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Der erste große Weimarer

Vor 200 Jahren starb der Schriftsteller Christoph Martin Wieland

Von Jürgen Wertheimer

Zeitgenössisches Porträt des Dichters Christoph Martin Wieland. (Fotografie des Kupferstichs von Johann Friedrich Bause)
Zeitgenössisches Porträt des Dichters Christoph Martin Wieland. (Fotografie des Kupferstichs von Johann Friedrich Bause) (picture alliance / dpa / Fritz Fischer)

In einem Club der toten Dichter wäre Christoph Martin Wieland ein Ehrenplatz sicher: Selten wurde ein Großer seiner Zeit so gründlich vergessen wie der Autor, Philosoph, Essayist, Librettist und Übersetzer Wieland.

"Wieland? –Hm. – Ein berühmter Name, gewiss; aber wie ich gestehen muss, mir nur eine Schattengestalt. Die Literaturgeschichte hat ihn doch längst so endgültig abgetan, dass Sie schon viel und gewichtiges Material werden beibringen müssen, um ihn auch nur wieder ernsthaft diskutabel zu machen."

Der etwas ungeduldige "Dazwischenredner" in Arno Schmidts "Wieland"-Dialog hat nicht ganz unrecht. Wenngleich es definitiv ungerecht ist, dass einer der großen Literaturmenschen des Siècle des Lumières so sehr ins Abseits geraten ist. Als er am 20. Januar 1813 in Weimar starb, wo er 40 Jahre seines Lebens verbracht hatte, war es, als ob mit ihm eine Ära zu Ende gegangen wäre. Christoph Martin Wieland, 1752 in einem schwäbischen Pfarrhaus geboren, verstand es, sich den pietistischen Dressurakten und geistlichen Knebelungen zu entziehen und sich zum Kosmopoliten, zum weltbürgerlich gesonnenen Aufklärer freizudenken und im Gefolge von Diderot, Voltaire, Swift und Sterne auch freizuschreiben. Man macht einen Fehler, wenn man sich den ersten der großen Weimarer als eleganten, aber leichten und selbstgenügsamen Schriftsteller denkt, denn, so Arno Schmidt,

"... natürlich ist Wieland nervös, wie nur je ein Intellektueller; zappelig im Kaffeerausch, Alkohol trank er nie, aber eben das zusammen mit einem blitzartig arbeitenden Gehirn, dessen Gangliensystem ein Netz nicht von Einbahnstraßen, sondern von Autobahnen war, ergibt dann das Feuerpulver seiner Prosa."

Weshalb dieses intellektuelle "Pulver" in den mythen-, konflikt- und fortschrittssüchtigen Folgejahrhunderten feucht geworden zu sein scheint?
Vielleicht sind es gerade seine spezifischen Qualitäten, die Wieland in den Augen der Nachfahren rasch haben altern lassen: seine Liebe zum Detail, zum intertextuellen Spiel, ja zur Verspieltheit, seine kunstvolle Harmoniefähigkeit und feine Ironie und seine weltanschauliche und stilistische Geschmeidigkeit, hinter der sich Aufrichtigkeit und weltkluger Pragmatismus verbargen. Selbst die als überaus kritisch gefürchtete Deutschlandkennerin Madame de Stael lobte:

"Es stecken in ihm ein deutscher Dichter und ein französischer Philosoph, die wechselweise miteinander zürnen. Er macht die Wissenschaft ... der Literatur dienstbar. Und er gab einer rauen Sprache eine musikalische anmutige Geschmeidigkeit."

Ob sein Entwicklungsroman "Die Geschichte des Agathon" von 1767 oder der 1772 erschienene pädagogische Staatsroman "Der goldene Spiegel", stets gelingt es Wieland, selbst gedanklich auseinanderstrebende Kräfte erzählerisch aneinanderzubinden und Antagonismen vorübergehend zu versöhnen – bis hin zu seinem Altersroman "Aristipp", in dem ein ganzes Geflecht von Stimmen kompositorisch eingebunden wird. Doch auch jenseits der Literatur war Wieland bis ins hohe Alter ein offener, freisinniger und eigenwilliger Zeitgenosse und Zusammenführer, vor allem als Autor und Herausgeber, der mit dem "Teutschen Merkur" eine Kulturzeitschrift ins Leben rief, die den Lesern ein Gefühl von Weltbürgerschaft und Zeitgenossenschaft vermittelten. Ebenso bahnbrechend waren seine Shakespeare-Übersetzungen, an denen sich noch die Romantiker orientierten, wie auch sein Bemühen um die deutschsprachige Oper – er schrieb das Libretto zu "Alceste".

Nicht nur um der historischen Gerechtigkeit willen ist es angebracht, der Ausnahmebegabung Christoph Martin Wieland wieder mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Neben der Vielgestaltigkeit seiner Arbeiten überzeugt die überraschende Modernität seiner Arbeitsweise, ein akribisches Abtasten des Gefälles zwischen Denken, Sprache und Wirklichkeit. Es gehe nicht nur darum, sich an den Dingen der Wirklichkeit selbst abzuarbeiten, sondern, so seine Argumentation, Aufklärung sei vor allem als "ästhetische Erziehung des Menschen", als Schulung der Wahrnehmung zu begreifen.
Aus all diesen Gründen fördert Jan Philip Reemtsma seit Jahren die nationale Gedenkstätte in Wielands ehemaligem Gut Oßmannstedt bei Weimar, denn

"Durch diese Aktivitäten geriet Weimar in den Blick der kulturellen Öffentlichkeit, auch durch Wielands präsentia. Und als Goethe hierher kam, kam er zu Carl August, aber eben auch an einen Ort, wo der Ältere, Wieland, schon war. Und dann holten Wieland und Goethe Herder hierher, machten kulturelle Personalpolitik. Und dann wurde es irgendwann ein Ort, wo die jungen Autoren hin wollten."

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