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Profil / Archiv | Beitrag vom 14.11.2012

Der Klang des Japan-Papiers

Die Buchkünstlerin Veronika Schäpers im Porträt

Von Tobias Wenzel

Das Rascheln und der Geruch sind für Veronika Schäpers wichtige Eigenschaften einer Papier-Sorte. (Universität Manchester)
Das Rascheln und der Geruch sind für Veronika Schäpers wichtige Eigenschaften einer Papier-Sorte. (Universität Manchester)

Bis vor Kurzem hatte Veronika Schäpers eine Werkstatt in Tokio, nun lebt sie in Berlin. Doch ihre Vorliebe für japanisches Papier ist geblieben. Die Buchkünstlerin produziert daraus bibliophile Schätze, die bis zu 2000 Euro kosten.

Veronika Schäpers: "Das ist ein relativ hartes Papier. Das raschelt nicht so, wie ein feines Papier rascheln würde. Das ist mit einer Pflanzenfarbe, Kaki Shibu, eingefärbt. Wenn man jetzt in einem Raum ist, in dem sehr viel Japan-Papier ist, dann hat man diesen pflanzlichen Geruch noch ganz stark. Geruch ist wichtig. Aber ganz wichtig ist die Haptik. Und das Rascheln ist auch wichtig für mich. Also wenn man Papier in die Hand nimmt, wie das klingt. Da gibt's schon sehr schöne Klänge bei japanischem Papier."

Ein Stück Japan hält Veronika Schäpers in den Händen. Aber das Land selbst ist fern. Das hat die 43-jährige Papierkünstlerin mit ihrem Mann und den zwei Kindern im Mai verlassen. Nach 15 Jahren. An einer Wand im neuen Berliner Atelier steht eine kleine Holzbank mit einem geschmeidigen ovalen Kieselstein darauf. Dies und die vielen duftenden Papiere in den Regalen und Kisten lassen Japan erahnen. Veronika Schäpers, eine schlanke Frau mit modischem Kurzhaarschnitt, blickt aus den großen Fenstern auf die Gleise der Ringbahn im Stadtteil Wedding, als könnte sie es nicht ganz glauben, tatsächlich wieder in Deutschland zu sein.

"Es ist sehr fremd, würde ich sagen. Kulturschock in die andere Richtung! Wenn man in ein anderes Land geht, ist man sehr offen und tolerant. Und wenn man in sein eigenes Land zurückgeht, glaube ich, nicht so sehr."

Wenn zum Beispiel die deutschen Geschäfte pünktlich schließen, während ein verzweifelter Kunde vor der Tür steht. Undenkbar im Dienstleistungsland Japan. Als Veronika Schäpers 1997 Praktikantin im Laden eines Tokioter Papierherstellers war, lernte sie, dass man erst dann schließt, wenn der Kunde gehen möchte, auch mal zwei Stunden später. Und nicht nur das:

"In Japan wird halt sehr viel Rücksicht genommen auf alle im täglichen Leben. Also wenn man irgendeine Bahn betritt, dann wird Vortritt gelassen, Türen werden aufgehalten. Das sind so Sachen, die sind hier einfach anders. Hier gibt es eine größere Ignoranz. Also man achtet nicht so sehr auf die Leute um einen herum."

Während ihrer Ausbildung zur Buchbinderin entdeckte die Tochter zweier Grundschullehrer ihre Leidenschaft für das gesamte Buch, einschließlich der Typografie, studierte in Halle an der Saale Malerei und Buchgestaltung und ging schließlich mit ihrem Mann nach Tokio. Ihr Traum: irgendwann einmal selbst japanisches Papier herzustellen. Noch in Deutschland hatte sie etwas Japanisch gelernt. Für den Alltag in Japan allerdings reichte das nicht aus. Zum Glück wurde im Praktikumsbetrieb auf die einzelnen Papiere und Werkzeuge oft mit dem Finger gedeutet:

"Da konnte man sich dann auch mit wenigen Worten verständigen. Aber natürlich vereinsamt man da ein bisschen. Aber man lernt auch sehr viel. Obwohl ich in der Zeit sehr viele Fachbegriffe gelernt habe und ganz wenig Umgangssprache. Man steht dann im Supermarkt und weiß nicht, ist das jetzt ein ganz normaler Joghurt oder ein Sojamilch-Joghurt. Das sind so Dinge, die brauchen einfach Zeit."

Veronika Schäpers faltet ein Blatt Papier zu einem kleinen Haus. Eine Buchseite wird zum Kunstobjekt. In ihrem Rücken steht eine schwere Druckmaschine, mit der sie dieses Papier geprägt hat. Auch aus den Seiten ihres neuen Buchs lassen sich Häuserskulpturen bauen. Es enthält eine

Erzählung des Schriftstellers Heiko Michael Hartmann. Die Geschichte bestimmt die Form des Buchs. Es geht um einen Künstler, der in Bamberg ein Aufenthaltsstipendium hat, an der Stadt verzweifelt, unter Wahnvorstellungen leidet und auf ungeklärte Weise stirbt. Das alles wird wie ein Fall beschrieben.

"Daher habe ich das Buch selber wie eine Akte aufgebaut und Materialien verwendet, die an eine Akte erinnern und habe die auch einfach nur gefaltet. Die sind mit einem Aktenbinder festgebunden. Und dann gibt es bei einer bestimmten Art von Akten und Umlaufmappen Ausstanzungen in den Mappen und Deckeln. Und mit diesen Ausstanzungen habe ich dann auch angefangen zu arbeiten und aus dem Text selber kleine runde Kreise ausgestanzt, die genau die Größe haben von den Ausstanzungen in Mappen, und den ausgestanzten Text dann etwas tiefer und leicht verdreht wieder eingeklebt."

Schließlich sind ja auch die Gedanken der Hauptfigur dieser Geschichte verdreht, schräg, verrückt. Da bei Veronika Schäpers das Buch sich immer nach dem Text richtet, sehen alle ihre Werke vollkommen unterschiedlich aus. Das Buch "Lob des Taifuns" mit Haikus von Durs Grünbein besteht aus länglichen ineinander verschränkten Papierstreifen. Ein anderes Werk sieht gar nicht mehr nach einem Buch aus: In einer ovalen Schachtel befinden sich drei ein Meter lange Latexrollen, die jeweils mit einem Text bedruckt und mit Abdrücken von Fahrradreifenmustern versehen sind. Hergestellt in mühevoller Handarbeit. Zwischen 30 und 40 Exemplare produziert die Buch- und Papierkünstlerin pro Projekt. Die Kunden sind Archive, Museen und private Sammler aus Deutschland, den USA und Japan.

Veronika Schäpers musste sich in Japan weniger anpassen als andere Deutsche. Brachte sie doch schon einige in Japan sehr geschätzte Charaktereigenschaften mit.

"Also ich bin eher ein leiserer Typ. Ich rede nicht so laut. Und ich bin auch niemand, der ein großer Selbstdarsteller ist. Dann bin ich ziemlich akkurat, würde ich sagen. Also wenn ich etwas angefangen habe, dann wird das auch fertig gemacht. Und das passt da ganz gut hin, ja."

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