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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 15.09.2008

Denke scharf und glaube tief!

Joachim Klose u.a. (Hg.): "Gott oder Darwin? Vernünftiges Reden über Schöpfung und Evolution", Springer Verlag 2008, 415 Seiten

Streitbarer Theoretiker: Charles Darwin. (AP Archiv)
Streitbarer Theoretiker: Charles Darwin. (AP Archiv)

"Abrüstung" fordern die Autoren dieses Bandes, so man die Metapher eines Glaubenskriegs bemühen möchte. Zwei Wahrheiten - die der Evolution und die eines religiösen Weltbildes - stehen nicht gegeneinander, sondern verfolgen verschiedene Intentionen: Wissen und Sinnsuche. 25 oft hochkarätige Beiträge belegen das Zerwürfnis zwischen wissenschaftlicher Rationalität und Schöpfungsglaube.

Nein, es geht nicht ein weiteres Mal um Kreationismus oder Intelligent Design, nicht um die Behauptung oder Zurückweisung der buchstäblichen Wahrheit der Bibel. Joachim Klose und Jochen Oehler, die Herausgeber von "Gott oder Darwin", verbitten sich "unvernünftige[s] Reden von der Schöpfung". Sie halten die Bildwelten der Religionen und die Theorien der Naturwissenschaften für "komplementäre Darstellungsweisen der einen Wirklichkeit". Theologie und Evolutionsbiologie sollen auf höchstem Niveau zusammengehen. Gott oder Darwin? heißt die Frage – Gott und Darwin! die implizite Antwort.

25 oft hochkarätige Beiträge belegen das Zerwürfnis zwischen wissenschaftlicher Rationalität und Schöpfungsglaube genauso wie den geistigen Wegeplan möglicher Versöhnung. Ein streitbares, eindeutig christlich grundiertes Buch – nicht immer straff komponiert, nicht immer frei von ideologiepolitischen und missionarischen Interessen, jedoch kühn und stolz in seinem Ansinnen: Denke scharf und glaube tief!

An den Anfang von Gott oder Darwin? haben die Herausgeber einen Aufsatz des ehemaligen DFG-Präsidenten Wolfgang Frühwald gestellt, der als Literaturwissenschaftler geschmeidig und frei von Fachchinesisch schreibt. Frühwald hält es beim Anblick des bestirnten Himmels mit Reinhold Schneider: "Was uns durchschauert, ist erhabene Sinnlosigkeit, leblose, kreisende Feuer, willkürlich ausgeschleudert und zusammengeworfen." Aber er präsentiert fair die "eher subjektiv-emotionale[n] Gottesbeweis[e]", die etwa unter renommierten Physikern wie Albert Einstein und Carlo Rubia verbreitet waren/sind und an die Bekenntnisse eines Jean Paul oder Adalbert Stifter anschließen. "Es ist hier eine Intelligenz auf höherer Ebene vorgegeben, jenseits der Universums selbst", hat Nobelpreisträger Rubia mit Blick auf Galaxien und Elementarteilchen konstatiert.

Die Aufsätze Wolfgang Frühwalds und Ernst Peter Fischers, der über die Grenzen der Evolutionstheorie nachdenkt, können als Einführungen verstanden werden. Dann aber wird der Leser zum intellektuellen Spagat verpflichtet. Kernige Theologie und anspruchsvolle Evolutionsbiologie wechseln einander ab; ausgetestet wird, ob alle Prozesse des Kosmos wie des irdischen Lebens evolutionär sind und/oder hinter aller Evolution Gott steht.

Dabei stört es, dass der Neutestamentler Klaus Berger, der 25 Jahre Vertrauensdozent der Konrad-Adenauer-Stiftung war (die den Band finanziert hat), weniger argumentiert, als vielmehr predigt und fundamentalistisch agitiert, etwa indem er Homosexualität als "Schieflage" der natürlichen Ordnung brandmarkt. Es stört auch, dass sich der Botaniker Klaus Kowallik derart tief in sein Thema – "Evolution durch genomische Kombination" – eingräbt, dass ihm kaum noch Platz zur Reflexion auf das Oberthema "Gott oder Darwin?" bleibt.

Aber solche Störungen sind im Rahmen dieses Bandes (oft) produktiv. Sie zeigen, wie schnell Naturwissenschaftler und Theologen selbst dort auseinanderdriften, wo sie zum Treffen verabredet sind. Es ist nicht zuletzt ein Problem der Sprache, wie man Schöpfungsglaube rational und Evolutionsbiologie ohne provozierenden Atheismus formuliert. Robert Spaemann fragt deshalb: "Was erklärt die Evolutionstheorie?", Jürgen Hübner will noch grundsätzlicher wissen: "Was bringt uns das Denken über Schöpfung und Evolution?" Seine Antwort: "Das christliche Schöpfungsverständnis vermag evolutive Denkansätze davor bewahren, ihrerseits evolutionistisch zu einer Ideologie zu verkommen."

In solchen Statements zeigt sich der Charakter des Bandes: Die wissenschaftliche Vernunft soll zwar vor religiösem Fundamentalismus bewahren, noch mehr aber soll der Glaube vor dem triumphalen Unheil einer gleichgültigen Rationalität schützen, die alles erklärt, aber keinen Sinn aufdeckt, alles Machbare macht, aber keinen Zweck erkennt.

Gott oder Darwin? bietet geistiges Schwarzbrot, das schwerlich auf einmal verspeist werden kann. Aus einigen Aufsätzen ist die Verbindung zum Oberthema kaum herauszulesen. Ohne näheres Interesse an Biologie und Theologie geht gar nichts. Wer aber Interesse und Lektürefestigkeit mitbringt, dringt weit tiefer in die Probleme, als es Tageszeitungs-Debatten erlauben. Ob man am Ende evolutionsbiologisch aufgeklärt und gleichzeitig ein religiöser Mensch sein kann – das ist eine Frage des Glaubens. Und der Veranlagung. Und damit wohl der Evolution.

Rezensiert von Arno Orzessek

Joachim Klose u.a. und Jochen Oehler (Hrsg.): "Gott oder Darwin? Vernünftiges Reden über Schöpfung und Evolution", Springer Verlag, Berlin Heidelberg, 2008, 415 Seiten, 29,95 Euro

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