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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 02.08.2013

Der Theaterrevolutionär

Christoph Wagner-Trenkwitz: "Versuche über Verdi", Residenz Verlag, Salzburg 2013

Giuseppe Verdi (AP Archiv)
Giuseppe Verdi (AP Archiv)

Dieses Buch eines Wiener Verdi-Kenners geht weit über das Biografische des Komponisten hinaus. Christoph Wagner-Trenkwitz gelingt es, Entwicklungen und Tendenzen klug auf den Punkt zu bringen.

"Unvollkommen sind sie […], die hier abgedruckten Gedanken, und sehr persönlich gefärbt; spricht das für oder […] gegen mich?", fragt Christoph Wagner-Trenkwitz zu Beginn seines neuen Verdi-Buches. Der Autor ist nicht nur in Österreich einem größeren Publikum als Kommentator des Wiener Opernballs bekannt. Nachdem er mehrere Jahre das Pressebüro der Staatsoper geleitet hatte, wechselte er 1996 innerhäuslich ins Fach des Chefdramaturgen.

Inzwischen ist er in dieser Funktion an der Wiener Volksoper tätig. Schon im knappen Vorwort schwingt ein gewisses Augenzwinkern mit, dass diesen Band begleitet und auszeichnet. Was auf den ersten Blick Seriosität-gefährdend wirken mag, entpuppt sich als letztlich erfrischender Zugang zu Leben und Werk des Giuseppe Verdi.

Wagner-Trenkwitz nähert sich Verdi in knapp 20 Essays: In zwölf Kapiteln widmet er sich bekannten und weniger bekannten Werken, von "Ernani" bis "Otello". Im zweiten Teil des Buches stehen Berufe im Mittelpunkt, die Verdi nie wirklich ausgeübt hat, auf deren Betätigungsfeld er sich jedoch gern getummelt hat: Verdi als Librettist, Verdi als Bühnenbildner, Verdi als Politiker. Im dritten Teil werden markante Aussprüche und Briefzitate Verdis aneinandergereiht. So ergibt sich aus vielen Mosaik-Teilchen am Ende ein aufschlussreiches Gesamtbild dieses Giuseppe Verdi.

Drama im Flüsterton

In den Werkbetrachtungen gelingt es Wagner-Trenkwitz, Entwicklungen und Tendenzen in Verdis Opernschaffen klug auf den Punkt zu bringen: "In den selbsterklärenden Noten zu ‚Macbeth‘ kreiert Verdi einen nuancenreichen, psychologisierenden, früh-expressionistischen Sprechgesang, der in der italienischen Oper bis dahin unbekannt war. […] ‚Macbeth‘ ist ein Drama im Flüsterton. Stille und Stillstand sind der Ort des Blutverbrechens, immer lauter aber dröhnt die Anklage des schlechten Gewissens, das Macbeth peinigt, in dieses Vakuum."

Wagner-Trenkwitz fabuliert nicht, er argumentiert stets eng am Werk. Das heißt, er hat Libretto und Musik gleichermaßen im Blick; er zeigt, wie sich Verdis Opernfiguren entwickeln, wie sie Intrigen spinnen, wie sie mit ihren Ängsten umgehen, wie sie von ihren Leidenschaften getragen werden.

Nach Betrachtungen zu "Maskenball", "Macht des Schicksals", "Aida" und anderen Werken zeigt Wagner-Trenkwitz, wie intensiv sich der Komponist in die Arbeiten seiner Librettisten eingemischt hat. Immer wieder versuchte Verdi, direkten Einfluss auf die Textbücher zu nehmen und selbst die dramaturgischen Fäden zu spinnen. Seine Briefe belegen, dass sich seine Wünsche bis in Details erstreckt haben mit dem Ziel, das Maximum an Übereinstimmung von Wort und Musik zu erreichen. Verdi als Theaterrevolutionär!

Der dritte Teil ist eher als Ergänzung zu betrachten und wirkt wie ein Steinbruch aus Ideen und Ansätzen. Hier wären weitere und stärkere Verbindungslinien wünschenswert gewesen. Insgesamt ist es ein Verdi-Buch für Entdecker, für Leser, die Lust haben, lesend in seine Musik genauer hineinzuhören, abseits des rein Biografischen.

Besprochen von Christoph Vratz

Christoph Wagner-Trenkwitz: "Wenn Sie auch schlecht singen, das macht nichts." Versuche über Verdi
Residenz Verlag, Salzburg, 2013
216 Seiten, 21,90 Euro

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