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Reportage / Archiv | Beitrag vom 10.10.2013

Den Geist von Goethe in der Wand

Ellen Vegelahn stellt aus alten Büchern Dämmung für Häuserwände her

Von Maicke Mackerodt

Nur die Seiten des Buches werden zu Ökowolle verarbeitet, der Einband wird vorher per Hand abgerissen.  (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)
Nur die Seiten des Buches werden zu Ökowolle verarbeitet, der Einband wird vorher per Hand abgerissen. (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)

Hunderte Tonnen alter Bücher verarbeiten Ellen Vegelahn und ihr Mann jedes Jahr: Aus den Seiten der Bücher stellen sie Ökowolle her, die Hauswände dämmt. Das tut manchmal ein bisschen weh, ist aber ökologisch - und muss unter strengster Geheimhaltung geschehen.

Ganz versteckt, am Ortsrand von dem kleinen Eifeldörfchen Lissendorf, steht eine Holzlagerhalle. Das schwere Rolltor öffnet sich, nun tauchen Unmengen an Büchern auf - bis unter die Decke stapeln sich Berge von Lexika, Romanen, Ratgebern, Koch- und Kinderbüchern: Rund 300 Tonnen überzählige Exemplare aus den Buchverlagen landen hier pro Jahr. Ich habe mein eigenes Buch mitgebracht: ein antiquierter Liebesroman in gelbes Leinen gebunden mit Lesebändchen. Ich begleite ihn auf seiner letzten Reise.

Ellen Vegelahn: "Die Frauen sitzen hier in der Regel zwischen sechs bis acht Stunden werden hier Bücher aufgerissen…"

Die drei Arbeiterinnen tragen Gummihandschuhe, denn sie nehmen hunderte von Ratgebern Abitur 2012 einzeln in die Hand, holen die DVDs heraus und brechen dann das Buch mit einem kräftigen Ruck auseinander. Der mit Folie überzogene Einband muss weg, der Rest landet in einem mannshohen Container.

Auch Dieter Bohlens Erstauflage ist hier vernichtet worden

Ellen Vegelahn, 57, und ihrem Mann gehört die ehemalige Holzlagerhalle direkt hinter dem Wohnhaus. Hier ist - unter hohen Sicherheitsauflagen - vor ein paar Jahren Dieter Bohlens Erstauflage von "Hinter den Kulissen" vernichtet worden. Oder 30.000 Exemplare von Oskar Lafontaines Biografie.

"Mein Herz schlägt links". Fachkundig begutachtet Ökologie-Expertin Vegelahn meinen mitgebrachten Liebesroman.

"Was wir nicht gebrauchen können ist der Einband, der muss komplett abgemacht werden, jetzt haben wir nur noch den reinen Buchblock, das hier kommt in die Entsorgung."

"Wenn ich es einreiße, da ist eine schöne lange Faser. Wenn sie so gegen das Licht gucken und an die Reißkante, da können sie sehr schön die Faserung des Papiers erkennen und das ist für uns als Dämmstoff gut."

Aus meinem und allen anderen zerfledderten Büchern wird später Zellulose-Wolle gemacht. Ein Baustoff, der gern zum ökologischen Dämmen von Häusern verwendet wird, weil er den Energieverbrauch um 24 Prozent mindert. Doch nicht jedes Buch kommt für Ellen Vegelahn in Frage.

"Rechte Literatur haben wir grundsätzlich abgelehnt zu vernichten, ganz ehrlich, das würde ich auch keinem Kunden zumuten: Dämmung aus rechter Literatur, das war für uns immer ein Tabuthema. Was wir auch mal abgelehnt hatten, waren Koranvernichtungen."

"Jetzt fahren wir mit ihrem Buch in unsere Zellulose Produktion nach Belgien, da können sie schauen, was aus ihrem Buch wird."

Tonnenweise aussortierte Bücher

Etwa eine Stunde dauert die Fahrt in das grenznahe Schoppen. Die zweifache Mutter erzählt, dass die Idee, Bücher der Umwelt zuliebe zu recyceln, eher zufällig entstand. Weil Altpapier immer schwieriger zu bekommen war, suchte sie vor zehn Jahren für ihre Zellulose-Produktion eine Alternative. Sie schrieb damals mehrere Verlage an und erhielt gleich beim ersten Mal viereinhalb Tonnen aussortierter Bücher.

"Da ist dann irgendwann ein kompletter Selbstläufer geworden, sodass wir also immer mehr Makulierware von den Verlagen angeboten bekommen haben."

Allerdings legen die Verlage Wert auf absolute Diskretion. Buchtitel dürfen in den meisten Fällen nicht genannt werden, sonst drohen hohe Geldstrafen. Kein Verlag gibt gerne zu, sich verkalkuliert zu haben. Selbst der Titel von meinem Liebesroman soll vorsichtshalber nicht erwähnt werden.

"Wir haben dann versucht, Kontakte zu Verlagen zu bekommen, um deren Buchvernichtung vielleicht zu machen. Da gehen sie schon mit einem anderen Auge über so eine Buchmesse, aber auf der anderen Seite kommt man sich auch so ein bisschen vor wie so ein Bestattungsunternehmer."

Mitten im Gewerbegebiet Schoppen, umgeben von Apfelbäumen und Kuhweiden, stapeln sich in einer Industriehalle alte Zeitungen bis unter die Decke. Es ist ohrenbetäubend laut, ziemlich staubig und riecht nach Papier. Zwei Gabelstapler rangieren zwischen den Papierballen. Einmal im Monat schickt Ellen Vegelahn zehn Tonnen Bücher hierher. Ruckzuck sind sie weg.

"Innerhalb von einem halben Tag verarbeitet, das geht relativ schnell, die werden mit einem Stapler mit der Schaufel aufgenommen, kommen in einen großen Schredder rein."

Auch meinen Liebesroman werfe ich in den Riesen-Schredder, dessen Öffnung wie ein großes, breites Maul wirkt.

Aus dem Buch werden grobe graue Flocken

In zwei, drei Sekunden zerhäckselt und zerreißt die Papiermühle mein Buch. In dem kleinen Sichtfenster sehe ich nur noch grobe graue Flocken vorbeiwirbeln, die mit Hochdruck durch breite Rohre quer durch die Halle gepustet werden:

In der meterhohen Papiermühle werden - für mich unsichtbar - nun die Zellulosefasern aufgelöst und mit Brandschutzmittel versorgt. Zum Schluss wird mein Buch mit insgesamt 14 Kilo Altpapier-Mikrofasern in einen Plastiksack geblasen und luftdicht verschweißt. Ellen Vegelahn übergibt mir - symbolisch - einen Schuhkarton voller warmer, flauschig weicher, gräulicher Zellulosedämmwolle. Aus meinem Liebesroman sind 220 Gramm Dobry-Ecovilla-Fasern geworden, was übersetzt Ökowolle bedeutet. Sieht aber eher aus wie der Inhalt eines Staubsaugerbeutels.

Ellen Vegelahn, die ihr Haus auch mit Buchflocken gedämmt hat, würde selber nie auch nur ein einziges Buch wegwerfen. Selbst ihre Kinderbücher hat sie noch. Sie kennt Kunden, die ihre Häuser nur mit Bücherflocken dämmen und meinen, den Geist von Goethe, Coelho oder Birgit Vanderbeke in den Wänden zu spüren.

"Die ersten Lieferungen, die wir gekriegt haben, da kam ich mir schon vor wie so ein Verbrecher, so ein Buchvernichter, bis man sich mit dem Gedanken angefreundet hat und gesagt hat: Viele Leute haben jetzt durch uns mehr Literatur in der Wand als an der Wand."

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