Sonntag, 24. Mai 2015MESZ13:13 Uhr

Buchkritik

Anjelica HustonDie ewige Tochter
Die US-Schauspielerin Anjelica Huston 2008 bei einer Galaveranstaltung der Zeitschrift "Time" (dpa / picture alliance / epa Peter Foley)

Die Schauspielerin Anjelica Huston ist Oscar-Preisträgerin. Bekannt aber ist sie vor allem aus einem Grund: Ihr Vater ist der Regisseur John Huston. Nun blickt sie zurück auf ihr Leben - als Darstellerin und als Tochter. Mehr

Lebensmitteln auf der SpurDie Bionuss aus der Steppe
Ein Biosiegel haben viele Produkte. (picture alliance / dpa / Michael Vogl)

Der Journalist Peter Laufer ist auf Weltreise gegangen hin zu den Quellen unserer Biolebensmittel. Er beschreibt die Lücken der Zertifizierungsstellen und die völlige Vernachlässigung des Kontrollwesens für die Prädikate und Siegel auf den Produkten.Mehr

weitere Beiträge

Literatur

Athen bei NachtWenn sich der Abend senkt
Athen - Akropolis Griechenland (picture alliance / dpa / Andreas Neumeier)

Der Schriftsteller Andreas Schäfer ist fasziniert von der Widersprüchlichkeit Athens. Um ihrem Rätsel näherzukommen, erkundet er auf einem Moped das abendliche und nächtliche Athen.Mehr

weitere Beiträge

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 16.07.2012

Der wahre Entdecker des Nordpols

Simon Schwartz: "Packeis", Avant Verlag, Berlin 2012, 176 Seiten

Laut einer Sage der Inuit hat ein schwarzer Mann den Teufel des Nordens besiegt. Matthew Henson? (AWI)
Laut einer Sage der Inuit hat ein schwarzer Mann den Teufel des Nordens besiegt. Matthew Henson? (AWI)

Nicht der Amerikaner Robert Peary, sondern sein afroamerikanischer Begleiter Matthew Henson hat als erster Mensch den Nordpol erreicht. Dieser Wahrheit geht Simon Schwartz in seinem Comic "Packeins" auf den Grund - klug arrangiert mit nostalgischer Bildsprache.

Simon Schwartz ist einer der interessantesten jüngeren Comicautoren. In seinem Debüt "drüben!" erzählte er von der Ausreise seiner Eltern aus der DDR, mit diesem Buch wurde er 2010 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Sein neues Buch "Packeis" hat ihm nun einen der wichtigsten Preise eingebracht: Es wurde beim Erlanger Comicsalon als bester deutschsprachiger Comic 2012 ausgezeichnet.

Das biographische Erzählen boomt auch bei den Graphic Novels. Simon Schwartz schwimmt mit auf dieser Welle, liefert aber sehr viel mehr als eine schlichte biographische Nacherzählung. "Packeis" verschränkt verschiedene Zeit- und Interpretationsebenen zu einem vielschichtigen Lebensbild von dem Mann, der möglicherweise als Erster den Nordpol erreicht hat. Matthew Henson heißt dieser Mann, ein Afroamerikaner, der 1866 geboren wurde, nur ein Jahr nach dem Verbot der Sklaverei in den USA. In den klassischen Berichten von der Eroberung des Nordpols wird der schwarze Entdecker üblicherweise totgeschwiegen.

Simon Schwartz bindet Matthew Hensons Geschichte ein in die mythische Weltschöpfungserzählung der Inuit. Danach lebt hoch im Norden, am kältesten Punkt der Welt, der Teufel Tahnusuk. Eines Tages erscheint ein schwarzer Mann und besiegt den Teufel auf seinem Terrain, am Nordpol. Mahri Paluk nennen die Inuit diesen Mann - Matthew Henson. Nach Grönland kam er als Begleiter des amerikanischen Offiziers Robert Peary, der seit 1891 versuchte, den Nordpol zu erreichen.

Peary nutzte Matthew Hensons großes Geschick als Schiffszimmermann, Schlittenlenker und Erkunder arktischer Überlebenstechniken, um seine verschiedenen Vorstöße zum Nordpol voranzubringen. Bei seiner - angeblichen - Entdeckung des Nordpols am 9. April 1909 hatte Robert Peary neben vier Inuit nur Matthew Henson bei sich. Da Peary stets Henson voranschickte, um ihm den Weg zu bahnen, müsste Matthew Henson als Erster den Pol erreicht haben.

Den Ruhm als Entdecker des Nordpols hat Peary aber alleine eingeheimst und Matthew Henson konsequent ins Abseits gedrängt. Simon Schwartz schildert auch, wie Henson später als Putzmann seinen Lebensunterhalt verdienen muss, die Leistungen des schwarzen Polarforschers wurden erst lange nach seinem Tod im Jahr 1955 anerkannt.

Die Wahrheit über den Wettlauf zum Nordpol ist kaum zu rekonstruieren, der Comicautor Schwartz stellt deshalb sehr verschiedene Wahrheiten nebeneinander: die Versionen von Matthew Henson, von Robert Peary und von dessen früherem Assistenten Frederick Cook, der schon ein Jahr vor Peary am Pol gewesen sein will. Eine wiederum andere Form der Wahrheit zeigt die mythische Inuit-Erzählung vom Sieg des Matthew Henson über den teuflischen Ort ganz im Norden.

Simon Schwartz hat diesen Stoff ausgesprochen klug arrangiert und in eine einfache, leicht nostalgische Bildersprache gebracht. Seine klaren Zeichnungen in Schwarz-Weiß und einem kühlen Blau ermöglichen einen sehr direkten Zugang zu dem Geschehen an wechselnden Schauplätzen, in amerikanischen Großstädten genauso wie in den arktischen Eiswüsten. Komplexer und rätselhafter wird es, wenn die Masken und Chiffren der Inuit-Mythologie auftauchen. Diese fesselnde Vielschichtigkeit der Stile und Deutungen bildet die ganz eigene Handschrift von Simon Schwartz.

Besprochen von Frank Meyer

Simon Schwartz: Packeis
Avant Verlag, Berlin 2012
176 Seiten, 19,95 Euro