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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 10.09.2012

Der Tod bedroht jede Liebe

Jan Wolkers: "Türkischer Honig", Alexander Verlag, Berlin, 2012, 250 Seiten 19,90 Euro

Wolkers schreibt über Sex - und über die Strukturen einer Beziehung. (picture alliance / dpa / Vojtech Vlk)
Wolkers schreibt über Sex - und über die Strukturen einer Beziehung. (picture alliance / dpa / Vojtech Vlk)

Jan Wolkers schreibt über Sex und nochmal Sex aus dezidiert männlicher Perspektive - ein Skandalroman, als er 1969 erschien. Mann trifft Frau, die beiden sind einander verfallen. Doch die Frau wählt letztlich einen anderen Mann, der ihr mehr Sicherheit bietet.

Ein niederländischer Skandalroman aus dem Jahr 1969: Eine amour fou mit tödlichem Ausgang. Eine lohnende und spannende Wiederentdeckung. Es geht hier um Sex, um viel Sex, der in aller Deutlichkeit aus ungebrochen männlicher Perspektive beschrieben wird. Das sorgte beim Erscheinen für Skandal und Diskussionen (die Verfilmung des Romans durch Paul Verhoeven 1973 knüpfte daran an).

Heute sind wir zwar mehr gewöhnt und abgebrühter, aber es bedarf trotzdem eines entschiedenen Durchhaltevermögens, um nach den ersten Seiten mit ihren deutlichen Körperflüssigkeiten und Ausscheidungen nicht schlapp zu machen. Aber die Ausdauer lohnt sich, denn dieses sexuell höchst aufgeladene Buch erweist sich als große Liebesgeschichte und genaue Beschreibung dessen, was man heute Beziehungsstrukturen nennt. Darüber hinaus führt der Roman auf kenntnisreiche und bissige Weise den Kunstbetrieb jener Jahre vor, der sich in seiner Struktur nicht so sehr unterscheidet von unserem, wo man sich ja auch gerne mit Künstlern schmückt, sie aber ebenso gerne mit wenig Geld abspeist.

Der 2007 gestorbene Autor (der auch bildender Künstler war) ist ein genauer Beobachter. Eine der eindrucksvollsten Nebenfiguren des Romans ist der in seinem Sessel sitzende und ewig Witze erzählende Vater der Geliebten. Die ist am Anfang des Romans jung, und der namenlose Ich-Erzähler verfällt ihr sofort. Die Beiden lernen sich beim Trampen kennen, sie nimmt ihn mit, es geht sofort um Sex und um das ganze Leben. Und das im wahren Sinn des Wortes, denn ein Autounfall endet beinahe tödlich. Womit Jan Wolkers, der bei uns unbekannt, in den Niederlanden aber zu den wichtigen Nachkriegsschriftstellern gehört, das entscheidende Motiv an den Anfang stellt: Der Tod bedroht jede Liebe.

Die Affäre ist ernst, der Sex ist es auch, die Frau verlässt den Mann, der ohne sie meint, nicht leben zu können. Sie geht mit einem anderen Mann nach Amerika. Sie träumt vom stillen Glück, wählt die vermeintliche Sicherheit, verrät die unkonventionelle Liebe für ein auskömmliches Leben. So sieht das der Mann, der hier die unbezweifelbare Zentralperspektive bestimmt. Und genau darin liegt der Grund für die Flucht der Frau. Am Ende kehrt sie zurück, um ihn erneut und endgültig zu verlassen. Der Tod duldet keine Wiedervereinigung.

Besprochen von Manuela Reichart

Jan Wolkers: "Türkischer Honig"
Aus dem Niederländischen von Rosemarie Stil
Alexander Verlag, Berlin 2012
250 Seiten 19,90 Euro

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