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Der Reiseführer als Sehhilfe und frühes Navi

Susanne Müller: "Die Welt des Baedeker - Mediengeschichte des Reiseführers 1830-1945"

Rezensiert von Bodo Morshäuser

Burg Stahleck im Mittelrheintal
Burg Stahleck im Mittelrheintal (AP)

Schnell war der Baedecker zu einem Synonym für den bis dato unbekannten Reiseführer geworden. Bomber's Baedeker war folgerichtig der Name eines Handbuchs, mit dem 1943 Piloten der Royal Air Force ausgestattet wurden. Susanne Müller stellt dar, wie sich das Reisehandbuch im 19. Jahrhundert als neues Medium etabliert und den Blick auf die Landschaft verändert.

"Rheinreise von Mainz bis Köln" heißt das Büchlein, dessen Rechte der Buchhändler Karl Baedeker im Jahr 1832 erwirbt und das er drei Jahre später neu herausbringt. Kurze Zeit später befindet sich im Baedeker ein 2,50 Meter langes Rheinpanorama zum Herausfalten. Man steht davor und dreht nur noch den Kopf, während sich die Landschaft im Überblick präsentiert. Das ist neu.

Von diesem Punkt aus erzählt Susanne Müller die Geschichte des Baedekers sowie die Geschichte des veränderten Blicks als Folge der neuen Verkehrsmittel.

Buchcover "Die Welt des Baedeker" von Susanne MüllerBuchcover "Die Welt des Baedeker" von Susanne Müller (Campus Verlag)Schon auf den ersten Dampfschiffen steht der Betrachter still, und die Umgebung scheint sich zu bewegen. Die Natur wird Landschaft, der Blick durch das Fenster zeigt einen Ausschnitt, ein Bild. In den Eisenbahnen kann der Betrachter sogar sitzen, während die Landschaft als Bildfolge vorbeifliegt. Von nun an inszeniert das Verkehrsmittel dem Reisenden die Landschaft.

In diese Inszenierung mischt sich nun das Reisehandbuch ein, es macht Vorschläge, was anschauenswert ist. Das Reisehandbuch ist ein neues Medium, und wie jedes neue Medium steht es anfangs im Verdacht, den Menschen zu schaden. Die Feinde des Reiseführers hat Karl Friedrich Baedeker so beschrieben:

"Es sind die Subjektiven, die Romantiker unter den Reisenden, Menschen, welche – wie sie sagen – alles tiefer und persönlicher erleben und eine Feldmaus mitunter einem Dome vorziehen, keine Hilfe brauchen, die Augen offen halten und die Dinge selbst entdecken: ihr Indien, ihr Italien, ihr England, wie sie das nennen.
Wenn sie zurückkommen, sind sie vollgestopft mit Anekdoten und kleinen Zügen oder Unaussprechlichem, was alles oft nur recht wenig mit dem Land, in dem sie waren, und seinen Leuten zu tun hat."

Ein Reisehandbuch kann nicht neutral sein. Es vermittelt zwischen Reisenden und Orten, zwischen Auge und Landschaft, zwischen Blick und Wissen. Es stellt Zusammenhänge her, und es blendet andere aus. Reiseführer bilden Kulturen ab und haben die Tendenz, diese Kulturen durch Hervorhebungen oder Streichungen selbst zu schaffen.

Und Reiseführer sind eine Sehhilfe. Was die Autorin zutreffend mediales Ensemble nennt, besteht aus dem Auge des Reisenden, dem Blick in den Reiseführer und dem Blick aus dem Fahrzeug nach draußen.

Später wird der Blick des Reisenden sogar zum Kriterium des Autobahnbaus. Die Beton- und Asphaltbänder produzieren einen neuen Blick auf die Landschaft, bewusst hergestellt durch Steigungen über Berge und Hügel. Es werden Panoramen geschaffen, die bei einer Talfahrt nicht zu sehen wären. Autobahnbrücken werden vermieden, sie wirken im Auge des Fahrenden wie Bretter. Oder, um mit der Autorin zu sprechen:

"Durch die Geschwindigkeit wird der Vordergrund aus der Ansicht 'herausgerechnet’, die Landschaft im Hintergrund kommt zur vollen Entfaltung. Wie eine gemalte Fläche erscheint sie aufgrund des Verlusts der Tiefendimension. Der Reisende sieht alles auf einmal und damit nur noch das Ganzheitliche, er sieht das Unterschiedliche unterschiedslos."

Wir kennen das aus eigener Erfahrung. Und doch ist es faszinierend, hier all die Selbstverständlichkeiten, mit denen wir leben, in ihrer Entwicklung vorgeführt zu bekommen.

Und was hier auch erzählt wird: Im Bombenkrieg gegen Deutschland spielen die Bücher eine Rolle. Das Wort Baedeker war längst internationales Synonym für Reiseführer geworden. Bomber′s Baedeker ist folgerichtig der Name eines Handbuchs, mit dem 1943 Piloten der Royal Air Force ausgestattet werden.

Was kriegsrelevante Produktion, Rohstoffe und Kunstschätze birgt, steht ebenso im Bomber′s Baedeker wie Kraft- und Wasserwerke. In der ersten Auflage werden über 300 deutsche Orte aufgelistet, in der letzten mehr als 800. Der Baedeker wird zum Führer durch den Krieg, auf wichtige Orte werden nicht mehr Blicke geworfen, sondern Bomben.

"Die Welt des Baedeker" ist einerseits ein Buch über den Baedeker Verlag und seine Reiseführer; und zugleich ein Buch über die Geschichte der Fortbewegungsmittel. Eine Verlagsgeschichte und eine Kulturgeschichte in einem. Außerdem eine Geschichte des Blicks. Und eine Geschichte des Ensembles aus Reisemittel, Blick und Reiseführer – oder auch: eine Geschichte des Navi.

Susanne Müller: Die Welt des Baedeker. Mediengeschichte des Reiseführers 1830-1945
Campus Verlag, Frühjahr 2012

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