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Buchkritik

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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 29.05.2012

Der Fußball als Folie für gesellschaftliche und politische Themen

Verein translit e.V (Hg.): "Wodka für den Torwart. 11 Fußballgeschichten aus der Ukraine." Edition Fototapeta, Berlin 2012

In "Wodka für den Torwart" geht es vor allem um die Geschichten abseits der großen Spiele.
In "Wodka für den Torwart" geht es vor allem um die Geschichten abseits der großen Spiele. (picture alliance / dpa - Jens Kalaene)

Quer durch die Jahrzehnte und weit über den Fußball hinaus reichen die Einblicke in die Ukraine in "Wodka für den Torwart". Leider bedient der titelgebende Wodka lediglich das Klischee, denn ein Wodka trinkender Torwart fehlt, dafür aber ist das Buch umso vielstimmiger und lesenswerter.

Die Ukraine ist ein fußballbegeistertes Land. Dynamo Kiew oder Schachtar Donezk sind international bekannte Clubs. Spieler wie Oleg Blochin wurden berühmt, das sogenannte "ukrainische Brasilien" in Transkarpatien verehren Fans bis heute als Wiege des heimischen Fußballs. Doch jenseits des Sports (und der Politik) ist die Ukraine von Westeuropa aus betrachtet terra incognita - vor allem, wenn es um ihre junge Literaturszene geht und um Autoren, die überwiegend in den 70er und 80er Jahren geboren sind.

Der Titel der Anthologie "Wodka für den Torwart" mag dem wohlmeinenden Bemühen geschuldet sein, den Leser dort abzuholen, wo er in seiner Unkenntnis steht. Und doch ist das Klischee vom trunkenen Slaven ein bedauerliches Ärgernis dieses Buchs. Erst recht, da keiner der elf Beiträge einen wodkatrinkenden Torwart zu bieten hat - dafür aber einen Torwart, der mit Medikamenten außer Gefecht gesetzt wird: Die Eingangserzählung "Der Transfer" ist eine temporeiche Ganovenposse von Maxym Kidruk. Es geht um die Entführung eines italienischen Profi-Spielers, der vom Fantasie-Club "Torpedo Kiew" eingekauft wurde, einem ukrainischen Kleinkriminellen zum Verwechseln ähnlich sieht - und klammheimlich ausgetauscht werden soll.

Von Serhij Zhadan, dem hierzulande bekanntesten der versammelten Autoren, stammt der Text "Weiße Hemden, schwarze Hosen". Mit präzisen Zeitangaben dokumentiert der Ich-Erzähler minutiös den Verlauf eines Tages, an dessen Ende ein Länderspiel der Ukraine gegen die Türkei steht. Beziehungsprobleme, berufliche Enttäuschungen, Alltagsfrust - all das verliert an Bedeutung, je näher der Anpfiff rückt:

"Der ganze Fußball, die ganzen selbstgewählten Leidenschaften und der ganze absichtliche Wahnsinn, unsere aufgesetzte Bosheit und stimulierte Freude, das sind alles nur Versuche, etwas in den Alltag zurückzuholen, was uns schon lange und unwiederbringlich verloren gegangen ist."

In vielen Texten des Bandes wird der Fußball zur Folie für gesellschaftliche und politische Themen. Es geht um Armut, Korruption, um Rassismus: "Die Fußballschuhe" heißt die Erzählung von Saschko Uschkalow, in der ein afrikanischer Student nicht die Mittel hat, seine Prüfungen mit Schmiergeld zu erkaufen. Er steht deshalb auf dem Markt und verkauft Schmuck. So wird ein nicht eben rosiges Bild der heutigen Ukraine gezeichnet. Wiederkehrendes Motiv ist der gnadenlose Turbokapitalismus und seine seelischen und ideellen Kollateralschäden. Die Journalistin und Autorin Tanja Maljartschuk etwa hält sie pointiert und eindrücklich fest in "Kiew - mein persönlicher Reiseführer".

Den Kontrapunkt zu solcherlei Gegenwarts-Prosa liefern Literaten wie Jurij Wynnytschuk, der in seiner Erzählung "Die uns beobachten" an ein düstereres Kapitel ukrainischer Geschichte erinnert: an die Angst vor Verfolgung in den Stagnationsjahren der späten Sowjetunion und an die Erschießung - fußballspielender! - Priesteranwärter kurz nach dem 2.Weltkrieg. Quer durch die Jahrzehnte und weit über den Fußball hinaus reichen die Einblicke in die Ukraine. Diese Vielstimmigkeit macht das Buch so lesenswert.

Besprochen von Olga Hochweis

Verein translit e.V (Hg.): Wodka für den Torwart. 11 Fußballgeschichten aus der Ukraine.
Mit Beiträgen von Natalka Sniadanko, Oksana Sabuschko, Serhij Zhadan u.a.
Edition Fototapeta, Berlin 2012
208 Seiten, 12,80 Euro

Links auf dradio.de:

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