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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 22.10.2010

Der Beatles-Bassist und die Fotografin

Arne Bellstorf: "Baby's in black. The story of Astrid Kirchherr & Stuart Sutcliffe", Reprodukt, Berlin 2010, 214 Seiten

Die Beatles 1964 im Fernsehstudio (AP)
Die Beatles 1964 im Fernsehstudio (AP)

Arne Bellstorfs "Baby´s in Black" macht ein weniger bekanntes Kapitel der frühen Beatles-Geschichte auf ungewöhnliche Weise plastisch - die Liebesgeschichte von Stuart Sutcliffe, dem ersten Bassisten der Band, und der deutschen Fotografin Astrid Kirchherr.

"Baby´s in black" erzählt eine besondere Liebesgeschichte des 20. Jahrhunderts: die von Stuart Sutcliffe, dem ersten Bassisten der Beatles, und der deutschen Fotografin Astrid Kirchherr. Die beiden hatten sich im Oktober 1960 im Hamburger "Kaiserkeller" kennengelernt. Sutcliffe stand auf der Bühne. Astrid Kirchherr saß mit ihrem Freund Klaus Voormann im Publikum.

Kirchherr war die erste, die die Beatles - auf heute legendären Aufnahmen - am Hamburger Dom fotografierte. Sie prägte mit ihrem dunklen "Existentialisten-Look" die Band auch ästhetisch. Schwarz war die Farbe ihrer Kleidung. Schwarz steht ebenso für die Düsternis dieser Liebesgeschichte. Sie endete im April 1962 mit Sutcliffes Tod. Er starb mit 21 Jahren an einer Hirnblutung auf dem Weg ins Krankenhaus. Neben ihm im Taxi saß Astrid Kirchherr.

Sutcliffe war kein begabter Musiker. Aber als "Künstler" der Band hatte er enormen Einfluß auf seinen besten Freund John Lennon. Die beiden hatten sich Ende der 50er Jahre, als 18-Jährige, an der Kunsthochschule in Liverpool kennengelernt. Lennon bewunderte Sutcliffe als einen der begabtesten Schüler am College. Sutcliffe umgekehrt war fasziniert von der Leidenschaft Lennons für die Musik. Ihm zuliebe kaufte er sich einen Bass. Die Malerei stellte er zurück - zugunsten einer gemeinsamen Band und der bald folgenden Auftritte in Hamburg.

Aber die Begegnung mit Astrid Kirchherr veränderte Sutcliffes Leben (übrigens auch sein Äußeres: er war der erste Beatle, der den Pilzkopf trug). Er konzentrierte sich zunehmend auf sein künstlerisches Schaffen, den abstrakten Expressionismus, erhielt ein Stipendium vom Hamburger Senat und studierte an der dortigen Kunsthochschule. Seine Auftritte mit den Beatles wurden seltener. Als seine Bandkollegen für kurze Zeit nach Liverpool zurückgingen, blieb Sutcliffe in Hamburg bei Astrid, mit der er sich verlobt hatte und zusammen wohnte.

Seine Migräne-Anfälle häuften sich. Er erlitt Erschöpfungszustände und Zusammenbrüche, und starb doch völlig unerwartet. Astrid Kirchherr blieb auch nach seinem Tod in Kontakt mit den übrigen Beatles, begleitete sie u.a. als Fotografin bei den späteren Beatles-Filmen. Die heute 72-Jährige lebt immer noch in Hamburg. Sie unterstützte Arne Bellstorf bei diesem Comicbuch mit Informationen und Anregungen, was schon die Dialoge (überwiegend in Englisch, im Anhang mit deutschen Übersetzungen), aber auch die Darstellung der Ereignisse sehr authentisch macht.

Dennoch ist dieses Buch trotz aller Detail-Kenntnisse nie voyeuristisch. Das liegt am Stil von Arne Bellstorf. Zeichnerisch orientiert er sich an der sogenannten "Ligne claire" des belgischen Comic-Zeichners Hergé. Präzise schwarz-weiße Konturen, wenig Schraffuren, eine große Ruhe bestimmen die Bilder. Die Figuren sind vereinfacht, fast naiv, ohne große mimische Regungen dargestellt, was den Raum für eigene Interpretation öffnet.

Die Geschichte ist auch inhaltlich klar strukturiert, in fünf Kapitel - von der ersten Begegnung im damaligen Sündenbabel St. Pauli bis hin zur Szene am Flughafen, als Astrid Kirchherr nach Sutcliffes Tod dessen Mutter abholen will und dabei die anderen Beatles trifft. Szenen wie diese verzichten auf Worte. Das Schweigen ist ein zentraler Bestandteil dieser Bilder. Es gibt ihnen eine psychologische Tiefe und große Würde.

Wiederholte Traumszenen, aber auch der Moment, als Sutcliffe stirbt, verstören durch eben dieses Schweigen und klingen nach. Sie sind ein gelungener Kontrast zu den "lauten" Club-Szenen in St. Pauli oder zu heiteren Episoden wie einem Abendessen der ausgehungerten Beatles bei Astrids Mutter. "Baby´s in Black" macht ein weniger bekanntes Kapitel der frühen Beatles-Geschichte auf ungewöhnliche Weise plastisch.

Besprochen von Olga Hochweis

Arne Bellstorf: Baby´s in black. The story of Astrid Kirchherr & Stuart Sutcliffe
Reprodukt, Berlin 2010
214 Seiten, 22 Euro

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