mit mir." Und so beginnen das Morden und das Töten mit voller Wucht.

Das von De Cataldo und Tobias Gohlis gemeinsam verfasste Nachwort und eine Zeittafel helfen, die politischen Geschehnisse jener Zeit einzuordnen. Eine kongeniale 22teilige TV-Serie mit dem Titel "Romanzo Criminale" gibt es auf DVD und ist jede Minute wert.

Besprochen von Thomas Wörtche

Giancarlo De Cataldo: Der König von Rom (Io sono il libanese, 2012)
Roman,
deutsch von Karin Fleischander,
mit einem Nachwort von Giancarlo De Cataldo und Tobias Gohlis,
Wien/Bozen: Folio Verlag 2013,
174 Seiten, Euro 19,90


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