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Religionen

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ChristentumEin Hafen für Verfolgte
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Religionen / Archiv | Beitrag vom 10.09.2011

Der interreligiöse Dialog nach 9/11

"The Dialogue Project" in New York

Von Michael Hollenbach

Vor einem Jahr erhitzte der geplante Neubau einer Moschee in der Nähe von Ground Zero die Gemüter.
Vor einem Jahr erhitzte der geplante Neubau einer Moschee in der Nähe von Ground Zero die Gemüter. (AP)

Muslime geraten in den USA seit 9/11 schnell unter Generalverdacht. New York gilt eigentlich als die liberalste Stadt der USA. Aber selbst dort ist der interreligiöse Dialog schwierig. "The Dialogue Project" will das seit zehn Jahren ändern.

Eman Rashid ist eine muslimische New Yorkerin, deren Familie aus Palästina stammt. Vor allem die ersten Wochen und Monate nach dem 11. September seien für viele Muslime furchtbar gewesen, erzählt die 42-jährige Lehrerin. Und die Auswirkungen seien bis heute spürbar:

"Es herrscht Angst in der muslimischen Gemeinschaft, weil viele festgenommen, inhaftiert und deportiert worden sind nach dem 11. September. Ich kenne muslimische Familien mit Teenagern, die nach ihrer Festnahme monatelang im Gefängnis saßen, denen mit Folter gedroht wurde – in diesem Land. Die wurden schließlich entlassen, aber nur weil Nicht-Muslime sich für sie eingesetzt haben."

Dass bei dem Anschlag auf die Twin Towers auch mehr als 100 Muslime getötet wurden, werde meist ausgeblendet, sagt Eman Rashid. Manchmal habe sie das Gefühl, sich dafür entschuldigen zu müssen, Muslimin zu sein:

"Ich habe eine Art Minderwertigkeitskomplex. Als Muslimin lebe ich in diesem Land in einer Minderheit, die als Teil eines großen Problems gesehen wird: Terrorismus. Die Leute sind zuerst ganz freundlich, aber wenn sie fragen, wo kommst du ursprünglich her, und ich sage: ich bin Palästinenserin, dann kannst du beobachten, wie ihr Gesicht sich verändert."

Eman Rashid macht mit bei dem "Dialogue Project" – eine New Yorker Organisation, die das interreligiöse Gespräch vorantreiben will. Die Teilnehmer treffen sich einmal monatlich in großer Runde im New Yorker Stadtteil Brooklyn. Neben der aus Palästina stammenden Muslimin Eman Rashid sitzt die Jüdin Nirit Gordon.

Die Psychologiestudentin der New York University berichtet von ihrer Professorin an der Uni:

"Ihr Nachname ist Ali. Und nach dem 11. September – sie stammt ursprünglich aus Kanada - hatte sie jede Menge Ärger, wenn sie aus- oder einreisen wollte. Sie lebt schon lange in New York, und nur wegen ihres Nachnamens hat sie so viel Ärger bekommen. Ich finde es sehr traurig, dass gerade in den USA, wo wir wirklich eine Demokratie haben, Muslime verfolgt werden, nur weil sie Muslime sind. Ich finde, das ist sehr gefährlich."

Das erinnere sie an die christlichen Kreuzzüge gegen den Islam, sagt die 29-Jährige.

Wilfried Wassermann ist Pfarrer der deutschen evangelischen St.-Pauls-Gemeinde im New Yorker Stadtteil Chelsea. Sein Eindruck: Die Muslime seien in New York weitgehend aus der Öffentlichkeit verschwunden, abgetaucht ins Private:

"Die Menschen haben sich eindeutig zurückgezogen, und hier in den USA Moslem zu sein, ist im Moment keine einfache Sache, weil ja nicht nur der Anschlag von 9/11 war, sondern auch eine Reihe kleinerer Anschläge oder Anschlagsversuche wie die Bombe am Times Square, die ja zum Glück nicht hochging, gezeigt hat."

Pfarrer Wilfried Wassermann räumt offen ein, keine Muslime näher zu kennen. Nichts Ungewöhnliches selbst in einer Stadt, in der eigentlich eine babylonische Vielsprachigkeit herrscht und tagtäglich Multikulturalismus gelebt wird. Mehr als die Hälfte der Amerikaner gibt in Umfragen an, nichts oder nur sehr wenig über den Islam zu wissen. Und knapp 40 Prozent erklären zugleich, sie hätten eine schlechte Meinung über den Islam. Die ablehnende Haltung der Amerikaner gegenüber dem Islam ist seit 2001 kontinuierlich gestiegen – vor allem seit der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008.

Wie allergisch viele Amerikaner auf die muslimische Gemeinschaft reagieren, wurde im Sommer vergangenen Jahres deutlich, als in der Nähe von Ground Zero ein islamisches Kulturzentrum gebaut werden sollte.

Lorraine Soreta gehörte zu den Demonstrantinnen. Ihr Sohn wurde am 11. September im World Trade Center getötet. Lorraine Soreta war Mitglied der vom US-Kongress eingerichteten Kommission, die die Hintergründe der Terrorschläge untersucht hat. Dass sie von dem geplanten islamischen Kulturzentrum nichts hält, daraus macht sie kein Hehl:

"Ich denke, es ist nicht notwendig, die Moschee so nah an Ground Zero zu bauen. Ich habe keine Probleme mit religiöser Freiheit. Ich denke aber, wir müssen schauen, wo das Geld herkommt. Es gibt viele Vermutungen, es könnten Terroristengelder sein, und wir müssen dem nachgehen."

Die Muslimin Eman Rashid kann den Schmerz der Hinterbliebenen verstehen, aber nicht, dass über das Moscheeprojekt so viele Gerüchte gestreut wurden:

"Wenn man die Dinge hört, die die Leute im Fernsehen erzählen: unglaublich. 'Eine Moschee in der Nähe der Türme zu errichten, das sei so, als ob man ein Trainingscamp für Terroristen eröffne'. Es ist offenbar okay, ein Striplokal in der Nähe von Ground Zero zu haben. Aber es ist nicht okay, ein Kulturzentrum zu bauen für Leute, die keine Islamisten sind. Oh mein Gott, das nervt mich dermaßen."

Dass das islamische Kulturzentrum bald Realität wird, dafür setzt sich Marcia Kannry ein. Sie hat vor zehn Jahren "The Dialogue Project" ins Leben gerufen – ein halbes Jahr vor dem 11. September 2001. Die amerikanische Jüdin war als junge Frau selbst voller Wut und Hass, als ihr damaliger Freund, ein israelischer Soldat, von palästinensischen Milizen getötet wurde. Doch dieser Hass ist der Einsicht gewichen, dass nur ein Diskussionsprozess zu Lösungen führen kann. Das Dialog-Projekt bringt Menschen unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlicher Religionen zusammen, um ein besseres gegenseitiges Verständnis zu erreichen und Konflikte zu entschärfen. In sogenannten Teach-ins wird über Differenzen in Glauben und Tradition debattiert, einmal im Jahr findet ein großes interreligiöses Forum mit Geistlichen aller großen Glaubensrichtungen statt.

Daneben kommen kleinere Gruppen jede Woche zu "Coffee and Conversation" zusammen, um einerseits mit Einwanderern Englisch zu üben, andererseits locker über deren religiöse Tradition zu reden:

"Wir sprechen auch über Unterschiede, die in der Nachbarschaft deutlich werden. Dort wohnen Leute, deren Vorfahren deutsche Lutheraner waren, und dorthin ziehen dann arabische Muslime oder indische Sikhs und die leben dann neben italienischen oder irischen Katholiken und auch neben Juden. Diese Erfahrungen verändern einen."

Der Ansatz des Dialog-Projektes: Der Austausch der persönlichen Erfahrungen soll nicht im Privaten bleiben, sondern zu tragfähigen Konzepten der Kommunalpolitik führen. Mehr als ein Drittel der Teilnehmer am Dialog sind Muslime – wie Eman Rashid. Entscheidend ist für sie, zunächst einmal die jeweils andere Seite zu verstehen:

"Für mich ist das Dialog-Projekt ein Ort, an dem ich mit Leuten zusammensitzen kann, mit denen man zum Beispiel in Israel oder Palästina nie zusammen wäre. Und du siehst sie und hörst ihnen als Menschen zu, und du siehst sie nicht als die anderen, du machst sie nicht klein. Du machst sie nicht zu den bad guys, weil du sie im Dialog-Projekt wirklich kennenlernst."

"The Dialogue Project" ist ein Schritt zur besseren Integration der Muslime; das islamische Kulturzentrum in der Nähe von Ground Zero könnte ein weiterer sein. Entscheidend sei aber, so der jüdische Publizist und künftige Rabbiner Joshua Stanton, dass sich die amerikanischen Muslime stärker organisieren, um sich gegen die Diskriminierung zur Wehr zu setzen:

"Was ich beobachte bei den islamischen Gemeinschaften in den USA: Sie gründen große Vereinigungen, sodass es egal ist, ob man aus Indonesien stammt oder aus Thailand oder Singapur, oder aus dem Mittleren Osten. Es ist vielmehr entscheidend, dass man in den USA lebt und ein Moslem ist. Ich denke, diese Organisationen sind dabei, eine muslimisch-amerikanische Identität auszuprägen, die es so bisher nicht gab."

In der Tat war auch in der Vergangenheit nicht so sehr der viel beschworene Schmelztiegel der einzige Motor der Integration, sondern der Aufbau starker Organisationen, in denen die Religionsgemeinschaften ein eigenes Selbstwertgefühl und einen eigenen Gemeinsinn entwickeln konnten. So war es bei den Katholiken, die noch Mitte des 20. Jahrhunderts als papsthörig und als demokratieuntauglich beschimpft wurden. Und auch bei der jüdischen Gemeinschaft hat die Anerkennung lange gedauert.

Heide Neumark, lutherische Pfarrerin an der Trinity-Church in Manhattan, zieht einen historischen Vergleich:

"Als mein Vater 1938 als jüdischer Flüchtling nach New York kam, da fand sich in den Stellenangeboten in den Zeitungen, sogar noch in den 50er-Jahren, der Hinweis: Jobs – nur für Christen. Und es war klar, damit waren die Juden gemeint. Heute - nach dem 11. September - sind es die Muslime, die diskriminiert werden. Und das vermittelt ihnen das Gefühl, hier nicht erwünscht und nicht sicher zu sein."

Aus den Trümmern des World Trade Center haben Bauarbeiter zwei Stahlträger geborgen, die in der Form eines Kreuzes stehen geblieben waren. Dieses Kreuz wurde neulich von einem Priester geweiht und wird nun neben einem jüdischen Davidstern den Besuchern der neu errichteten Gedenkstätte an Ground Zero präsentiert. Einen muslimischen Halbmond wird man hier vergeblich suchen.

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