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Der unbekannte Weltstar

Eine Würdigung des Soundpioniers Conny Plank

Dieter Moebius im Gespräch mit Liane von Billerbeck

Damals kam die Musik noch vom Band: Tonbandgerät im Tonstudio.
Damals kam die Musik noch vom Band: Tonbandgerät im Tonstudio. (dpa-Zentralbild. Fotograf: Jan Woitas)

Conny Plank, Musikproduzent und Toningenieur, hat Maßstäbe gesetzt: Er war einer der Vorreiter für elektronische Musik in Deutschland. Als hingebungsvoll und experimentierfreudig beschreibt ihn sein langjähriger Weggefährte Dieter Moebius. Trotzdem blieb ihm der Durchbruch hierzulande verwehrt.

Liane von Billerbeck: Man kennt Bands wie Kraftwerk oder Musiker wie Brian Eno, der Name des Mannes aber, der als Soundpionier und Produzent quasi deren Lehrmeister gewesen ist, der ist der breiten Öffentlichkeit eher unbekannt: Conny Plank. Anfragen von U2 oder David Bowie lehnte er kurzerhand ab, prägte aber den Sound von deutschen Krautrock-Bands wie Guru-Guru oder Neu. 1987 ist er an Krebs gestorben, und das Werk von Conny Plank ist seitdem kaum so richtig gewürdigt worden. Heute aber erscheint eine CD-Box mit Musik, deren Sound von ihm ist, unter dem bezeichnenden Titel "Who’s That Man". Der Musiker Dieter Moebius hat mit Conny Plank zusammengearbeitet und gilt selbst als Elektronikmusik-Legende. Bevor wir mit ihm über Conny Plank sprechen, stellt Laf Überland Plank vor.

Und genau dieser Dieter Moebius ist jetzt bei uns im Studio, Jahrgang 1944, geboren in der Schweiz, und er hat mit Plank viele Jahre zusammengearbeitet. Schönen guten Tag!

Dieter Moebius: Guten Tag!

von Billerbeck: Ist diese CD-Box von und mit Conny Plank und Ihnen natürlich auch so eine Art Wiedergutmachung für Planks Arbeit?

Moebius: Ach, das habe ich noch gar nicht so gesehen, also man kann es aber auch so sehen natürlich. Er war ja der Mann im Hintergrund immer, und jetzt ist er mal im Vordergrund, und zwar in ganz groß.

von Billerbeck: Sie haben ja lange mit Conny Plank zusammengearbeitet. Wie haben Sie beide sich eigentlich kennengelernt?

Moebius: Das war in Köln, da wurden wir aus Düsseldorf eingeladen, für den Schwannverlag zwei Platten zu produzieren, es waren unsere ersten sogar oder die zweite und dritte vielleicht auch.

von Billerbeck: Wann war das?

Moebius: Das war 69 oder 70. Und in diesem Studio arbeitete halt zufälligerweise Conny als Toningenieur, als angestellter Toningenieur, und es blieb ihm gar nichts anderes übrig, als uns kennenzulernen. Und insofern war das der Anfang einer sehr langen Zusammenarbeit.

von Billerbeck: Was war das für ein Typ?

Moebius: Das war ein großer, stämmiger, starker Kerl, der sehr viel Herz hatte und sehr gute Ideen hatte auch, und ein gutes Durchstehvermögen. Der war also sehr arbeitswütig und hat also tagsüber in dem Studio gearbeitet und dann nachts mit uns oder mit anderen Bands gearbeitet, und wenn der an irgendwas dran war, dann hat er das durchgezogen. Er musste ja auch als angestellter Ingenieur alle möglichen anderen Sachen machen, zum Beispiel, wie ich weiß, hat er Ton, Steine, …

von Billerbeck: … Steine, Scherben?

Moebius: Nein, nein, nein, die vielleicht auch, aber diesen Drafi-Deutscher-Hit: "Marmor, Stein und Eisen bricht" hat er, glaube ich, aufgenommen damals.

von Billerbeck: Das hätte ich jetzt nicht mit ihm in Zusammenhang gebracht, ehrlich gesagt.

Moebius: Ja, das meine ich ja damit, er musste ja halt auch Sachen aufnehmen, die überhaupt gar nicht sein Ding waren. Aber wie ich ihn kenne, hat er auch da sein Herzblut reingesteckt.

von Billerbeck: Aber jetzt wollen wir erst mal was hören, wenn wir so viel über ihn geredet haben, wie das geklungen hat damals. Es gibt kein Aufnahmedatum für diesen Song, "Farmer Gabriel" heißt er, und so hört er sich an.

[Musikeinspielung]

"Farmer Gabriel", ein Song von und mit Conny Plank. Bei mir ist Dieter Moebius zu Gast, der lange mit Conny Plank zusammengearbeitet hat, beide Pioniere auch der elektronischen Musik. Das, was wir eben gehört haben, diese, ja, elektronische Musik, das scheint uns heute bei den vielen digitalen Möglichkeiten, die die Musik ja jetzt hat, fast selbstverständlich, überhaupt nichts Besonderes mehr. Damals, wenn wir uns in die 70er- oder 80er-Jahre zurückversetzen, war das bekanntlich anders. Was musste man da anstellen, um solche Songs zu produzieren?

Moebius: Ja, man musste zum Beispiel echte Loops machen.

von Billerbeck: Wie hat man das gemacht?

Moebius: Da wurden dann in diesem langen Studioraum – das war ja vorher ein Schweinestall – ein Mikrofonständer wie Galgen hingestellt in Abständen von ein paar Metern, und über die Bandmaschine lief dann der Schnürsenkel bis zum Ende des Stalls, hing dann über den Galgen rüber, kam über eine Rolle wieder hoch und zur Bandmaschine zurück. Das war dann eine Loop von 20 Metern oder so, also eine wirkliche, echte Loop. Und das ist ein Beispiel, wie man damals so eine Art von Rhythmus machen konnte, der aber schön in sich Variationen hatte, weil er ziemlich lang war von der Schleife her.

von Billerbeck: Ich stelle mir das so vor, dass der Conny Plank auch pausenlos irgendwie gebastelt hat und gebaut hat, um so was zu erzeugen, und unglaublich experimentierfreudig gewesen sein muss.

Moebius: Na ja, er hat ja auch sein Pult selber entwickelt und mitgebaut.

von Billerbeck: Sein Mischpult.

Moebius: Ja. Und wenn wir gearbeitet haben, hat er natürlich da nicht am laufenden Band irgendwie rumgelötet oder irgendwas gemacht, aber ich schätze mal, wenn ich dann vielleicht schon geschlafen habe, hat der vielleicht immer noch was rumgefummelt. Er war das Genie am Pult und wusste, wie man die komplexen Maschinen, die er gekauft hat, wie man die benutzt, hat es einem erklären können und man konnte dann damit Töne erzeugen, wie man es sich erträumt hat und es war ein großes Geschenk, da arbeiten zu können und zu dürfen.

von Billerbeck: Wenn Sie hören, jemand hat einem Weltstar wie David Bowie die Tür vor der Nase zugeschlagen und mit Bono von U2 wollte er auch nichts zu tun haben – das kann man ja verbohrt nennen oder auch prinzipienfest. Was sagt das über Conny Plank?

Moebius: Ja, das sagt, dass er so eine eigenen Vorstellungen hatte von Zusammenarbeit, und wenn für ihn die Chemie nicht da war, dann war seine Hingabe blockiert und er konnte sich das offenbar sogar leisten, wobei man natürlich sagen muss, dass es zu dem Zeitpunkt möglicherweise gar nicht sicher war, ob jetzt mit Bono Staat zu machen sein würde. Es war ja ganz am Anfang. Genauso hat er ja mit Eurythmics gearbeitet, da waren sie auch noch vollkommen unbekannt und so war es mit vielen anderen auch. Manche haben ihm dann auch den Rücken zugekehrt, nachdem sie dann Erfolg hatten, aber sehr viele haben ihm auch die Treue gehalten.

von Billerbeck: Wir hören noch einen Titel, "Broken Head" heißt der, da ist Brian Eno drauf, Sie, Herr Moebius, und Herr Roedelius. Was ist das für ein Titel, warum mögen Sie den so?

Moebius: Es ist ein sehr interessanter Rhythmus, finde ich auch, also ganz nett finde ich, für die Zeit auch.

von Billerbeck: Ja, und das klang so.

[Musikeinspielung]

"Broken Head", produziert von Conny Plank. Wenn man die Musik hört, die Conny Plank so produziert hat und gemacht hat, dann hat man manchmal den Eindruck, das ist so was wie eine Matrix für spätere Technomusik nun auch dabei. Wie empfinden Sie das?

Moebius: Ja, da ist viel drin, auch gerade, was wir beide zusammen gemacht haben. Conny hatte damals eine großartige Rhythmusmaschine sich besorgt, und wir waren ja eigentlich nicht so drauf, mit Rhythmusmaschinen zu arbeiten, aber wir haben dann festgestellt: Wenn man das so macht, dass die erkannt wird als Rhythmusmaschine und wenn man nicht so tut, als würde man jetzt den Schlagzeuger sparen wollen, sozusagen, dann kann man da durchaus mit arbeiten. Und das haben wir auch verschärft dann immer mal gemacht.

von Billerbeck: Wenn man die Musik hört – wir waren ganz überrascht, als wir die angehört haben, da haben wir gedacht, die ist viel jüngeren Datums, die klingt unglaublich frisch –, fragt man sich trotzdem, wieso der in der Szene zwar bekannt ist, aber eben nicht von Weltruhm überschüttet wird.

Moebius: Na ja, also der hat schon gewissen Weltruhm, genau wie ich eigentlich auch, aber da ist Deutschland irgendwie ausgenommen. Die Deutschen haben sich nie so doll für das interessiert, was hier gemacht wird. Manche anderen Gruppen wie Tangerine Dream oder auch Kraftwerk, die haben eher, weil sie deutsch gesungen haben, in Deutschland Erfolg gehabt.

Wir waren in Deutschland eigentlich total unbekannt, sind dann auch erst viel später in die UK, also England und den USA bekannter geworden. Insofern ist halt auch Conny in Deutschland nicht gerade groß bekannt geworden, außer dass er natürlich auch die Neue Deutsche Welle begleitet hat, das muss man ja auch mal sagen, und "Ideal" produziert hat und alle möglichen anderen, also da müsste eigentlich auch was durchgesickert sein mal.

von Billerbeck: Jetzt gibt es jedenfalls diese neue Box, heute erscheint sie, mit dem sehr bezeichnenden Titel "Who’s That Man". Dieter Moebius war bei mir zu Gast, Pionier der elektronischen Popmusik und langjähriger musikalischer Partner auch von Conny Plank, Produzent, Musiker und Wegbereiter der elektronischen Musik. Dieter Moebius, ganz herzlichen Dank!

Moebius: Bitte, gern geschehen. Wiedersehen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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