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Religionen / Archiv | Beitrag vom 10.08.2013

Der praktische Glaube

Moderner Buddhismus als Heilmittel in unserer schnelllebigen Welt

Von Ursula Reinsch

Goldene Buddha-Statue in einem Tempel in Birma (picture alliance/Robert Harding World Imagery)
Goldene Buddha-Statue in einem Tempel in Birma (picture alliance/Robert Harding World Imagery)

Buddhistische Methoden wie Atemtraining, Meditation oder Yoga sind in Mode. Denn sie befriedigen die Sehnsucht der Menschen nach Stille und Verlangsamung. Sie helfen aber auch dabei, sich wieder als Teil eines Ganzen zu fühlen, verbunden mit den Mitmenschen.

Buddhismus in Deutschland: Das ist Wellness, Weltflucht und Wohlgefühl. Mit Lotusblüten, Lotussitz und Lächeln in Dauerschleife. Räucherstäbchen und Om-Singen in Gruppen gehören dazu, pralle Buddha-Figuren. Spiritualität, Sinnsuche und Seligkeit, Glückseligkeit. Frieden und Fluchtpunkt für Aussteiger. Buddhismus als eine der unzähligen Gücksverheißungen, auf die Sucher im Esoterik-Dschungel stoßen. Klingt farbenfroh und sinnlich und verspricht oft: Erleuchtung ohne Eigenleistung.

Buddhismus in Deutschland: das ist Atemtraining, Meditation, Yoga, Stille und Selbstkontrolle, Geistes- und Bewusstseinstraining. Und es ist Arbeit mit Gewohnheitsenergien und Konditionierungen. Zur buddhistischen Praxis gehört es, Bewusstsein zu entwickeln für Leid und den Umgang mit dem Leid, für die eigene Gier, für Hass und Zorn und die eigene Endlichkeit.

Und auch: Geduld und Gelassenheit zu trainieren, Konzentration, Mitgefühl und Liebe. Oder auch ganz praktisch: nicht ständig materielle Wünsche zu befriedigen, sondern stattdessen weniger vergängliche Werte wie Liebe und Mitgefühl zu entwickeln sowie heilsame Beziehungen. Kurzum, sich mit der Lehre des Buddha zu beschäftigen, zumindest die von ihm vorgeschlagenen Methoden zu üben. Buddhismus hierzulande: Die Ziele reichen von religiöser Lebensphilosophie bis zum nüchternen Üben von Methoden zum Stressabbau und zur Konzentrationsverbesserung.

Das sind Extrempositionen und Schlagworte. Sie skizzieren in etwa die gängigen Aspekte der buddhistischen Szene – unabhängig von ihren vielfältigen Richtungen wie zum Beispiel Theravada, Mahayana oder Zen. Tatsächlich ist längst nicht überall Buddhismus drin, wo Buddhismus drauf steht:

"Buddhismus ist schick, Buddhismus ist in, Buddhismus ist ein Hollywood-Phänomen. Es gibt natürlich Schicki-Micki-Buddhismus, dass man sich einen Buddha wie einen Gartenzwerg in den Garten stellt und dergleichen. Das ist meines Erachtens ein vorübergehendes Problem. Das kann man belächeln. Da werden Symbole verflacht, verkitscht verramscht."

Michael von Brück, Religionswissenschaftler an der Universität München, und Zen- Meister. Er kritisiert den überall sichtbaren Trend buddhistischer Popkultur. Die habe nichts mit der Verbindung von religiösen Aspekten und intellektueller Schärfe zu tun, die die Attraktivität des Buddhismus im Westen ausmache. Den buddhistischen Etikettenschwindel schätzt der Mainzer Philosoph und Bewusstseinsforscher Thomas Metzinger, der spirituelle Redlichkeit fordert, folgendermaßen ein

""Es gibt auf einmal Buddha-Lounges und die entsprechende Musik dazu. Es gibt völlig alberne esoterische Formen von Buddhismus, die eigentlich nur der Sterblichkeitsverleugnung dienen, die einfach neue Produkte in diesem Esoterik-Supermarkt sind. Das ist ein normaler Prozess der Veroberflächlichung."

Das eigene Betriebssytem hinterfragen

Diese "Veroberflächlichung" macht aus dem tiefen Sinn buddhistischer Philosophie, den ethischen Grundlagen für ein selbstverantwortliches Leben, schlichtweg folkloristischen Unsinn. Nur die Glückssucher, die mit dem Einkaufswagen im Esoterik-Supermarkt Erleuchtung einkaufen wollen, können mit den dort erhältlichen Buddhismus-light-Produkten kurzzeitig ihre Sehnsucht nach Spiritualität betäuben. Dass sie damit nur die Kassen geschäftstüchtiger New-Age-Spezialisten füllen, entspricht dem ökonomischen Gesetz von Angebot und Nachfrage.

"Viele Menschen würden sich gerne den Buddhismus wie so eine App auf ihr Betriebssystem laden."

Erklärt Ulrich Schnabel, Wissenschaftsjournalist, Autor und Kenner der religiösen Szene in Deutschland, im Zeitgeist-Jargon. Das aber mache keinen Sinn, denn:

"Dabei geht es aber ja darum, das Betriebssystem selbst zu hinterfragen und zu durchleuchten und vielleicht auch anders damit umzugehen. Das ist natürlich eine anspruchsvolle Aufgabe, die Sie auch nicht mal so schnell in Wochenendseminaren lernen, sondern das ist eigentlich eine lebenslange Aufgabe."

Das eigene Betriebssystem hinterfragen – Wie kann das aussehen? Stephen Bachelor hat eine Antwort darauf. Der Engländer war zehn Jahre lang buddhistischer Mönch, lehrt heute weltweit modernen Buddhismus und publiziert Bücher zum von ihm sogenannten "Buddhismus 2.0". Der basiere nicht auf Glauben, nutzte aber die Erkenntnisse und Empfehlungen des Buddha.

"Buddhismus 2.0 ist - zumindest nach meinem Verständnis - für mich eine Praxis, die sich nicht aus den klassischen indischen Vorstellungen herleitet, sondern aus den Lehren Buddhas. Buddhismus 2.0 beruht nicht auf Glauben und Annahmen, die wir nicht überprüfen können. Vielmehr ist er eine Herausforderung für uns, nicht nach unseren selbstsüchtigen Instinkten zu leben. Die vier edlen Wahrheiten so auszulegen, bedeutet, sie nicht als Glaubensangelegenheit zu betrachten, sondern als Handlungsempfehlungen. Die erste Handlungsempfehlung ist: das Leiden des Lebens anzunehmen. Die zweite: die Gier und die Selbstsucht angesichts des Leidens aufzugeben. Die dritte bedeutet, Meditation, Stille und geistige Offenheit zu kultivieren, um uns von dem instinkthaften Denken und Handeln zu befreien. Dies führt zur vierten Aufgabe, nämlich diese Fähigkeiten in unserem alltäglichen Leben zu verwirklichen."

Diese buddhistisch-ethischen Handlungsempfehlungen lassen sich – so Michael von Brück - auch historisch und religionssoziologisch ableiten:

"Als im 18., 19. Jahrhundert der Buddhismus nach Europa kam, hat man ihn vor allem als eine rationale Philosophie zunächst wahrgenommen, als das genaue Gegenstück zum Christentum. Heute trifft der Buddhismus in Europa, übrigens noch prägnanter vielleicht in Amerika, auf Kulturen, die ganz anders geprägt sind als die asiatischen, zum Beispiel geprägt durch Effizienz, Erreichenwollen, geprägt durch eine ungeheuer materialistische Grundstimmung in der Kultur. Und der Buddhismus passt sich daran an: Das heißt, er versucht ein Gegengewicht genau gegen diese Übel oder Krankheiten oder Verzerrungen - ich möchte richtig sagen, Deformationen des Menschen in der Moderne - zu liefern, indem er zur Stille kommt, in dem er verlangsamt."

Und genau danach scheinen sich immer mehr Menschen zu sehnen, je schnelllebiger das Leben wird. Viele suchen Alternativen zum Materialismus, Massenkonsum und Medienhype. Meditation kann Alternativen dazu aufzeigen und helfen, zur Ruhe zu finden und das Leben zu verlangsamen. Manfred Folkerts vom Rat der "Deutschen Buddhistischen Union" zeigt verschiedene Ebenen von Meditation auf:

"Die besteht aus zwei Schritten: In der Kurzfassung – Shamata heißt ‚Anhalten‘ und Vipassana heißt ‚genau hinschauen‘. Und dieses Genau-Hinschauen heißt auch analysieren, erkennen, durchdringen, verstehen wollen, erforschen, nachprüfen… immer nachfragen: Warum mache ich das? Ich will es auch verstehen, ich will mein Handeln, ich will meine Motive verstehen. Und ich möchte eben halt auch einigermaßen wissen, worauf es hinausläuft, und was es für mich und meine Mitmenschen an Erneuerung und an Verwirklichung bringen kann."

Mit viel Übung zur mehr Achtsamkeit

Wolfgang Barth, früher Manager, heute Mediator, konkretisiert, wie der Buddhismus sich auf sein Umfeld auswirkt und schildert gleichzeitig wie mühsam es ist, alte Gewohnheiten loszuwerden.

"Das tägliche Praktizieren von Achtsamkeit und Bewusstwerden hilft im Alltag in vielen Situationen besser klarzukommen, freundlicher zu sein, effektiver zu sein und bewusster zu sein. Das geht mir so im beruflichen aber auch privaten Kontext mit meiner Partnerin mit meinen Kindern. Natürlich passiert es auch immer wieder, insbesondere in stressigen Situationen dass die Achtsamkeit verloren geht und ich in alte Muster zurückfalle, das heißt dann auch wütend werde und damit eigentlich mir selbst und den anderen schade. Um dies zu vermeiden, ist es für mich wichtig, jeden Tag ein wenig zu üben, beispielsweise morgens eine Weile zu sitzen, oder auch körperliche Übungen zu machen, wie zum Beispiel Yoga, den Körper und Geist zu trainieren, um damit auch schneller in diesen alltäglichen Situationen zu merken, aha, da ist wieder die alte Gewohnheit, das alte Muster, und wenn ich das merke, kann ich dann immer schneller dann auch zu mir selbst zurückkehren."

So kann nach intensivem Üben, nach jahrelanger buddhistischer Praxis der Zusammenhang von eigenem Handeln und dessen Folge erkannt werden bzw. der von Ursache und Wirkung. "Dies ist, weil jenes ist" – so lautet das buddhistische Prinzip, das der Buddhist Wolfgang Barth lebt, und das sich für ihn nachhaltig auswirkt.

Viele der beschriebenen Elemente eines zufriedenen Lebens kann regelmäßige Meditation auch dann bringen, wenn dabei auf die spirituelle Ebene des Buddhismus verzichtet wird. Allerdings muss man so geduldig üben wie beim Lernen eines neuen Musikinstruments. Auf jeden Fall hilft Meditation, besser mit Stress und komplexen Herausforderungen umzugehen. Ein Großteil der Attraktivität des Buddhismus, meint der Religionswissenschaftler Michael von Brück, resultiere tatsächlich daraus, dass er in vielem rational begründbar sei und daher gut in unsere wissenschaftsgläubige Zeit passe. Der Philosoph und Bewusstseinsforscher Thomas Metzinger bestätigt das:

"Das ist eine der großen Stärken des Buddhismus, dass er so pragmatisch ausgerichtet ist und in den wichtigsten Bestandteilen seiner Lehre säkularisierbar ist. Deswegen hat er auch den modernen Menschen in dieser geistig zersplitterten uns alle überfordernden Zeit in den medialen Umwelten, in denen wir jetzt leben, sehr viel zu geben, in dem er Leuten zeigen kann, wie sie ganz einfach ihre eigene Aufmerksamkeit wieder stabilisieren können. Natürlich ist der Buddhismus ganz klar die philosophisch interessanteste Religion der fünf Großreligionen. Aber das eigentlich interessante ist dieses ausgefeilte und über Jahrhunderte von hunderttausenden Praktizierenden empirisch ausgetestete Praxis, die nicht so stark gebunden ist an metaphysische Glaubenssysteme oder Hintergrundannahmen, die wir nicht mitvollziehen können in der modernen westlichen Gesellschaft. Das heißt die Praxis ist etwas, von der wir alle profitieren können."

Profitieren von der Praxis. Also nicht glauben, sondern üben. Also wieder kein schneller Weg zur Erleuchtung. Schade.

Es hilft nur eins: Nicht glauben, sondern ausprobieren. Das hat der Buddha seinen Anhängern bereits vor 2500 Jahren empfohlen. Beispielsweise könnte man täglich meditieren, wenigstens für ein paar Minuten. Dabei würde man wahrscheinlich erfahren, dass Meditation hilft, anders in der Welt zu sein, anders wahrzunehmen, nicht immer getrieben und gehetzt zu sein. Und vielleicht würde man dabei entdecken, wie das eigene Bewusstsein und der eigene Geist funktionieren, wie letzterer stets versucht, uns anzutreiben.

Zu guter Letzt: herauszufinden, ob buddhistische Methoden helfen können, friedlicher und glücklicher zu leben. Ganz rational, ganz nüchtern. Wie die modernen Neurowissenschaftler, die zunehmend die heilsamen Wirkungen alter buddhistischer Methoden durch wissenschaftliche Untersuchungen bestätigen. Und dabei unter Umständen sogar zu einer neuen Religion finden, zu einer Religion ohne Glauben. Dafür mit Einsicht. Und manch einer findet sogar zu Jesus Christus zurück.

Der Wissenschaftsjournalist Ulrich Schnabel zum Nutzen buddhistischer Methoden und seinen ganz persönlichen Erfahrungen:

"Ich bin überzeugt, dass die einen gesellschaftlichen Nutzen haben, aber nicht in dem Sinne wie wir Nutzen heute gemeinhin definieren. Sie erhöhen nicht das Bruttosozialprodukt. Sie bringen uns im Leistungswettbewerb nicht unbedingt auf die Poleposition, sie fördern nicht das eigene Konto. Also in dem Sinne sind sie wahrscheinlich eher nutzlos. Aber ich glaube für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft insgesamt, sind sie von unendlichem Wert, weil wir ja eine Gesellschaft haben, die immer mehr auseinanderdriftet, die Unterschiede zwischen arm und reich werden immer größer.

Durch diese meditativen Methoden wird etwas gestärkt, was ich mal so die Auflösung der Ich-Zentriertheit nennen möchte. Das löst sich so ein bisschen auf und man sieht sich eher wieder so als ein Teil des großen Ganzen und man sieht sich eher in der Verbundenheit mit anderen Menschen. Diese Verbundenheit führt automatisch dazu, dass man Mitgefühl für andere entwickelt, weil ich den anderen ja nicht mehr als getrennt von mir sehe. Der ist ein Teil von mir, ich meine das ist dieselbe Erkenntnis, die Jesus ausgedrückt hat, indem er sagt: Liebe Deinen nächsten wie Dich selbst. Der andere ist wie ich selbst, das ist wie ein Teil von mir. Mir kann es auf Dauer nicht gut gehen, wenn es dem anderen nicht auch gut geht."

Im Aspekt der Nächstenliebe berühren sich Christentum und Buddhismus. Der Religionswissenschaftler Michael von Brück jedenfalls setzt große Hoffnung in einen modernen Buddhismus:

"Religionen sind Erziehungswege. Und mir scheint, dass der Buddhismus seit Jahrtausenden eine äußerst effiziente Praxis kultiviert hat, die wir dringend brauchen. Das kann uns im 21. Jahrhundert ganz sicher helfen. Ich glaube, durch die buddhistische Praxis, durch die Jahrtausende lang eingeübte Praxis der Geistesschulung ist es möglich – nicht von heute auf morgen, aber in einer längeren Entwicklung - dass die Menschheit sich selbst erzieht und dadurch überlebensfähig auf diesem Planeten wird.""

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