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Fazit / Archiv | Beitrag vom 27.10.2010

"Der größte Mann in dieser Geschichte ist Joschka Fischer"

Ex-Mitarbeiterin Henseler lobt Historiker-Studie über Verwicklungen des Auswärtigen Amtes in Nazi-Verbrechen

Marga Henseler im Gespräch mit Frank Meyer

Kinder im KZ Auschwitz kurz nach der Befreiung des Lagers durch die Rote Armee, 1945 (AP)
Kinder im KZ Auschwitz kurz nach der Befreiung des Lagers durch die Rote Armee, 1945 (AP)

Marga Henseler, ehemalige Mitarbeiterin des Auswärtigen Amtes, ist "sehr zufrieden" mit der jetzt vorgelegten Historiker-Studie zur Verstrickung des Amtes in die Nazi-Verbrechen. Das Wichtigste sei, dass daraus jetzt "ein tolles Buch" entstanden sei.

Frank Meyer: Es gibt wenige historische Studien, die so einschlagen wie diese: die Studie über das Auswärtige Amt im Dritten Reich, die morgen offiziell vorgestellt wird. Die wichtigste Erkenntnis daraus: Das Außenamt war aktiv am Völkermord an den europäischen Juden beteiligt, und nach 1945 hat zumindest eine Stelle des Auswärtigen Amtes Kriegsverbrechern bei der Flucht geholfen. Der frühere Außenminister Joschka Fischer hat diese Studie in Auftrag gegeben, und er hat zum Anstoß für diese Untersuchung gesagt: Marga Henseler war der Auslösefaktor. Sie hat einen Brief geschrieben, der das Ganze ins Rollen brachte. Marga Henseler ist jetzt für das "Radiofeuilleton" am Telefon. Seien Sie herzlich Willkommen, Frau Henseler!

Marga Henseler: Hier bin ich, vielen Dank!

Meyer: Frau Henseler, jetzt liegt endlich auf dem Tisch mit dieser Studie, welche Rolle das Auswärtige Amt in der Nazizeit gespielt hat und wie viele Leute mit brauner Vergangenheit in dem Amt auch in der Bundesrepublik gearbeitet haben. Was bedeutet das denn jetzt für Sie, dass es jetzt diese Studie gibt?

Henseler: Ich war die letzten Jahre im Auswärtigen Amt Sachbearbeiterin im Referat 117, das ist die Editorengruppe, die die Akten zur auswärtigen Politik geschrieben haben. Und durch diese Gelegenheit habe ich Dr. Hans-Jürgen Döscher kennengelernt, und der hat schon Bücher geschrieben 1988 über das Auswärtige Amt und diese Seilschaften, und alles, was ich gemacht habe, wäre nicht so weit publiziert worden, wäre es nicht Dr. Döscher gewesen, der das publik gemacht hat.

Meyer: Also man hätte das alles schon viel früher wissen können?

Henseler: Selbstverständlich. Der hat das Buch ja schon 1988 geschrieben, und das hat mir so imponiert, dieses Buch, und ich habe mich mit ihm in Verbindung gesetzt. Zu der Zeit kannte ich natürlich Dr. Nüßlein, aber Dr. Nüßlein hat nie so eine große Rolle in meinem Leben gespielt, wie die Leute das heute darstellen.

Meyer: Das müssen wir jetzt kurz erklären, Frau Henseler: Sie haben ja einen Brief geschrieben, erst an den Außenminister Joschka Fischer, dann, als Sie da eine unbefriedigende Antwort bekommen haben, an den Bundeskanzler selbst, damals Gerhard Schröder. Und in diesem Brief ging es um einen ehrenden Nachruf für den Generalkonsul Franz Nüßlein.

Henseler: Es war weniger der ehrende Nachruf als die Tatsache, dass in der Todesanzeige gestanden hat, er wäre interniert gewesen. Also das war eigentlich mehr der Auslöser gewesen.

Meyer: Interniert in der Tschechoslowakei.

Henseler: Ja, im Gefängnis. Und wissen Sie, Internierung ist keine Strafe, sondern er hat wirklich gesessen als Gefangener in diesem Gefängnis in (…), das sollte man sich überlegen.

Meyer: Als verurteilter Kriegsverbrecher hat er dort gesessen.

Henseler: Als ... Er war Kriegsverbrecher, ja. Es war das Wort "Internierung", das mich auf die Palme gebracht hat, und da habe ich also dann geschrieben an Joschka Fischer und wollte das richtig stellen, das ist eine Fälschung, eine Geschichtsfälschung. Und dann habe ich so einen Bla-bla-Brief bekommen, und dann bin ich hingegangen und habe also an Schröder geschrieben. Aber man darf nicht vergessen, dass der Referent auch eine große Rolle gespielt hat, wer immer er war. Ob einem Minister ein Brief vorgelegt werden wird, das entscheidet der Referent, der die Briefe bekommt.

Meyer: Aber warum war Ihnen das so wichtig, dass dieser Franz Nüßlein, der ja Staatsanwalt und Oberstaatsanwalt war in Prag und an vielen Todesurteilen mitgewirkt hat dort in der Nazizeit, warum war Ihnen das so wichtig, dass dieser Franz Nüßlein nicht auch noch posthum so eine Art Persilschein bekommt?

Henseler: Ja, wissen Sie, er war ja befreundet mit meinem Onkel und meiner Tante, und dann kam er hier wieder zurück, und ich habe das alles gar nicht gewusst. Aber Anfang 1964 ist mir dieses Dokument von der DDR in die Hände gekommen, ...

Meyer: Ein Dokument über die Vergangenheit von Franz Nüßlein.

Henseler: Nein, über die ganzen ... von Rippentrop bis Adenauer, das war in Englisch, und alle, alle Kriegsverbrecher, deutschen Kriegsverbrecher ... Aber das meiste war über Nüßlein. Man hat mir später hier in Bonn und überall vorgeworfen, ich hätte früher etwas machen sollen, aber Sie müssen sich vorstellen: Im Auswärtigen Dienst geht alles seinen Dienstweg.

Meyer: Da müssen wir vielleicht jetzt kurz erklären, Frau Henseler: Sie waren selbst fast 20 Jahre im Auswärtigen Amt, grob gesagt von 1960 bis 1979, und wenn Sie damals sozusagen als Angestellte des Auswärtigen Amtes etwas unternehmen hätten wollen gegen Franz Nüßlein, der da ein hohes Tier war im Auswärtigen Amt, hätten Sie eben diesen Dienstweg einhalten müssen.

Henseler: Nachdem ich 1964 das in Händen hatte und hatte das gelesen, habe ich gedacht, das ist doch unglaublich! Aber was sollte ich machen? Ich hatte ja auch nichts in der Hand gehabt gegen ihn. Ich kann doch nicht dem Auswärtigen Amt vorschreiben, welche Leute sie einstellt.

Meyer: Deutschlandradio Kultur, wir sind im Gespräch mit Marga Henseler, Ihre Hartnäckigkeit hat die gegenwärtige Untersuchung über das Auswärtige Amt im Dritten Reich in Gang gebracht. Wenn wir kurz in Ihre eigene Geschichte zurückschauen, Frau Henseler, die ja auch, denke ich, mit Ihrer Haltung heute zu all diesen Fragen zu tun hat: Sie haben selbst in Gestapo-Haft gesessen im Zweiten Weltkrieg, Sie waren in Belgien. Wie ist es dazu gekommen?

Henseler: Ich war keine Widerstandskämpferin, das möchte ich betonen. Ich war ein absolut unpolitischer Mensch. Ich bin verhaftet worden, als ich von einer Dienstreise zurück kam von Paris nach Brüssel, und da bin ich verhaftet worden. Um was es sich gehandelt hat, wenn sie mich fragen – Kokolores, alles Quatsch. Und nachdem der Mann gemerkt hat, der Dr. Bauer ... der Dr. Bauer ist einer der berüchtigtsten Kriegsgerichtsräte gewesen, und nachdem er gemerkt hat, dass ich nichts wusste, hat er gesagt: Wenn Sie weiter so lügen, werde ich Sie für Ihr Lebzeiten nach Ravensbrück bringen. Dann hat Berlin darauf bestanden, dass ich entlassen wurde.

Meyer: Frau Henseler, wir haben vorhin schon über Franz Nüßlein gesprochen, über seine Rolle auch in Prag damals in der Nazizeit. Sie haben vor Jahren schon in einem Gespräch gesagt: Als Sie gearbeitet haben im Auswärtigen Amt, da hätten Sie in einer Abteilung dort das Gefühl gehabt, in ein Verbrechernest gestoßen zu sein. Was meinen Sie denn damit?

Henseler: Also Sie müssen sich vorstellen, zum Schluss war ... ich in der Rechtsabteilung war ich abgeordnet, da habe ich in Akten – ich musste irgend so etwas aus den Akten machen –, ... Strafsachen waren das gegen Angehörige des Auswärtigen Amtes. Können Sie sich vorstellen, wie entsetzt ich war? Das Auswärtige Amt hat alle diese Verbrecher gedeckt, und das hat mein Rechtsempfinden gestört.

Meyer: Also Sie haben dort mitbekommen innerhalb der Rechtsabteilung des Auswärtigen Amtes, dass Leute mit NS-Vergangenheit gedeckt wurden.

Henseler: Nein, das hat mit der NS überhaupt nichts zu tun gehabt, es waren Strafakten, zum Beispiel Trunkenheit am Steuer, jemanden totgefahren, oder gestohlen oder sonst irgendetwas gemacht – reine Straftaten.

Meyer: Was die Studie, die jetzt herausgekommen ist, ja auch aufgedeckt hat, war – und was viele sehr entsetzt hat –, dass die Zentrale Rechtsschutzstelle des Auswärtigen Amtes gesuchte Kriegsverbrecher auf ganz dreiste Weise gedeckt hat. Haben Sie davon etwas gehört, als Sie gearbeitet haben im Auswärtigen Amt?

Henseler: Nein, nein. Auswärtigen Amt ist überhaupt nicht gesprochen worden, ich habe ja die Wirtschaft gemacht und Öffentlichkeitsarbeit, wo ich war, in Casablanca und in (…) und nachher in Los Angeles nie über solche Sachen gesprochen, nie.

Meyer: Wir müssen noch eine seltsame Geschichte ansprechen, Frau Henseler, es gibt in der "FAZ" jetzt auch einen Artikel, in dem behauptet wird, dass Sie diesen Franz Nüßlein – um diese Figur rankt sich ja diese ganze ... Ihr Brief, der die ganze Geschichte, diese Studie, jetzt ins Rollen gebracht hat, dieser Franz Nüßlein –, dass Sie ihn selbst um eine Empfehlung gebeten hätten und sich jetzt ausgesprochen haben gegen eine Ehrung für diesen früheren NS-Juristen. Stimmt das? Haben Sie diesen Franz Nüßlein tatsächlich um eine Empfehlung gebeten?

Henseler: Ich habe niemals den Nüßlein um eine Vermittlung gebeten, das ist glattweg eine Lüge. Franz Nüßlein war damals ja in der Personalabteilung, und er hatte ja meinen Onkel gekannt. Ich habe mit ihm gesprochen, er war ja Personalchef gewesen. Ich habe ihn niemals gefragt um eine Empfehlung. Wenn er aber von sich aus eine Empfehlung geschrieben hat, die in meine Akte gekommen ist, davon weiß ich nichts. Sie müssen sich vorstellen: Personen, Kräfte, die ich damals waren, wurden gesucht. Bei meinen Qualifikationen habe ich es nicht nötig, jemanden, der mir hilft. Aber worüber ich mich geärgert habe, ist, dass in der Zeitung gestanden hat, was ich für eine Person gewesen bin, also mit anderen Worten: Ich habe die Hand, die mich gesegnet hat, gebissen. Das ist einfach gelogen.

Meyer: Es ist auch merkwürdig, dass dieser Vorgang, diese angebliche Empfehlung, jetzt aus Ihren Personalakten auftaucht, oder?

Henseler: Ja, und vor allen Dingen möchte ich wissen, wer in meinen Personalakten ohne meine Genehmigung rumgeschnüffelt hat! Das ist doch eine schreckliche Geschichte. Was erlauben sich die Leute eigentlich? Die wollen mich diffamieren.

Meyer: Frau Henseler, jetzt gibt es aber auf der anderen Seite diese große Studie, fast 900 Seiten schwer, die sehr stark öffentlich wahrgenommen wird, eben über das Amt und seine braune Vergangenheit. Die kriegt sicher einen Ehrenplatz bei Ihnen im Bücherregal, wenn Sie die in Händen halten?

Henseler: Na ja, ich habe so viele Bücher. Aber ich möchte Ihnen doch eins mal sagen: Ich habe zwar die Sache angestoßen. Niemand war mehr überrascht gewesen von der Geschichte, welche Wellen die geschlagen hat. Aber darum geht es jetzt ja gar nicht mehr, das war nur der Anstoß gewesen. Und Professor Conze hat ein tolles Buch geschrieben daraus. Und das ist das Wichtigste an der ganzen Geschichte.

Meyer: In einem Kommentar im Westdeutschen Rundfunk hieß es jetzt, Marga Henseler, also Sie, Sie müssten jetzt eigentlich einen Ehrenplatz im Auswärtigen Amt bekommen. Was würden Sie denn davon halten?

Henseler: Was soll das denn sein? Wollen die ein Bild von mir aufhängen in der Ahnengallerie?

Meyer: Wäre doch keine schlechte Idee.

Henseler: Lassen wir das mal, das wird sich alles herauskristallisieren. Jedenfalls bin ich sehr zufrieden. Ich bin nur ein kleines Rädchen gewesen, und ohne Professor Döscher und natürlich nachher Conze ... und vor allen Dingen der größte Mann in dieser Geschichte ist Joschka Fischer, der den Mut gehabt hat, das zu machen. Man hat ihn ja sehr, sehr deswegen angefeindet. Ja, so ist es nun mal.

Meyer: Marga Henseler, Ihre Briefe an den Außenminister und den Bundeskanzler haben die Studie über das Auswärtige Amt im Dritten Reich in Gang gebracht. Ich danke Ihnen sehr für dieses Gespräch, Frau Henseler!

Henseler: Bitte!

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