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Lesart / Archiv | Beitrag vom 16.03.2016

Der ägyptische Schriftsteller Ahmed NajiZwei Jahre Haft für eine schlüpfrige Szene

Von Cornelia Wegerhoff

Der ägyptische Präsident Abdelfatah  al-Sisi spricht an einem Rednerpult. Hinter ihm ist ein bunte TV-Leinwand zu sehen. Am rechten Rand blickt ihn eine Frau mit langen schwarzen Haaren an.  (AFP/KHALED DESOUKI)
Der ägyptische Präsident Abdelfatah al-Sisi - auch unter ihm herrscht im Land wieder die Angst. (AFP/KHALED DESOUKI)

Fünf Jahre nach der ägyptischen Revolution herrschen wieder Unterdrückung und Willkür. Weil der Autor Ahmed Naji durch seinen Roman den "öffentlichen Anstand" verletzt haben soll, muss er für zwei Jahre ins Gefängnis.

Er gilt als experimentelle Stimme der jungen ägyptischen Kultur. Und auch wenn Ahmed Naji in seiner Heimat zum Schweigen verurteilt wurde, im französischen Kultursender "Radio Grenouille" ist er immer noch zu hören.

Aus Protest gegen seine Verhaftung Ende Februar haben die Redakteure seine letzte Lesung für den Sender wieder online gestellt. Es ist sein Begleittext zu "Génération Tahrir", einem Bildband der bekannten französischen Fotografin Pauline Beugnies. Sie dokumentierte mit der Kamera, wie sich die junge Generation Ägyptens durch die politisch unruhigen Zeiten kämpft. Ahmed Naji, selbst erst 30 Jahre alt, beschreibt in Worten die Willkür der Staatsgewalt:

"Ich habe das Monster zum ersten Mal 2005 gesehen. Es war im Stadtzentrum von Kairo, wo sich Dutzende junge Leute versammelt hatten, die 'Es reicht' riefen . Das Monster ist aus den Polizeiwagen herausgekommen. Es trug Militäruniform, mitunter auch Zivil. Es griff die Demonstranten an. Es fielen Schüsse. Die Männer wurden auf den Boden geworfen. Den Mädchen riss man ihre Kleidung vom Leib, auf offener Straße. Das war ein Schock. Wir dachten, dass uns das Monster nichts schlimmeres antun könnte als das ..."

In Ägypten herrscht wieder Angst

Doch die Ägypter täuschten sich. Während des Volksaufstands sollte ihr Kampf für die Freiheit noch Menschenleben kosten. Und inzwischen herrscht längst wieder die Angst in Ägypten. Ahmed Naji, der auch als Journalist und Blogger arbeitete, warnte noch im Dezember: "Es gibt in Ägypten keine Freiräume mehr.” Jetzt sitzt er selbst hinter Gittern.

"Er sitzt im Torra-Gefängnis in Kairo. Sein Anwalt sagt: Es geht ihm einigermaßen gut, den Umständen entsprechend."

Nael Toukhy ist ein Freund Ahmed Najis. Auch er ist Schriftsteller und Journalist.

"Ahmed Naji hat die Politik kritisiert, aber er war kein politischer Aktivist. Er ist ein Literat, ein Künstler, ein Blogger. Dass er an vielen Fäden gezogen hat, war wohl heikel. Aber er wurde bestraft wegen seiner literarischen Werke, nicht wegen politischer Taten. Und genau das macht jetzt vielen Angst. Wir haben alle gedacht, es gäbe maximal eine Geldstrafe."

Denn offiziell kam Ahmed Naji nicht aus politischen Gründen vor Gericht, sondern weil sein jüngster Roman gegen den "öffentlichen Anstand” verstoßen soll. In dem Buch "Istikhdam al Hayah", "Gebrauchsanweisung für das Leben" hatte Naji die Höhen und Tiefen im Alltag eines Ich-Erzählers beschrieben. Besonders junge Leser begeisterten sich für die Geschichte, die im flapsigem Stil, in arabischer Umgangssprache geschrieben ist. Ein 65-jähriger Anwalt will jedoch schwere Herzrhythmus-Störungen erlitten haben, als er eine Sex-Szene las.

"Eigentlich ist sie nicht so schlimm. Wenn jemand etwas liest, was ihm nicht gefällt, dann soll er das Buch gefälligst aus der Hand legen."

"Eine Schande für Sisis Regentschaft"

So der renommierte Kairoer Verleger Mohamed Hashem.

"Dass man einen Autor für eine Figur aus seinem Buch, eine Figur, die etwas Unanständiges macht, so bestraft, als hätte er es selbst getan, das ist völliger Blödsinn."

Zusammen mit über 750 anderen namhaften Persönlichkeiten aus der ägyptischen Kulturszene hat Mohamed Hashem eine Petition unterschrieben, die die Freilassung Ahmed Najis fordert.

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