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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 05.01.2013

Der verfluchte Dichter

Vor 550 Jahren wurde François Villon aus Paris verbannt

Von Ulrike Rückert

Zu den Bewunderern Villons zählten so unterschiedliche Künstler wie Klaus Kinski, Bertold Brecht und Claude Debussy.
Zu den Bewunderern Villons zählten so unterschiedliche Künstler wie Klaus Kinski, Bertold Brecht und Claude Debussy. (Stock.XCHNG / Elena Buetler)

Er war ein Dieb, trieb sich mit Huren herum, zettelte Schlägereien an - und wurde Jahrhunderte später zum Kultdichter. Doch das Bild François Villons als romantischer Rebell ist auch der blühenden Fantasie seiner Fans entsprungen und kaum belegt. Heute vor 550 Jahren wurde François Villon aus Paris verbannt.

"Villon - das bin ich."

Kein Poet vor François Villon hatte so selbstbewusst "Ich" gesagt. Das macht ihn zum ersten modernen Dichter an der Schwelle vom Mittelalter zur Neuzeit. Seine Verse sind erhalten, doch er selbst hat nur wenige Spuren hinterlassen - hauptsächlich in Gerichtsakten.

Geboren wurde François Villon wahrscheinlich 1431 in Paris, im selben Jahr, in dem Jeanne d'Arc auf dem Scheiterhaufen brannte. Nordfrankreich war vom jahrzehntelangen Krieg verwüstet und entvölkert, Paris von den Engländern besetzt. Villon war nicht der Name der Eltern, sondern eines Priesters, der den Knaben als Halbwaisen zu sich nahm. Er wuchs im Quartier latin auf, zwischen Studentenunterkünften, Klöstern, Tavernen, Bordellen und den Schlupfwinkeln von Verbrecherbanden.

"Ich habe schon die Schule geschwänzt,
und da begann's mit mir bergab zu gehen."

Villon studierte an der Universität von Paris - man weiß nicht, ob Theologie oder Jurisprudenz -, und vielleicht gab er in den Kneipen schon seine Parodien und Satiren zum besten. Er glitt wohl ab in das Milieu der verkrachten Studenten und stellungslosen Kleriker, die sich mit Diebstählen und Betrügereien über Wasser hielten. Im Juni 1455 erstach er im Streit einen Kumpan und floh aus Paris. Vom König begnadigt, konnte er zurückkommen, aber um Weihnachten 1456 brach er mit vier Komplizen in die Sakristei einer Kirche ein, wo sie fünfhundert Goldstücke erbeuteten. Und wieder war Villon auf der Flucht. Es gelang ihm, sich am Hof des Herzogs von Orléans Aufnahme zu verschaffen, doch nur für kurze Zeit. Man kann ihn sich auch kaum als Hofpoeten des Herzogs vorstellen. Dieser, selbst ein renommierter Dichter, schätzte die elegante höfische Ritterlyrik. Villon aber brach radikal mit der feudalen Ästhetik. Seine Balladen waren kunstvoll, doch ironisch und provozierend vulgär.

"Da regen sich die Menschen auf,
weil ich mit einem Mädchen geh,
das sich vom Strich ernährt,
und meine Wenigkeit dazu.
Ich hab die kleine Kröte schrecklich gern,
bürst ihr die Kleider, putz ihr auch die Schuh,
damit die Offiziers und Kammerherrn
sich wie im Himmel fühlen
in dem Bordell, in dem wir beide wohnen."

Klaus Kinski war fasziniert von der allerdings sehr freien Nachdichtung Paul Zechs. Berthold Brecht inspirierten Villon-Balladen zu Songs der Dreigroschenoper. Wiederentdeckt hatten den Dichter des Spätmittelalters die Romantiker. Nachdem Villon drei Jahrhunderte lang wegen seiner Obszönitäten und zweifelhaften Moral wenig beachtet worden war, begeisterten sie sich gerade deshalb für ihn. Als genialen Verbrecher, poetischen Rebellen und frühen Bohemien. Paul Verlaine und Arthur Rimbaud identifizierten sich mit dem poète maudit, dem verfluchten Dichter, Villon. Ezra Pound und Claude Debussy setzten ihm musikalische Denkmäler.

Wo Francois Villon sich aufhielt, nachdem er den Hof der Herzogs von Orleon verlassen hatte, ist ebenso wenig überliefert, wie die Tat, die ihn für einige Zeit in den Kerker brachte. Fünf Jahre nach seiner Flucht aus Paris wagte er sich dorthin zurück und landete bald wieder im Stadtgefängnis. Kaum in Freiheit war er in eine Schlägerei verwickelt, bei der ein päpstlicher Notar zu Schaden kam. Dafür verurteilte ihn ein harter Richter zum Tod durch den Strang.

"Als man den Galgen mir hat zudiktiert,
da hab ich an den Reichstag appelliert.
Denn jedes Tier, das hier auf Erden kraucht,
hält seinen Kopf nicht zum Vergnügen still,
wenn ihm ein Bösewicht ans Leder will.
Da wirst du ganz gehörig angefaucht.
Und ich? Ich soll in diesem kalten,
verfluchten Hundeloch den Schnabel halten?"

Am 5. Januar 1463 hob das Parlament, das oberste Gericht von Paris, das Todesurteil auf. Aber wegen seines "schlechten Lebens" verbannte es Villon für zehn Jahre aus Stadt und Grafschaft Paris. Als er durch das Stadttor ging, verschwand François Villon, etwa zweiunddreißig Jahre alt, Totschläger, Räuber und einer der bedeutendsten französischen Dichter, endgültig aus der Geschichte. Gerüchte kursierten, er sei nach England gegangen oder habe sich in ein Kloster zurückgezogen. Doch kein einziges Lebenszeichen ist mehr aufzufinden.